Es hört nicht auf zu regnen. Wahrscheinlich wird es nie mehr aufhören. Es hat in Stockholm geregnet. Es hat 250 Straßenkilometer lang geregnet. Aus schwarzen, tiefhängenden Wolken, die keinen Anfang hatten und kein Ende, rauschte es gleichmäßig auf Felder und Bäume und ein paar rote Häuschen, die der Zufall in großen Abständen in die Landschaft gestreut hatte. Bis zu dem kleinen Straßenschild regnete es, das nach rechts in die tiefen Wälder zeigte. Nach Porla. Die Wälder taten sich für einen Moment auf und gaben zwanzig hübsche weiße Häuser frei. Vielleicht waren es auch nur fünfzehn. Auf jeden Fall war dies Porla. Dann schlossen sich die Wälder wieder.In Porla hört die Straße auf. Sie versickert als schmaler Weg zwischen dunklen Bäumen. Es ist das Ende der Welt. Kurz davor steht die Villa Hamilton. Ein grauer, großer Pavillon mit schadhaftem Dach, in dem seit Mitte April Charlotte von Mahlsdorf wohnt. Und Lothar Berfelde. Retterin mehrerer Schlösser und Gutshäuser. Pionier der Schwulen- und Lesbenbewegung der DDR. Frau im Männerkörper. Gast vieler Talkshows. Gegenstand unzähliger Artikel. Bestsellerautorin. Museumsgründer. Es gibt seit kurzem sogar eine CD von ihr. Sie heißt "Farewell". Lottchen. Lothar. 69 Jahre alt. Vertrieben aus Deutschland.Vor der Tür steht ein roter Mercedes-Kombi mit einem Berliner Nummernschild, hinter der Tür springt aufgeregt ein zottiger, riesiger Hund auf und ab. Er heißt Klops. Es war ein weiter Weg bis zu Charlotte von Mahlsdorf. Und noch sind wir nicht da.H Eine alte Dame beruhigt Klops ein wenig, bevor sie die Tür öffnet. Sie heißt Helene Kempe, stammt aus der Nähe von Bitterfeld und ist die Mutter von Beate Jung, die mit ihrer Freundin Silvia Seelow seit über zehn Jahren mit Charlotte von Mahlsdorf zusammenlebt. In der Küche sitzt Heinz Kempe. Der wird dieses Jahr achtzig. Kempe stochert in einer dicken Nudelsuppe herum. Die beiden alten Leute wohnen hier bereits seit über einem Jahr, sie haben ihr Haus in Bitterfeld verkauft, um in Schweden ein neues Leben zu beginnen. Wie das aussehen soll, ist noch nicht hundertprozentig klar. Vorerst läuft im Küchenfernseher noch eine deutsche Volksmusiksendung. "Ist kalt hier", faßt Heinz Kempe seine Schwedenerfahrungen zusammen. "Und im Winter sehr dunkel.""Lottchen!" ruft seine Frau in die Tiefe des Hauses. Und dann nochmal: "Lottchen". Es bleibt ruhig. "Ich geh· sie mal suchen", sagt Helene Kempe und verschwindet. Dafür erscheint jetzt Silvia Seelow. Sie ist dick und war mal Lehrerin für Polytechnik, bevor sie vor zwölf Jahren in das Gutshaus zog, in dem Charlotte von Mahlsdorf ihr Gründerzeitmuseum betrieb. Was sie seitdem macht, ist nicht sicher, jetzt will sie erst mal wissen, wieviel Geld die Zeitung bereit ist, für ein Interview mit Charlotte von Mahlsdorf zu zahlen. Ein junger Mann mit dünnen Haaren, die er zu einem Zopf gebunden hat, huscht wortlos vorbei. Moritz. Er lebt seit etwa fünf Jahren bei Charlotte von Mahlsorf. Und wahrscheinlich auch von ihr. Wie all die anderen.Helene Kempe kehrt mit der Nachricht zurück, daß "Lottchen" gleich komme. Sie führt mich in ein großes Zimmer, das mit dunklen, schweren Möbeln vollgestellt ist, und geht wieder zu ihrem Mann und den Nudeln. Ein Büfett, ein Tisch, zwei Sofas, ein Pianola, ein Musikautomat, ein großer Eßtisch, Sessel, Säulen, Tischchen, Regulatoren, Grammophone. Gründerzeit. Vor den Fenstern geht gleichmäßig der Regen nieder.Plötzlich steht Charlotte von Mahlsdorf im Raum. Sie ist einfach da. Wie ein Geist. Ein lächelnder Geist. Ein Geist in Kittelschürze, der ein Staubtuch in der Hand hält."Herzlich willkommen", sagt sie mit einer Stimme, die dieses immerwährende Lächeln auf wundersame Weise weitertransportiert. Jedes Wort, das Charlotte von Mahlsdorf spricht, lächelt. Wir setzen uns an den großen Eßtisch. Sie streicht sorgfältig