Zehn Jahre lang hat Doug Wright, 41, gebraucht, sein Theaterstück über Charlotte von Mahlsdorf fertig zu schreiben. Fünf davon konnte er überhaupt nicht am Manuskript arbeiten, weil er dachte, das Thema sei zu groß für ihn und zu schwierig. Jetzt hat er für "I am my own wife" den Pulitzerpreis in der Kategorie Drama bekommen. Vermutlich ist er immer noch derjenige, der sich darüber am meisten wundert.Es war Anfang der 90er-Jahre, als der amerikanische Dramatiker Charlotte von Mahlsdorf das erste Mal in ihrem Haus in Ostberlin traf. Ein Freund hatte ihm von dem skurrilen Transvestiten erzählt, der alte Möbel sammelte und wie durch ein Wunder zwei Diktaturen überlebt hatte. Aber Doug Wright fand Charlotte von Mahlsdorf überhaupt nicht skurril. Er bewunderte diese Frau, die eigentlich ein Mann war und die ihr schwarzes Kleid und die Perlenkette trug als sei das das normalste von der Welt. Er, der als schwuler Junge in Texas aufgewachsen war, hatte den Eindruck, sie habe weniger Kompromisse im Leben gemacht als er. Er erzählt dazu gerne die Geschichte, wie er seine Mutter nicht überreden konnte, zu Halloween ein Prinzessinnenkostüm tragen zu dürfen. Er ging als Teufel. In gewisser Weise ist "I am my own wife" auch ein Stück über ihn selbst. Viermal hat Doug Wright Charlotte von Mahlsdorf von 1992 bis 1994 interviewt, die abgeschriebenen Interviews sind mehr als 500 Seiten lang. Trotzdem zweifelte er lange Zeit daran, das Drehbuch überhaupt je fertig schreiben zu können. Es sollte ein Stück über eine Heldin werden, einen mutigen, couragierten Menschen. Aber dann las er als Erster ihre Stasiakte und begriff, dass sie wohl tiefer in das Sytem verstrickt war als sie zugab. Aber wie tief? Wen hatte sie verraten? Was war ihr vorzuwerfen? Welche ihrer wunderbaren Geschichten waren noch alle nicht wahr? Wright versuchte Antworten zu finden. Er hörte Interviews ab, immer wieder, las Geschichtsbücher, begann sogar deutsch zu lernen. Es half alles nichts. Er verstand die Frau nicht und auch nicht die Welt, aus der sie kam. Sie war ein Transvestit aus Ostdeutschland. Er war ein unbekannter Drehbuchschreiber aus Texas. Ihre einzige Gemeinsamkeit war die Vorliebe zu Frauenkleidern. Die einzige mögliche Antwort war, dass es keine gab. Doug Wright packte alle seine Zweifel und Fragen in das Drehbuch, er gab sogar sich selbst eine Rolle. Als amerikanischen Dramatiker, der nach Ostberlin fährt und einen ostdeutschen Transvestiten trifft. Es ist kein Heldenstück mehr, aber es ist ehrlich. Vor einem Jahr hatte "I am my own wife" in einem kleinen Off-Broadwaytheater in New York Premiere. Ein dreiviertel Jahr später zog es in ein großes Haus am Broadway um und die New York Times schrieb, es sei das beste Stück der Saison. ------------------------------Foto: Doug Wright, Autor und Pulitzerpreisträger