Für Jürgen Bostelmann, Vorstand der Berliner Grundkreditbank an der Budapester Straße, geht es in diesen Tagen um alles. Öffentlich wird über seine Ablösung gesprochen, sein Aufsichtsratsvorsitzender Karlheinz Knauthe zeigte ihm sogar wörtlich "die gelbe Karte". Grund: Die Bank soll sich bei der Bewertung von Grundstücken und Häusern um 110 Millionen Mark verschätzt haben. Eine Nachricht, die in der Berliner Banken- und Wirtschaftswelt für erhebliche Aufregung sorgte. Nicht nur wegen der immensen Summe, sondern weil es mit Bostelmann einen Banker traf, dem der Erfolg nachzulaufen schien. Doch der Schlag kam nicht von ungefähr.Der Schock über die unerwartete Attacke ist Bostelmann anzumerken. Was sagt er zur "gelben Karte" seines Aufsichtsrates? "Nun, loben wird er mich ja nicht gerade können. Aber es hat mich getroffen." Er verwaltet das Vermögen vieler namhafter Berliner, werden sie ihm jetzt noch vertrauen? Bostelmann: "Die meisten von ihnen sind bestens vertraut mit den Gefahren des Immobiliengeschäfts, die werden die Sache richtig verstehen." Läuft eine Intrige gegen ihn? Bostelmann: "Ich denke, ja."Das jemand brühwarm nach der Aufsichtsratssitzung die 110-Millionen-Affäre einem Journalisten steckte, kann nur einen Grund gehabt haben: Da will einer Bostelmann an den Kragen. Warum? Der erste Grund: Bostelmann betreibt eine Fusion der Berliner Volksbanken (Bitte lesen Sie dazu auch den Beitrag auf Seite 9). Dabei müßte der eine oder andere Chef den Posten räumen. Zweiter Grund: Bostelmann ist eine Persönlichkeit, die zur Stellungnahme herausfordert. Entweder man mag seine Art, oder man haßt sie. Eine typische Begebenheit: Als er vor seiner Bank Blumen pflanzen wollte, bescheinigte er dem zuständigen Bezirksamt Charlottenburg vorab, es sähe da aus wie "ein ewiger Dreckhaufen und Abfalleimer". Daß der Antrag auf Bepflanzung anschließend acht Monate schmorte, verwundert nicht. Der dritte Grund: Bostelmann ist Mitglied eines Freundeskreises, der inzwischen in Berlin wenige Freunde hat. Georg Gafron, Chef des Senders Hundert,6 gehört dazu. Noch so einer, den man entweder haßt oder mag. Auch er erlebte kürzlich die Rache seiner Gegner. Aus Angst, Kanzler-Intimus Gafron könne seinen Sender mit zwei anderen zu einem Berliner Medienmonopol verschmelzen, sorgten CDU-Seilschaften dafür, daß ihm der Medienrat die Frequenz für den Weichspieler-Sender 98,2 wegnahm. Folge: Gafrons Plan platzte, rund 10 Millionen Mark waren in den Sand gesetzt. Gafron und Bostelmann eint unter anderem auch die Kritik an Diepgen. Mehr als einmal las Banker Bostelmann der zögerlichen Berliner Wirtschaftspolitik die Leviten. Wie zerrüttet das Verhältnis zum Regierenden ist, zeigt ein Eklat auf dem Neujahrsempfang der Bank. Bostelmann: "Ich habe Visionen." Diepgen antwortet mit einem Helmut-Schmidt-Zitat: "Wer Visionen hat, braucht einen Psychiater." Der vierte Grund: Bostelmanns Drang nach mehr Kraft, mehr Bewegungsspielraum, mehr Größe macht anderen Angst. Es fing schon in Nörten-Hardenberg an, einem kleinen Kaff im Südniedersächsischen, 15 Kilometer nördlich von Göttingen. Gäbe es nicht die Hardenbergsche Kornbrennerei ("Der mit dem Keiler"), wäre der Ort nicht einmal die Autobahnabfahrt wert. Bostelmann war Chef der "Nörtener Spar & Darlehnskasse". Schon damals war er immer eine Nuance eleganter angezogen als der Apotheker und der Gemeindedirektor, schon damals ließ er andere spüren, daß er hier nicht versauern wird. Die ihn belächelten verstummten, als die kleine Bank vom Lande plötzlich auf 130 Millionen Bilanzsumme gewachsen war, und sich die Volksbank Göttingen einverleibte.Ende dieses Jahres läuft Bostelmanns Vertrag aus. Schon werden Wetten abgeschlossen, ob er verlängert wird. +++