BERLIN. Die Bundesregierung will ungeachtet des Atomausstiegs die Kernforschung ausweiten. "Ich werde die Förderung dafür in den nächsten Jahren konsequent ausbauen und die Ausbildung junger Nuklearwissenschaftler verbessern", sagte Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) der Berliner Zeitung. "Wir dürfen uns keinen Kompetenzverlust in der Kernforschung leisten, so lange um uns herum überall neue Kernkraftwerke gebaut werden", stellte die Ministerin klar.Nach Angaben Schavans betrifft dies vor allem die Reaktorsicherheit, den Strahlenschutz und die Endlagerung. Dafür hat sie in diesem Jahr erstmals zehn Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Die Ausgaben sollen weiter steigen: 2009 sollen es 13 Millionen Euro, 2010 dann 14 Millionen Euro werden. Während der letzten Jahre der rot-grünen Regierung gab es im Ministerium gar keine nukleare Projektförderung.Daneben stellt Schavan der Helmholtz-Gemeinschaft zusätzlich gut 33 Millionen Euro im Jahr für die Sicherheits- und Endlagerforschung zur Verfügung. Die Wissenschaftsorganisation betreibt in Karlsruhe und in Jülich zwei der insgesamt drei nuklearen Forschungszentren Deutschlands. Im Bereich der öffentlichen Grundförderung arbeiten dort aber nur noch 170 Forscher, vor fünf Jahren waren es noch 230, das ist ein Rückgang von mehr als einem Viertel.Diesem Bedeutungsverlust will Schavan nun entgegenwirken. Dies ist politisch pikant, da die Koalitionspartner beim Thema Kernenergie unterschiedliche Meinungen vertreten. Während die Union auf die Atomkraft setzt und die Laufzeit der 17 deutschen Meiler verlängern will, lehnt die SPD dies bislang strikt ab. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) bekräftigte diese Position gestern noch einmal in einem Brief an alle SPD-Bundestagsabgeordneten.Die deutschen Forschungsorganisationen und die Industrie hatten dagegen immer wieder vor einer Vernachlässigung der Kerntechnik gewarnt. "Wir sind gerade dabei, unsere Kompetenz im Bereich Kernenergie, der Sicherheitstechnologie und der Entsorgungstechnik zu verlieren", sagte der Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft, Jürgen Mlynek, dieser Zeitung. Deswegen dürfe es nicht nur um bestehende Reaktortechniken, sondern auch um die Technologien für zukünftige Reaktorgenerationen gehen.Dabei handelt es sich um die Reaktoren der sogenannten vierten Generation. An diesen Anlagen wird derzeit geforscht, sie sollen weltweit ab 2040 zum Einsatz kommen. Auch an diesen Forschungsprojekten will sich Deutschland jetzt beteiligen - allerdings nur, soweit es Fragen der Anlagensicherheit und der Abfallminimierung betrifft. Damit sieht sich Ministerin Schavan auf dem Boden des Koalitionsvertrages. Dieser lässt den Atomausstieg unangetastet.Der Cheflobbyist der deutschen Atomwirtschaft, Walter Hohlefelder, zeigte sich zufrieden. Es sei ausdrücklich zu begrüßen, dass Schavan sich auch an der Erforschung von Reaktoren der vierten Generation beteiligen wolle, sagte der Präsident des Deutschen Atomforums dieser Zeitung. "Als moderner Industriestaat und Technologiestandort darf sich Deutschland aus dieser Entwicklung nicht ausklinken und damit Zukunftschancen verbauen", betonte Hohlefelder.------------------------------"Als moderner Industriestaat darf sich Deutschland aus dieser Entwicklung nicht ausklinken." W. Hohlefelder, Atomwirtschaft