Istanbul - Eine ehrwürdige Zeitung zeigt Mut und macht neue Karriere: Die Druckerei der linkskemalistischen türkischen Tageszeitung Cumhuriyet in Istanbul bekam am frühen Mittwochmorgen Besuch von der Polizei. Die Beamten wollten kontrollieren, ob das Blatt seine Ankündigung wahrgemacht hatte, die erste Nach-Terror-Ausgabe der Pariser Satirezeitschrift Charlie Hebdo in der aktuellen Ausgabe teilweise nachzudrucken – inklusive dem Titelbild, das den Propheten Mohammed weinend mit dem Schild: „Je suis Charlie“ zeigt.

Deshalb wurden die Auslieferungslaster von der Staatsanwaltschaft gestoppt. Die geplante publizistische Solidaritätsbekundung wäre in der zu 99 Prozent muslimischen Türkei womöglich strafbar wegen „Beleidigung des Propheten“. Nach einstündiger Inspektion durften die Lieferwagen dann ihre Fahrt fortsetzen, da die Gesetzeshüter feststellten, dass die Titelkarikatur mit dem Propheten nicht in einem der Zeitung beiliegenden vierseitigen Charlie-Hebdo-Nachdruck auf Türkisch enthalten war.

Doch waren den staatlichen Zeitungsprüfern offenbar zwei kleine Faksimiles des trauernden Mohammed entgangen, mit denen Cumhuriyet-Kolumnisten ihre Kommentarspalten schmückten. Ceyda Karan, eine der Kolumnistinnen, sagte der Berliner Zeitung, dass die Polizei zwar zunächst auch vor der Redaktionsgebäude aufgezogen sei, dieses aber nicht betreten habe.

Ihre Titelseite machte Cumhuriyet am Mittwoch mit der Schlagzeile auf: „Wir wollen den Kampf der Meinungsfreiheit in der Welt unterstützen“ und bezeichnete den Nachdruck als „Akt der Solidarität“. Chefredakteur Utku Cakirözer erklärte der Zeitung Hürriyet, man habe sich nach langer Diskussion darin gegen einen Abdruck der gesamten Charlie-Hebdo-Ausgabe und besonders der Mohammed-Karikatur entschieden: „Wir haben auf religiöse Empfindlichkeiten ebenso wie auf die Religionsfreiheit geachtet.“ Dazu sagte Redakteurin Ceyda Karan, dass sie und die Zeitung zahllose Morddrohungen erhalten hätten. „Wie immer in solchen Fällen.“ Natürlich habe sie Angst: „Das ist ja nur menschlich.“

Der Bedrohung kommt auch von offizieller Seite. Regierungsnahe und islamistische Zeitungen wie Yeni Akit und Vahdet, aber auch prominente türkische Politiker wie Vizepremier Yalcin Akdogan bezeichneten den Nachdruck durch Cumhuriyet und die Mohammed-Karikatur selbst als „schwere Provokation“. Am Mittwochnachmittag ordnete ein türkisches Gericht in der südostanatolischen Metropole Diyarbakir eine Sperre aller Internetseiten an, die das Propheten-Titelbild zeigen.

Diese Reaktionen riefen ebenso wie die Razzia Empörung in den sozialen Medien der Türkei hervor. Viele Nutzer kritisierten eine „Doppelmoral der Regierung“, deren Ministerpräsident Ahmet Davutoglu an der großen Pariser Solidaritätsdemonstration für die Opfer des Anschlags auf Charlie Hebdo unter dem Motto „Je suis Charlie“ teilnahm und nun die Polizei gegen eine ähnliche Solidaritätsbekundung von Medienschaffenden im eigenen Land losschicke.

Der Charlie-Hebdo-Chefredakteur Gérard Biard erklärte unterdessen in Paris laut AFP, dass die türkische Version der in zwölf Sprachen veröffentlichten Magazinausgabe die wichtigste überhaupt sei, „denn der verfassungsmäßige Säkularismus ist in der Türkei unter schwerem Beschuss“.

In der Türkei solidarisierte sich nicht nur Cumhuriyet mit Charlie Hebdo, auch die oppositionellen Zeitungen Yurt und Söscü veröffentlichten das Mohammed-Titelbild in ihren Onlineausgaben. Die drei wöchentlichen türkischen Satiremagazine Leman, Penguen und Uykusuz erschienen bereits am Dienstag mit identischen Titelbildern, die eine Sprechblase mit dem Solgan „Je suis Charlie“ auf schwarzem Grund zeigten, die Satirezeitschrift Girgir hatte die Titelseite komplett geschwärzt.

Die türkischen Sicherheitskräfte, die das schwer gesicherte Cumhuriyet-Redaktionsgebäude in Istanbul seit einem Handgranatenanschlag 2006 bewachen, verschärften ihre Schutzmaßnahmen am Mittwoch. Auf die Auflage des kleinen Blattes wirkte sich die mutige Aktion der Redaktion positiv aus. Im Istanbuler Szenebezirk Cihangir nahe dem Taksim-Platz war Cumhuriyet gegen Mittag an allen Kiosken ausverkauft.