die Wachstuchdecke glatt, die viele kleine, als Weihnachtsmänner verkleidete Kinder zeigt. In ein paar Tagen will sie in diesem Haus ein "Jahrhundertwende-Museum" eröffnen.Ist die Villa Hamilton nicht ein wenig abgelegen, um ein erfolgreiches Museum zu werden?"Ja, dies ist ein alter Bau", sagt Charlotte von Mahlsorf. "Der wird auch schon an die hundert Jahre auf dem Buckel haben. Es ist viel daran zu machen. Aber das zieht sich durch mein ganzes Leben. Ich hatte es immer mit alten Häusern, fehlenden Türen und dem gemeinen Hausschwamm zu tun." Sie schaut verträumt auf die kleinen Weihnachtsmänner. "Ja, es ist jetzt fast auf den Tag genau 51 Jahre her, daß ich mit dem Gedanken umgegangen bin, meine Sammlung der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Es war im Mai 1946, man kann sagen, in diesen Tagen, als ich das Schloß Friedrichsfelde rettete. Kurz danach habe ich mit weiblicher Schläue das Schloß Dahlwitz-Hoppegarten vor dem Abriß bewahrt. Ich " Von nun an wird Charlotte von Mahlsdorf zwei Stunden reden, unbeeindruckt von Zwischenfragen. Sie nutzt jede Frage nur als Anknüpfungspunkt. Wenn überhaupt. Nach spätestens zwei Sätzen ist sie immer da, wo sie sich auskennt. In ihren Geschichten. Sie geben ihr Sicherheit. Wie die schweren Möbel mit den vielen kleinen Verzierungen.Es sind Geschichten, die gespickt sind mit Jahreszahlen und Namen. Namen von Adligen, Politikern und Menschen, die einfach nur Herr Schmidt heißen. Sie wird lächelnd zwischen den Jahreszahlen herumspringen.Von ihrem gütigen Großonkel Josef Brauner wird die Rede sein, der einst an dem kleinen Tischchen, das heute im Mahlsdorfer Gründerzeitmuseum steht, den ersten Mercedes-Benz erfand, vom hartherzigen Vater, den der kleine Lothar seinerzeit in dunkler Nacht ­ "die Wanduhr schlug mit Westminster-Gong zur vollen Stunde" ­ erschlagen hat, von der gewitzten Tante Luise aus Ostpreußen, die später nach England auswanderte, vom Wehrmachtsoffizier, der den 17jährigen Lothar Berfelde 1945 noch mit "gütigen, müden Auge n aus einer kummerzerfurchten Miene" ansah, bevor er ihn vor der Erschießung durch "vier SS-Häscher" rettete, von freundlichen Hausmeistern, bösen und lieben Berliner Museumsdirektoren, engstirningen Beamten, blutrünstigen Skinheads und Stasioffizieren mit "schnarrender" Stimme.Von all den Menschen eben, die Charlotte von Mahlsdorfs Geschichten bevölkern wie die Kinderweihnachtsmänner ihre Wachstuchdecke. Geschichten, die ihre Autobiographie "Ich bin meine eigene Frau" füllen. Die ungebrochen in viele Zeitungsartikel flossen, in Ehrenreden und Politikeransprachen, in Begründungsschreiben für Preise, in Chroniken und Gedenkschriften. Sie wurden immer fester und zäher, niemand traute sich mehr, ihnen zu widersprechen. Die Geschichten standen im "Spiegel", sie sind in der Broschüre "Beiträge zur Geschichte" verwewigt, die 1995 zur 650-Jahr-Feier von Mahlsdorf erschien, der Berliner Kultursenator Roloff-Momin begründete mit ihnen 1992 "im Namen des Bundespräsidenten" die Verleihung eines Bundesverdienstkreuzes. Sie wurden härter und härter. Und irgendwann waren sie wahr.Fast.H Im Mai 1995 hat Bürgermeister Volker Schulz Charlotte von Mahlsdorf die Ehrenbürgerwürde von Dahlwitz-Hoppegarten ausgesprochen. Daran erinnert er sich noch ganz genau. Es war ja das erste Mal, daß ein Ehrenbürger von Dahlwitz-Hoppegarten gekürt wurde. Volker Schulz weiß auch noch, wofür Charlotte von Mahlsdorf Ehrenbürger wurde. "Sie hat ja damals das Schloß vorm Abriß gerettet. 