Chester Himes' Roman von 1968 über den Schwarzweißkonflikt: Plan B - böse bleiben und Banden bilden

Ein schwarzer Student an der Universität von Mississippi erschoß drei Fakultätsmitglieder und vier weiße Studenten ein schwarzer Baptistenpfarrer brachte es lediglich fertig, fünf weiße Geheimagenten zu treffen und elf Touristen anzuschießen ein schwarzer Nationalist schoß aus dem Fenster einer Wohnung unter einem chinesischen Restaurant in San Francisco ein schwarzer Vater von elf Kindern schoß im Bezirk Brownsville in Brooklyn in eine Gruppe weißer Grundschullehrer ein schwarzer Handwerker schoß in eine Gruppe Ku-Klux-Klan-Männer ein schwarzer Arzt packte in aller Ruhe ein geladenes Maschinengewehr aus und erschoß bedächtig jeden weißen Beamten Was sich hier liest wie Verse eines Gangsta-Rap, wie eine Beschreibung der riots in Los Angeles/California, Sommer '93, sind Zitate aus Chester Himes' Fragment-Roman von 1968. Eine dennoch bedeutungslose Jahreszahl, denn Plan B, ein brüchiger Romanentwurf, beschreibt den jahreszahllosen Krieg der schwarzen Rasse gegen die weiße, den Krieg der underdogs gegen das Establishment. Strudel von Gewalt Der Leser wird in einen immer heftiger sich drehenden Strudel von Gewalttätigkeiten gerissen, hinter denen spät erst die Konturen eines Planes erkennbar werden. Ein Plan B, der vor Beginn an außer Kraft gesetzt ist durch die übermächtige Irrationalität, in der allein sich lang angestaute Unterdrückung, Ausbeutung, Demütigungen, Erniedrigungen artikulieren können.Wer nicht glaubt, daß Bürger-Kriege ihren Anfang in 2-Zimmer-Wohnungen, zwischen Küche, Klo und einer anonymen Geschenksendung, nehmen können, hat hier Gelegenheit, einer lückenlosen Beweisführung zu folgen. Wer Himes für einen fiktionalen Schriftsteller hält, sollte die (wie von ihm verfaßten) Berichte aus Tschetschenien, Jugoslawien, Ruanda lesen. Wer die These vom "Krieg als letztem Refugium des Humanen" verstehen will, sollte diesen Autor lesen. In den präzisen Beschreibungen, wie Geschoßkugeln in Schädeldecken dringen und diese als Gemisch aus Blut, Rotz, Gehirnmasse und Knochensplittern verlassen, spricht ein verzweifelter Humanismus, der die Sinne schärft für den Terror, der im zivilisationsbegründenden Dow-Jones-Index steckt.Chester Himes' Plan B - ein Buch, dessen blutvoll-wirklicher Gehalt sich erst heute, am Ende eines Status quo, am Ende eines labilen Gleichgewichts zwischen Ost und West, schwarz und weiß, reich und arm, Mensch und Natur erschließt. Der Text steht roh und voll Gewalt im uvre von Chester Himes, der im selbstgewählten europäischen Exil beinah drei Jahrzehnte über verschiedene Intervalle am Stoff gearbeitet hat; an seiner Vision eines sich im gerechten Krieg befreienden schwarzen Amerika, einer Revolution, die der Versuch sein könnte, eine bessere Ordnung ohne Unterdrückung einer Rasse - und Rasse steht hier für Klasse, Schicht, Geschlecht, Generation - durch andere, gemeinsam zu erkämpfen. Direkte Sprache Geschrieben in einer direkten, äußerst humorvollen und absolut authentischen Sprache, lassen sich - und das macht gespannt auf das übrige umfangreiche Werk des im Wortsinn tiefschwarzen Dichters und Chronisten - Querverbindungen entdecken.Faszinierend schon die Spuren zwischen den fragmentarischen Blöcken seiner pulsierenden Prosa, hin zu andern seiner Bücher, die Himes als Studien für sein großes Projekt Plan B - B für Black - verwendet hat, weiterführende Stränge, deren Anschlüsse und Verzweigungen man finden kann in seinen Kriminal- und Kriminalitätsgeschichten, die mit den beiden Hauptfiguren-Polizisten Coffin Ed Johnson und Grave Digger Jones besetzt sind. Gegenwartsbezug Wer den politischen und sinnlichen Reiz dieses Buches ergründen will, kommt an der Gegenwart nicht vorbei. Hinter all dem spezifischen "american stuff", hinter der Ferne des Schwarzweißkonfliktes stehen andere Konflikte, die im neuen Deutschland vorerst nicht zu sehen sind, nicht so aufscheinend, wie sie Chester Himes für sein Amerika beschrieben und vorhergesehen hat.so war die weiße Gemeinschaft über alle Maßen erstaunt, als schwarze Männer weiterhin Amok liefen und Weiße mit unbekannten Gewehren ermordeten Chester Himes: Plan B. Herausgegeben von Michael Fabre und Robert E. Sinner, Deutsch von Petra Schreyer, Alexander Verlag Berlin, 219 Seiten, 19,80 Mark. +++