TAIPEH. Der riesige Platz im Zentrum von Taipeh liegt verwaist im Nieselregen. Die Einsamkeit ist erdrückend. Von der Jhongshan-Straße kommend, haben drei Dutzend Menschen die Rundbögen des "Tors der großen Mitte und perfekten Aufrichtigkeit" durchschritten, nun verharren sie, als fürchteten sie, sich in so viel Leere zu verlieren. Ein kamerabehängter japanischer Tourist löst sich aus seiner Gruppe, nimmt Kurs auf den wuchtigen weißen Tempel am östlichen Ende des Platzes, doch ehe er auch nur ein Viertel des Weges zurückgelegt hat, gibt auch er auf. Zu weit. Schnell eine Aufnahme von Taiwans Nationaltheater rechter Hand, eine von der Konzerthalle links, zum Schluss noch ein Foto entlang der Symmetrieachse des Platzes, dann kehrt auch er um."Freiheits-Platz" nennt sich das eher zu Massenaufmärschen als zum Flanieren einladende Areal seit neuestem, und auch der Tempelbau hat einen neuen Namen erhalten: Statt "Chiang-Kai-shek-Gedächtnishalle" soll er jetzt "Nationale Taiwanesische Demokratie-Gedächtnishalle" heißen. Doch gegen diese von Staatspräsident Chen Shui-bian verfügte Bezeichnung gibt es Protest. Er beschränkt sich nicht auf spöttische Fragen, wann die taiwanesische Demokratie denn das Zeitliche gesegnet habe - schließlich sind Gedenkschreine nach altem Brauch Toten vorbehalten. Es geht um andere Beträge. Es geht um die Deutungshoheit über die Geschichte. Um das Selbstverständnis des Landes.Im provisorischen SarkophagSchon das Wort "national" ist umstritten. Ist Taiwan denn eine eigene Nation, wie Chen behauptet, oder nicht doch eher ein - wenn auch besonderer - Teil Chinas, wie es sein Vor-Vor-Vorgänger Chiang Kai-shek postulierte? Und warum ist der Gründervater des Staates, der sich heute offiziell "Republik China auf Taiwan" nennt, als Namensgeber für diesen wichtigsten Gedenkort des Landes plötzlich nicht mehr gut genug? Vor allem Teile der älteren Generation verlangen mit tiefer Empörung, Chiang wieder zu angestammten Ehren kommen zu lassen. Vielleicht sei Chiang ja kein guter Demokrat gewesen, räumen sie ein. Im Abwehrkampf gegen die Kommunisten auf dem chinesischen Festland aber habe er sich so verdient gemacht, dass er die Tilgung seines Namens aus dem öffentlichen Leben einfach nicht verdiene.Der derart Umstrittene ruht derweil in einem schwarzen Marmor-Sarkophag in einem Provinznest gut eine Autostunde südwestlich von Taipeh. Ehe Chiang am 5. April 1975 im gesegneten Alter von 88 Jahren starb, hatte er verfügt, er wolle auf Taiwan nur provisorisch beigesetzt werden - so lange, bis die Volksrepublik verschwunden sei und seine Gebeine nach Chinas Wiedervereinigung aufs Festland umgebettet werden könnten.Chen, der BilderstürmerEntsprechend seinem Testament bahrten ihn seine Parteifreunde von der Kuomintang daraufhin auf seinem früheren Landsitz in Cihhu auf. Mitten in der Hauptstadt Taipeh aber errichteten sie den Gedächtnispark, 600 Meter lang, 400 Meter breit, mit der siebzig Meter hohen Gedächtnishalle, deren weiße Mauern und blaue Dachziegel - weiß für die Freiheit, blau für die Gleichheit - die Parteifarben der Kuomintang spiegeln.Schulklassen, Armee-Einheiten und Abordnungen aller Art kamen fortan, verneigten sich dreimal vor der monumentalen Bronzeskulptur des Generalissimus im Obergeschoss und legten Blumengebinde nieder. So ging es unter Chiangs Sohn und Nachfolger Chiang Ching-kuo, so ging es auch noch unter dessen Nachfolger Lee Teng-hui. Doch dann kam Chen.Sein völlig überraschender Wahlsieg im Jahr 2000 war für Taiwan die größte politische Erschütterung seit der Abspaltung von Festland-China 1949. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte die Kuomintang das Land nach Gutdünken regiert. Chens Demokratische Fortschrittspartei (DPP) aber war aus der Bürgerbewegung gegen die Diktatur der Staatspartei hervorgegangen. Sie zerrte Dinge ans Licht, über die die Kuomintang all die Jahre den Mantel des Schweigens gebreitet hatte.In aller Öffentlichkeit statt nur in akademischen Kreisen wurde nun darüber gesprochen, wie die vor Maos Volksbefreiungsarmee vom Festland auf die Insel geflüchteten Kuomintang-Kader die einheimische Bevölkerung unterdrückt hatten in den vier Jahrzehnten des Kriegsrechts. Den Jahrestag des Massakers vom 28. Februar 1947, bei dem Chiang Kai-sheks Gouverneur mindestens zehn-, wahrscheinlich sogar dreißigtausend Menschen hatte niedermetzeln lassen, hatte die Regierung zwar schon 1995 unter dem Druck der Opposition zum nationalen Friedenstag erklärt. Doch erst Chen wagte es, die geheiligte Figur des Staatsgründers selbst anzurühren.Schon in seiner Zeit als Bürgermeister der Hauptstadt Taipeh Mitte der 90er Jahre hatte Chen die "Langes Leben für Chiang Kai-shek"-Straße umgetauft und ihr den Namen des Ureinwohner-Volkes der Ketagalan verliehen. Nun legte er richtig los: Den Chiang-Kai-shek-Flughafen bei Taipeh benannte die Regierung um, er trägt jetzt den Namen des Landkreises Taoyuan. Landesweit wurden in Schulen, Regierungsgebäuden und Krankenhäusern die bislang obligatorischen Chiang-Statuen abmontiert, zuletzt und allem Widerstand der Armee zum Trotz auch in den Kasernen. Gut einhundert der einst 40 000 Standbilder - von der Gipsbüste bis zum Reiterdenkmal - hat ein früherer Kuomintang-Gemeindeverwalter in einem Park in Dasi zusammengetragen, zehn Kilometer nördlich von Chiangs (vor-)letzter Ruhestätte in Cihhu.