1948 war das, glaube ich", sagt Schulz.Hat das auch mal irgend jemand überprüft?"Pffhh", macht der Bürgermeister. "Nee. Aber das ist doch so, oder? Das ist doch allgemein bekannt. Aber überprüft. Nee. Wo denn? Ich hab ein Buch über die Ortsgeschichte. Aber das geht nur bis 1938."Frau Schnabel aus dem Amtsarchiv der Gemeinde hat in ihren Beständen vor kurzem eine Liste gefunden, die belegt, daß Lothar Berfelde im Juni 1976 mehrere historische Bilder vom Schloß Dahlwitz, dessen Wappen und ein Verzeichnis der in der Kirche beigesetzten Schloßherren gekauft hat. "Das war doch erst 1976", überlegt Frau Schnabel. "Wie soll er da 1948 das Schloß gerettet haben? Das ist doch ein Widerspruch, was?"Schwer zu sagen. Vielleicht hätte man mal jemanden fragen sollen. Aber dazu hatte offenbar niemand Lust. Weder Roloff-Momin noch Volker Schulz. Und die Leute, die hätten antworten können, schwiegen. Oder ihnen hörte niemand zu.H Peter P. Rohrlach zum Beispiel ist der stellvertretende Vorsitzende des Fördervereins vom Schloß Friedrichsfelde, das Charlotte von Mahlsdorf 1946 gerettet hat. "Da ich mit einem Leuchter durch die Zimmerfluchten ging und mitunter bei Reparaturarbeiten polterte, vermutete man ein Schloßgespenst", berichtet sie aus jenen Tagen."Es gibt keinerlei Hinweise dafür", sagt Rohrlach. "Es gibt ja nicht mal Hinweise dafür, wovor sie das Schloß hätte retten sollen. Irgendwann erschien bei mir eine Frau aus Westberlin und forderte mich auf, eine Gedenktafel für Lothar Berfelde am Schloß anzubringen. Das konnte ich glücklicherweise verhindern. Aber ich mußte mich lang und breit dafür rechtfertigen. Berfelde will ja auch vom Land Berlin Geld dafür haben, daß er das Schloß instand gesetzt hat. Er sagt, daß er Hypotheken auf das Haus seiner Mutter aufnehmen mußte, um das Gebäude wetterfest zu machen. Soweit bekannt ist, war das Schloß nach dem Krieg in einwandfreiem Zustand. Es gibt auf jedenfall keine Dokumente oder Zeugnisse, nichts. Und da fließen Dichtung und Wahrheit munter durcheinander."Rohrlach ist alter Mahlsdorfer und erinnert sich noch daran, wie Lothar Berfelde mit dem Handwagen durch die Gegend zog, um Möbel zu sammeln. "Er hat schon immer so einen Kokolores erzählt", sagt Rohrlach. "Eine Zeitlang nannte er sich Lothar von Berfelde. Irgendwann erzählte er von seinem Onkel Sigesmund. Sigesmund von Treskow soll sein Onkel gewesen sein. Angeblich habe er ihm auch einen Mantel vererbt. Meine Mutter nennt ihn heute noch manchmal ,von Berfelde und redet von ,Onkel Sigesmunds Mantel . Solche Sachen leben eben weiter. Aber ich habe lange Zeit mit den von Treskows korrespondiert. Da gibt·s garantiert keine verwandtschaftlichen Beziehungen.Er hat wirklich Verdienste um das Gutshaus in Mahlsdorf und seine Gründerzeitsammlung. Da hat er unermüdlich dran gearbeitet. Und er hat auch immer sehr anspruchslos gelebt. Mein Vater hat ihn manchmal zum Essen eingeladen, weil der nichts hatte. Auch andere Mahlsdorfer haben sich um ihn gekümmert. Deswegen sind viele hier auch ziemlich sauer über seine Geschichten vom ewigen Opfer.""Die Geschichten aus Dahlwitz und Friedrichsfelde sind alles Legenden", sagt Professor Günter Schade. Schade war früher Direktor des Kunstgewerbemuseums Köpenick, ist heute Stellvertretender Generaldirektor der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und kennt Lothar Berfelde seit den 60er Jahren."Wir haben immer gut zusammengearbeitet, und ich bewundere ihn wirklich für seinen Einsatz im Gründerzeitmuseum", sagt Schade. "Aber in den letzten Jahren erinnerte er mich immer mehr an einen seiner Musikautomaten, der völlig stereotyp und automatisch seine Geschichten runterdudelt. Er kommt da einfach nicht mehr raus. Was mich vor allem wundert, ist seine Wut auf den SED-Staat, wie er die DDR immer nennt.Ich meine, welcher Staat stellt denn einem Menschen einfach so ein Gutshaus zur Verfügung. Er hat es pachtfrei bekommen. Er hat seine Sammlung in der DDR zusammengetragen. Die Museen haben mit ihm zusammengearbeitet. Und auch seine pauschalen Vorwürfe gegen die Stasi, die ihn mit Steuerschulden erpressen wollte, sind mir ein bißchen zu einfach. Er hat immer schon Sachen