Anders als Helmut Kohl ist Christoph Schlingensief mit seiner Partei "Chance 2000" auf eine Niederlage bei der Bundestagswahl vorbereitet. Für den 27. September ist an der Volksbühne eine Party unter dem Titel "Wahldebakel 98" angekündigt (ab 17 Uhr); bei der berlin biennale eine Woche später wird Schlingensief in einer Aktion seine Kanzlerambitionen begraben. Anschließend ist im südöstlichen Österreich eine "Entsorgung für Graz" geplant.Daß "Chance 2000" den Wahltag überhaupt erleben wird, war noch vor einer Woche äußerst unwahrscheinlich. Am Montag aber, dem 1. Jahrestag von Lady Dis Tod und Schlingensiefs Verhaftung in Kassel, wurde das Schlimmste abgewendet. Eine neugegründete Gesellschaft bürgerlichen Rechts mit dem Namen "Chance 2000 International" übernimmt die rund 100 000 Mark Schulden, die sich bei der Partei angehäuft haben. Sieben Teilhaber verhinderten den drohenden Konkurs, darunter Schlingensief selbst, ein Zusammenschluß dreier Independent-Labels und der Filmemacher Tom Tykwer ("Vorher hat Christoph mir geholfen, jetzt kann ich ihm helfen"). Die Gesellschaft soll künftig als Dachorganisation von Verein und Partei fungieren. Durch den Kauf von Anteilsscheinen kann man sich an Erfolg oder Mißerfolg des Unternehmens beteiligen. Über eine Servicenummer (0190 444 020) kann Information eingeholt und der Tageskurswert der Scheine erfragt werden. Kommerzialisierung also, nicht ohne ideologischen Überbau: "Wir werden immaterielle und materielle Werte gegeneinander testen", so Schlingensief gestern auf einer Pressekonferenz. Nicht nur wähle jeder sich selbst, sondern sei auch sein eigener Unternehmer, ob mit oder ohne Arbeit.Einzige Bedingung der Retter: totale Autonomie aller Sympathisanten, Aktivisten, Parteimitglieder, Direktkandidaten (bundesweit rund 70), Landesverbände (acht), wie auch der neuen "Chance 2000"-Büros in Sarajevo, London und Paris. Oder, wie Schlingensief sagte: "Jeder kann losrasen. Wir klagen ein, daß das mit voller Haftung betrieben wird." Der große Parteivorsitzende nannte für diesen neuen Weg die Situationisten als Vorbild, die eben gerade keine Mitglieder sein wollten. "Chance 2000" sei ein Netzwerk geworden, das darauf drängt, sich verselbständigen zu dürfen. Nächste Woche wird im Internet ein "Think Tank" eingerichtet, an dem unter anderen Elfriede Jelinek teilnehmen soll. Am Tag nach der Wahl soll die Geschäftsführung an den starken Landesverband Hessen übergeben werden.Ein Schlüsselerlebnis, das die Notwendigkeit innerer Reformen zeigte, war das Bad im Wolfgangsee. Schlingensief: "Das war unsere Bundestagswahl. Die sechs Millionen Arbeitslosen haben mich als ,Führer abgewählt, indem sie lieber in ihren eigenen Badewannen blieben." Infolgedessen muß die Partei nun führerlos in ihr Wahldebakel schlittern. Der "König der Herzen" zieht sich in den Bunker zurück. Auf kostspielige Werbemittel wird ab sofort verzichtet, Wahlkämpfer müssen etwa auf der "Chance 2000"-Website sich ihre eigenen Plakate machen, einige Entwürfe sind schon gespeichert: "Macht Fehler", "Macht Vorschläge" oder "Aufforderung zu Straftaten", jeweils mit dem Zusatz "Du weißt schon, wie das geht".Dann wird doch noch ein bißchen Wahlkampf gemacht. "Wir sind die ehrlichste Partei", sagt Schlingensief. "Parteien sind alle käuflich, aber nur wir stehen dazu. Die anderen Parteien erklären ihren Konkurs erst nach dem Siebenundzwanzigsten." Vorher steht für das "Chance 2000"-Team noch eine anstrengende Wahlkampftour auf dem Programm: Bregenz, Leipzig, Bonn, Frankfurt am Main, Hamburg, München, Berlin, Halle, Hildesheim und Hannover. Die Reisekosten sollen durch die Abendeinnahmen wieder hereinkommen.Früher war "Chance 2000" ein Theater, bei dem man sich gelegentlich freute, wenn es Züge von Wirklichkeit annahm. Jetzt ist "Chance 2000" Wirklichkeit (oder, in Schlingensiefs Worten, "eine Inszenierung, realer als die Inszenierung namens Wirklichkeit"), und man ist schon sehr dankbar, wenn die theatralische Fiktion ab und zu hervorblinzelt. Vielleicht wird s ja in vier Wochen wieder.