Übrig blieb schließlich noch der sitzende Bronze-Chiang in der Gedächtnishalle in Taipeh. Was tun mit dieser "feudalen Monstrosität", um den Präsidenten zu zitieren? Chen beließ es nicht dabei, die bisherigen Ehrenwachen der Armee in Galauniform von dem Denkmal abzuziehen und neue Informationstafeln aufzustellen, die statt an die Heldentaten des Generalissimus nun an die Opfer der Diktatur erinnern. Er versuchte es vielmehr mit Verfremdung: Als Chen das umgewidmete Monument nach mehrmonatigen Umbauten am 1. Januar höchstpersönlich wiedereröffnete, umschwebten bunte Papierdrachen als Symbole der Freiheit respektlos das Gesicht Chiangs. Das Denkmal zu schleifen - das wagte Chen dann aber doch nicht.Auch beim Geld behauptet sich Chiang noch: Die Münzen zu einem und zu fünf Yuan zeigen sein Profil mit kahlrasiertem Schädel und vorgerecktem Kinn à la Mussolini, die Zehn-Yuan-Münze ziert ein lächelnder Chiang en face. Neue Geldstücke prägen und in Umlauf bringen zu lassen, so weit hat Chens Kraft nicht gereicht.Und die Zeit läuft gegen ihn. Im März wird wieder gewählt, Chen darf nach zwei Amtszeiten nicht nochmals antreten, und es sieht so aus, als werde die Kuomintang nach acht Jahren in der Opposition zurück an die Macht gelangen. Korruptionsaffären haben am Ruf der DPP genagt, ihr Bewerber Hsieh Chang-ting liegt in den Umfragen um zehn bis 15 Prozentpunkte hinter dem Kuomintang-Kandidaten Ma Ying-jeou. Der hat schon erklärt, er werde es nicht zulassen, dass der Name Chiang Kai-sheks ausgelöscht wird.Alles wieder zurück?Zwar hütet sich auch Ma, der zum Zeitpunkt von Chiangs Ableben noch an seinem Universitätsabschluss arbeitete, eine allzugroße Verbundenheit zu dem Toten zur Schau zu stellen. "Alles in allem" aber, sagt er, seien Chiangs Verdienste doch größer als seine Fehler. Und auf einer Wahlveranstaltung im Dezember versprach er, wenn er die Wahlen erst einmal gewonnen habe, werde er der Chiang-Kai-shek-Gedächtnishalle ihren alten Namen zurückgeben.Im Falle der nahen U-Bahn-Station wird eine solche Rückbenennung nicht nötig sein. Auf ihren zweisprachigen Schildern in Chinesisch und Englisch steht ohnehin noch die frühere Bezeichnung "Chiang Kai-shek Memorial Hall". Für ihre Weigerung, sich der Neubewertung der Geschichte anzuschließen, hat die Stadtverwaltung allerdings weniger historische als vielmehr pekuniäre Gründe angegeben. Neue Schilder und neue Stadtpläne kosten viel Geld, hat sie argumentiert. Bürgermeister Hau Lung-bin kommt übrigens aus den Reihen der Kuomintang. Da versteht man seine Sparsamkeit gleich noch einmal so gut.------------------------------Von Mao vertriebenChiang Kai-shek wird 1887 in Südchina geboren. Er wird Soldat. Nach dem Sturz der Monarchie 1911 schließt er sich den Revolutionären um Sun Yat-sen an.Nach Suns Tod 1925 übernimmt Chiang von ihm die Führung der Kuomintang-Partei. Er verfolgt die Kommunisten, mit denen sein Vorgänger zusammengearbeitet hatte, muss im Zweiten Weltkrieg aber einen Pakt mit Mao Tse-tung eingehen.Nach der Kapitulation Japans zerfällt die Allianz, der Bürgerkrieg zwischen den bürgerlichen Truppen und Maos Kommunisten geht in eine neue Runde. Die Kuomintang unterliegt.1949 flieht Chiang mit 500 000 Soldaten und 1,5 Millionen Zivilisten nach Taiwan. Die USA stützen sein Regime. Proteste der Inselbevölkerung gegen die Fremdherrschaft der Kuomintang-Kader vom Festland werden im Blut erstickt.Mit staatskapitalistischer Planwirtschaft und einer Agrarreform löst Chiang auf der Insel einen Wirtschaftsboom aus, der bis heute anhält. Taiwan wird einer der "kleinen Tiger".Außenpolitisch führt Chiang das Land mit seinem Anspruch, legitimer Vertreter ganz Chinas zu sein, in die Isolierung. 1972 verliert die Insel den chinesischen UN-Sitz und das Vetorecht an die Volksrepublik.1975 stirbt Chiang. Sein Sohn beerbt ihn und hebt 1987 nach vier Jahrzehnten das Kriegsrecht auf.------------------------------Karte: Taiwan------------------------------Foto: Papierdrachen umflattern respektlos den thronenden Bronze-Chiang-Kai-shek.