verkauft. An Museen, an Privatleute, er hat Kaffeemühlen nach Holland verkauft und auch viele Sachen an diesen zwielichtigen Antiquitätenhändler in Wildau. Und er hat nie Steuern bezahlt."Als Professor Schade das letzte Mal im Gründerzeitmuseum war, erklärte ihm Charlotte von Mahlsdorf, daß sie eine dem Prinzen August gewidmete Granitplatte, die sie aus dem Schloß Friedrichsfelde gerettet habe, mit nach Schweden nehme."Das kannst du doch nicht machen. Das ist doch völlig ahistorisch", hat ihr Schade vorgeworfen."Nee, die nehme ich mit", hat Charlotte von Mahlsdorf geantwortet.Erika Karasek blättert langsam in einer dikken Mappe mit alten Einkaufslisten des Berliner Volkskundemuseums. Jedes Stück, das das Museum für seine Sammlung erwarb, ist hier aufgelistet. Frau Karasek ist Direktorin des Museums für Volkskunde, und Lothar Berfelde war über lange Zeit einer ihrer besten Kunden."Hier, 1981 haben wir mal ein Trichterradio für 1 000 Mark von ihm gekauft und einen Phonographen mit fünf Walzen für 2 000. Dann mal ein Poesiealbum, ein paar Porträtfotos, und 84 hat er uns ein Polyphon mit fünf Walzen für 8 000 Mark verkauft. Er hatte keine kleinen Preise, das kann man nicht sagen. Die größte Summe haben wir 1987 ausgegeben. Da hat er uns für 27 000 Mark seine Uhrensammlung verkauft. 15 Uhren. Ja, man kann sagen, daß wir in zehn Jahren etwa 60 000 Mark an Lothar Berfelde gezahlt haben. Das waren ungefähr 60 Prozent unsereres gesamten Fonds. Davon steht kein einziges Wort in seiner Biografie. Er hat ja immer gesagt, daß er von seiner winzigen Rente leben mußte. So schlecht, wie er es darstellt, ging es ihm nicht", sagt Frau Karasek.Als sie den Eindruck bekam, daß Lothar Berfelde zunehmend unter den Einfluß seiner beiden Freundinnen Silvia Seelow und Beate Jung geriet, habe man Abstand von weiteren Ankäufen genommen, sagt die Direktorin. Sie habe das Gefühl gehabt, daß er in ein unseriöses Umfeld geraten sei."Es gab Tage, da überwog bei ihm das sachliche Interesse", sagt sie. "Und dann gab es welche, da überwog das finanzielle. Zum Schluß gab es nur noch das finanzielle."Prof. Güntzer vom Berliner Stadtmuseum hat seinerzeit die Befürwortung für das Bundesverdienstkreuz geschrieben. Damals war er der Museumsreferent des Berliner Senats und fest davon überzeugt, daß Charlotte von Mahlsdorfs Biografie die Biografie einer Heldin ist. Später hat er "in einem Zustand der Wut" gesagt: "Wenn Charlotte den Mund zum Gähnen öffnet, hat sie schon gelogen."Güntzer ist mißtrauisch geworden, als er erfuhr, daß ins Schloß Friedrichsfelde nach dem Krieg die Trophäenkommission der Roten Armee einzog. Für eine Rettungsaktion von Lothar Berfelde dagegen gab es keine Anhaltspunkte. Güntzer wurde mißtrauisch, als er dem Gründerzeitmuseum einen Besuch abstattete, um mit Charlotte von Mahlsdorf zu beraten, wie man ihre Sammlung stärker an die Stadt binden könne. "Sie hat da eine regelrechte Schmierenkomödie aufgeführt. Sie bekam einen Herzanfall, fiel um, erholte sich wieder und spielte dann gleich noch einen Herzanfall vor. Es war lächerlich." Güntzer wurde mißtrauisch, als er las, "mit welchem Hopplahopp" sie in ihrer Autobiografie die DDR-Jahre überflog. "Wenn sie dieser Zeit genausoviel Aufmerksamkeit gewidmet hätte wie den 30er und 40er Jahren, wäre das Buch dreimal so dick gewesen", sagt er.Güntzer bekam immer wieder versteckte Hinweise aus Museumskreisen, Charlotte von Mahlsdorf nicht alles zu glauben, was sie erzähle. Sehr verschwommene Hinweise zunächst, die später konkreter werden. Und je mehr sich der Westler Güntzer in die Ostgeschichte fummelte, desto stärker wurden seine Bedenken. Desto mitrauischer wurde er.Aber es war zu spät. Güntzer hatte seine Befürwortung geschrieben. Roloff-Momin hatte ausgezeichnet. Die Dinge waren nicht mehr aufzuhalten."Es war ja auch so, daß wir eigentlich einen Denkmalpfleger würdigen wollten. Und dazu kann man, abgesehen von Friedrichsfelde, auch heute noch stehen", sagt Güntzer. "Aber irgendwie kam es dann so rüber, als bekäme Charlotte das Kreuz für ihre Verdienste als erster bekennender Transvestit der DDR. Es war eines der typischen Ost-West-Mißverständnisse. Roloff-Momin wollte sicher auch deutlich machen: ,Guckt her, liebe Ossis. So tolerant sind wir. Jetzt kriegen sogar eure Tunten das Bundesverdienstkreuz. Na ja, Charlotte hat diese Rolle auch vorzüglich mitgespielt, muß man sagen. Sie hat sich rumreichen lassen. Sie wurde zu einer richtigen Kultfigur. Auch im Westen. Sicher ist Charlotte benutzt worden. Aber sie hat sich auch mit Wonne benutzen lassen."Irgendwann schien sie wirklich die Heldin zu sein, für die sich Güntzer einst ins Zeug gelegt hatte. "Was da mit Charlotte passierte, erinnerte mich an die deutsche Gesellschaft in der Nußschale", sagt Professor Güntzer.H Es regnet immer noch. Manchmal schlägt eine Regulator. Die Weihnachtsmänner tanzen. Charlotte von Mahlsdorfs Worte lächeln. Die Legenden leben.Gerade erzählt sie, daß sie 1988 "reisemündig" wurde. Sie durfte jetzt den Westen besuchen, weil sie 60 Jahre geworden war. "Damit war ich pensioniert, wie alle Frauen in der DDR."1991 wurde ein schwul-lesbisches Fest, das Charlotte von Mahlsdorf in ihrem Garten organisierte, von Skinheads überfallen."Es war natürlich eine schlimme Sache", sagt Isolde Stark, die die Bürgerinitiative zum Erhalt des Gründerzeitmuseums gründete. "Aber in Charlottes Erzählungen wurde sie von Mal zu Mal schlimmer." So schlimm, daß sie schließlich zu einem Grund wurde, das Land zu verlassen. Der Psychologe Jürgen Lemke, der Charlotte von Mahlsdorf seit Ende der 70er kennt, sagt "Das war eine Konstruktion. Charlotte hatte niemals Angst." Aber Linda Seeberg aus dem kleinen schwedischen Dorf Porla, in dem Charlotte von Mahlsdorf seit kurzem lebt, weiß bereits: "Charlotte ist von den Nazis aus Deutschland vertrieben worden."In gewisser Weise erhöhte dieser unschöne Zwischenfall Charlotte von Mahlsdorfs Immunität.Kein Mensch erinnerte sich mehr daran, daß sie ihr Museum zu DDR-Zeiten immer der Stadt Berlin vererben wollte. Und in der Folgezeit der jüdischen Gemeinde. Jetzt wollte sie es eben verkaufen. Und das Land Berlin sollte gefälligst bezahlen. Wen interessierte, woher die Möbel und Musikautomaten stammten, für die sie eine Million Mark verlangte? Das Mahlsdorfer Gutshaus hatte sie 1990 für 8 000 Mark erworben. Jetzt wollte sie ebenfalls eine Million dafür haben. Und daß Charlotte von Mahlsdorf beim Finanzamt Hellersdorf 64 000 Mark Schulden hatte, war ja auch egal. Bei ihren Verdiensten. Isolde Stark, die die Bürgerinitiative zum Erhalt des Gründerzeitmuseums gegründet hatte, versorgte die Berliner Zeitungen mit diesen Informationen. Aber niemand druckte es.Statt dessen wuchs der moralische Druck auf den Senat. Während sich die Beamten wanden, nach Ausreden suchten und nach Geld, verkaufte Charlotte von Mahlsdorf das eine oder andere Stück aus ihrem Museum. Drei komplette Zimmer und eine Küche beispielsweise stehen heute im Freilichtmuseum Altranft. Bezahlt mit Fördermitteln des Landes Brandenburg. "Sie hat einfach die beiden einzigen Zimmer ihres gesamten Museums verkauft, die nachweislich aus Berlin stammen", sagt Professor Güntzer. "Es war kein relevantes Museumsgut dabei", beschreibt der Direktor des Freilichtmuseums, Peter Natuschke. "Sie haben viel zuviel Geld für diese Sachen ausgegeben, die auch stilistisch überhaupt nicht in das Museum passen", sagt der Direktor des Oderlandmuseums in Bad Freienwalde, Reinhard Schmook.Charlotte von Mahlsdorf war um Wertausgleich bemüht. "Irgendwann kam sie mit ein paar Büchern vom Sperrmüll an, die sie uns als Gutsbibliothek verkaufen wollte", sagt Professor Güntzer vom Stadtmuseum. "Und zwar wäre es deshalb eine Gutsbibliothek, weil sie nicht vollständig sei. Klar. 10 000 Mark wollte sie dafür haben. Außerdem hat sie die ,Mulackritze im Keller des Gutshauses schnell um ein historisches ,Hurenzimmer erweitert. Sie hat einfach ein Bett in eine Kammer gestellt, einen Prügelbock ­ und fertig war das Hurenzimmer."Als Dr. Wanja, einer der drei vom Senat bestellten Gutachter, Ende 1995 das Gründerzeitmuseum betrat, um das Inventar einzuschätzen, fehlten bereits einige Stücke. Und auch sonst hatte er Probleme, den Wert des Inventars zu benennen. "Natürlich haben auch andere Museen der Stadt Gründerzeitmobiliar. Oft kompletter und im besseren Zustand. Die Sammlung ist also keineswegs einmalig. Ihr eigentlicher Wert besteht darin, daß sie von einer Person, also von Charlotte von Mahlsdorf, zusammengetragen und präsentiert wurde. Nur deswegen sind wir auf einen Schätzwert von etwa 350 000 Mark gekommen." Die Stadt hat dann 520 000 Mark bezahlt. Auch ohne Charlotte von Mahlsdorfs unterhaltsame Führungen."Der Bestand des Museums hat sich seitdem nicht mehr verändert", sagt Hellersdorfs Kulturstadtrat Wolf. Zum Anfang hatten sie eine Sicherheitsfirma mit der Bewachung des Gebäudes beauftragt. Aber das wurde zu teuer. Seitdem macht das ein älteres Ehepaar. Müller heißen die, glaubt Wolf.Manche sagen, daß Beate Jung und Silvia Seelow schuld seien am zunehmenden Geschäftssinn von Charlotte von Mahlsdorf. "Das sind Drohnen", sagt Güntzer. Horst Riesebeck, ein Mahlsdorfer Mechaniker, der seit Jahren die Musikautomaten des Museums wartet, hat festgestellt, "daß man in den letzten Jahren kaum noch zu Lottchen vordringen konnte, weil die beiden Mädels ihn doch ganz schön abgeschirmt haben". Und Isolde Stark von der Bürgerinitiative sagt: "Die beiden haben alle alten Freunde nach 1990 regelrecht weggebissen. Wie Hofhunde."Sie glaubt allerdings auch, daß die beiden so was wie eine Ersatzfamilie für Charlotte von Mahlsdorf waren. "Silvia ist eine grobe, ungebildete Person. Sie hat Charlotte mitunter regelrecht gedemütigt. Ich denke, sie hat die Rolle des bösen Vaters gespielt, der immer noch eine große Faszination auf Charlotte ausübt. Da war eine richtige Hörigkeit da. Die haben Charlotte vermarktet und gemolken, wo es nur ging. Charlotte hat doch überhaupt keine Übersicht mehr gehabt. Irgendwann hat sie Beate Jung dann adoptiert. Charlottes Geschwistern ist Himmelangst geworden. Eine Weile sah es auch so aus, als wolle Charlotte ihre Schwester Siegrid aus dem Haus der Mutter treiben. Und die Idee, nach Schweden zu gehen, stammt doch auch nicht von Charlotte. Die Frauen wollten nach Schweden. Aber es war ihr nicht mehr auszureden. Man ist einfach nicht mehr an sie herangekommen. Eigentlich hätte Charlotte einen Psychiater gebraucht", sagt Isolde Stark. "Ich kenne Charlotte ja schon seit zehn Jahren. Aber zum Schluß stand ich einem Menschen gegenüber, der mir völlig unbekannt war."Auf dem Bürgersteig vor einem alten Mahlsdorfer Einfamilienhaus stehen zwei ältere Menschen, die Charlotte von Mahlsdorf ähnlich sehen. Das ist kein Wunder, denn sie sind ihre jüngeren Geschwister. Siegrid und Hanfried Berfelde."Wissen Sie", sagt Hanfried Berfelde. "Wir möchten nicht mit unserem Bruder in Verbindung gebracht werden. Er lebt sein Leben, wir unseres. Er ist eine schrille Person, wir nicht. Das sollte man nicht mischen.""Er spinnt sich in seine Träume ein", sagt seine Schwester."Lothar erzählt seine Geschichten. Er erzählt sie so lange, bis sie Wahrheit sind", sagt Hanfried Berfelde. "Dann ist hoffentlich Ruhe. Ich habe zwei Kinder, die Anfang 30 sind. Die wohnen in einer kleinen Stadt, da kennt jeder jeden. Die wollen auch noch eine Zukunft haben.""Aber bei allem, was ist, bleibt er doch unser Bruder", sagt Siegrid Berfelde. "Ich mache mir Sorgen um ihn. Wie geht·s ihm denn da oben? In Schweden?"H Es hat aufgehört zu regnen. Die Wolken drohen zwar weiterhin, aber Charlotte von Mahlsdorf möchte die Gelegenheit nutzen, die schöne Umgebung vorzuführen. Ihr blauer Damenmantel weht im Wind. Bürgersteige gibt es nicht in Porla. Es scheint ja auch keine Bürger zu geben. Nicht mal eine Gardine bewegt sich. Charlotte von Mahlsdorfs Absätze klappern auf der verlassenen Dorfstraße, dann biegt sie auf einen kleinen, schwarzen, moddrigen Pfad ab, der zu ihrem Lieblingsplatz führt. Wir balancieren durch struppige Büsche, vorbei an vermoosten Steinhaufen, die von Häusern übriggeblieben sind, die vor Jahrzehnten verlassen wurden. Neben dem Weg treibt träge eine schwarzer Bach. Irgendwann gelangen wir auf eine kleine Lichtung. Zwischen den Bäumen, einem überwucherten Gleis und einer verrotteten Lore stehen auf einem kleinen Rasenstück zwei Bänke. Durch einen Spalt im Wald kann man auf ein Stück schwarzglänzendes Torffeld sehen, auf dem eine rostige Maschine steht."Ist es nicht schön hier?" fragt Charlotte von Mahlsdorf. "Die Ruhe? Die Natur?"H "Charlotte hat was ganz ausgeprägt Autistisches", sagt der Psychologe Jürgen Lemke, der Charlotte von Mahlsdorf in den 80er Jahren für sein Buch "Ganz normal anders" interviewte."Sie lebt in ihren Geschichten wie in einer Glaskugel. Um den ganzen Hohn und Spott zu überleben, den sie von Kindheit an ertragen mußte, hat sie sich eine eigene Innenwelt geschaffen. Die Leute in Mahlsdorf haben sie doch betrachtet wie eine Behinderte, wenn sie mit ihrem Körbchen durch die Straße lief. In ihrer Welt konnte sie überleben. Und da Charlotte nicht die Intelligenteste ist, ist auch diese Welt relativ schlicht. Es gibt die Guten und Weisen wie ihre Tante Luise und den Onkel Brauner und die ganz Bösen wie den Vater und die Stasi. Es ist so etwas entstanden wie ein Groschenroman. Und wie bei Autisten üblich, erzählt sie die Geschichten auch immer wieder gleich. Die Stereotype werden perfektioniert. Ab und zu kommt etwas hinzu. Die Geschichte mit der Ermordung ihres Vaters zum Beispiel hat sie damals noch nicht erzählt. Und auch die Szene, in der der gute Offizier sie vor der SS rettet, ist neu. Aber sie passen gut in ihre Welt. Sie hat eine Kitsch-Ästhetik. Letztlich ist Charlotte auch eine Kitschfigur. Und ehrlich gesagt, wollten die Leute ja auch immer genau diese Charlotte haben."Lemke glaubt, daß zu der sicheren Umgebung, die Charlotte von Mahlsdorf sucht, auch ihr Gründerzeitmuseum gehörte. "Sie war ja so was wie ein Balken in diesem Haus. Ich habe ein bißchen Angst, daß sie da verdorrt in Schweden. Man wird es erst gar nicht merken. Denn wie alle Autisten ist Charlotte nicht in der Lage, Gefühle zu zeigen. Ihre Gefühle sind immer behauptete Gefühle", sagt er.Vor ein paar Monaten war er gemeinsam mit Rosa von Praunheim und Charlotte von Mahlsdorf bei einer Talkshow. Als sie nach dem bevorstehenden Umzug gefragt wurde, erzählte sie etwas von frischer Luft und herrlicher Natur. Da habe er sie zum erstenmal unsicher erlebt, sagt Lemke.H Auf dem Rückweg durch die borstige Landschaft in das Totendorf erzählt Charlotte von Mahlsdorf von Bussen, die hier bald eintreffen werden. Reisebusse. Voll mit Menschen, die in ihr Museum strömen werden. Der schwedische König wird kommen, sagt sie. Sie wird 20 Kronen Eintritt nehmen, weil ja das Dach gedeckt werden muß. Aber mit solchen Problemen hatte sie ja schon immer zu kämpfen. Seit Mai 1946, als Daß ihre Freundinnen Silvia und Beate, zusammen mit Moritz, den drei Hunden und dem Ehepaar Kempe aus Porla verschwinden werden, um irgendwo anders einen landwirtschaftlichen Betrieb zu gründen, erzählt sie nicht. Das werden sie später selbst erzählen, während Charlotte von Mahlsdorf abwesend auf die Weihnachtsmänner starren wird. Das Haus am Anfang der Straße ist bereits verlassen. Hier hat Angelika von Hoff gewohnt, die Anfang 1996 auszog, um mit Charlotte und ihren Freundinnen Schweden zu erobern. Die Giebelseite des Hauses hat sie noch gestrichen, bevor sie im August 1996 wieder nach Berlin floh.H "Ich war finanziell am Ende", sagt Angelika von Hoff. "Ich wollte da mithelfen, das Museum aufzubauen. Aber Charlotte kam und kam einfach nicht. Ich habe Schwedisch gelernt, und manchmal bin ich in die nächste Stadt gefahren, um mir Menschen anzuschauen. Ich habe mich wirklich auf die Bank gesetzt und mich an den Menschen gefreut. Porla ist echt tot. Ich war ja im Sommer da. Es kamen auch ein paar Busse, weil das am Anfang des Jahrhunderts mal ein Kurbad war. Aber natürlich nicht annähernd soviel wie die Frau erzählt hat, die Charlotte die Villa Hamilton verkaufte. Sie ist da sowieso total übers Ohr gehauen worden. Sie hat abartig zu viel Geld bezahlt. Und es muß noch viel gemacht werden.Na ja, und weil Charlotte ewig nicht kam, habe ich gedacht, vielleicht hat sie ja doch keine Lust mehr. Ich habe versucht, ihr goldene Brücken zu bauen, habe erzählt, was sie da oben alles vermissen würde. Da gibt es im Umkreis von 100 Kilometern keine Szene, und Charlotte hat ja auch keinen Führerschein. Ich habe ihr die Einöde geschildet und ihr erklärt, daß da nicht mit vielen Reisebussen zu rechnen ist. Aber irgendwie bin ich nicht zu ihr vorgedrungen. Sie hat immer nur von frischer Luft und herrlicher Ruhe erzählt. Ich hab ihr das nicht abgekauft. Aber es ist sehr schwer, von Charlotte etwas anderes zu bekomen als diese Traumbilder."Angelika von Hoff hat in dem halben Jahr, das sie in Schweden verbrachte, oft darüber nachgedacht, warum Charlotte seit Jahren ihre Geschichten erzählen konnte, ohne daß irgend jemand sie hinterfragt. Sie hat versucht herauszufinden, woher die grenzenlose Begeisterung kam, die Charlotte bei ihren Führungen im Gründerzeitmuseum entgegenschlug. Wo Menschen es als Offenbarung empfanden, Charlottes Rockzipfel zu berühren, wie sie sagt."Vielleicht ist es so eine Sehnsucht nach einem heilen Menschen", sagt sie. "Der gleiche Grund, aus dem man Ärzte-Romane liest."Frau Marx aus der Gauck-Behörde lächelt, als sie die Kopie der Stasi-Akte von Lothar Berfelde herausgibt. Er ist von 1971 bis 76 als IM "Park" geführt worden. Aber Frau Marx hatte schon am Telefon gesagt, daß sie die Akte harmlos findet. Jetzt sagt sie noch: "Es ist eine nette Akte. Es ist die Akte eines Menschen, der nicht nein sagen konnte. Aber nett. Also im Prinzip so, wie man Charlotte von Mahlsdorf kennt. Und er hat die hübscheste Verpflichtungserklärung geschrieben, die ich je gelesen haben. Richtig rührend."Die Verpflichtungserklärung ist in schnörkeliger Schrift abgefaßt. Und in den meisten Treffberichten steht, daß sie "keinerlei verwertbare Informationen erbrachten". 1976 schloß man die Akte wegen unbefriedigender Ergebnisse. In seinem Abschlußbericht trifft Oberleutnant Kattner eine interessante Feststellung. "Durch seine überbetonten musealen Interessen hat der IM nur für diese ihn betreffenden Fragen Interesse, er unterschätzt bzw. negiert dabei völlig die in diesen Kreisen tätigen feindlichen Handlungen von Personen und verliert auch den Überblick."H Warum hat er denn nicht über seine Stasikontakte berichtet?Charlotte von Mahlsdorf schweigt einen Augenblick. Die ordentliche Welt in ihrer Glaskugel gerät in Bewegung. Dann sagt sie: "Das wollte ich alles in meinem nächsten Buch schreiben. Mein Verleger hat mir beim letzten Buch geraten, es nicht so auszuwalzen. Die Zöpfe abzuschneiden. Damit das Buch nicht so dick wird, daß man es nicht mehr für 28 Mark verkaufen kann." So. Es herrscht wieder Ruhe in Charlottes Welt.Sie sitzt auf einem ihrer Samtsofas. Im Polyphon läuft "Das Gebet einer Jungfrau". Eine beliebtes Salonstück. Charlotte von Mahlsdorf schaut in sich hinein.