Hongkong - Kahl geschoren ist sein Kopf. Auf dem Häftlingsjäckchen steht „010“, die Nummer, unter der er im Gefängnis geführt wird. Seine Hände stecken in Handschellen. So sitzt er da am Sonnabend, schmächtig, blass. „Die Polizei hat Recht“, sagt der 27-jährige Chen Yongzhou in die Kamera. „Ich bin schuldig.“ Und: „Ich gestehe und bereue meine Verbrechen.“

Chen ist Journalist. Seit 2009 schreibt er für die Zeitung New Express in der südchinesischen Stadt Guangzhou. Zwischen September 2012 und August 2013 waren unter seinem Namen ein Dutzend Artikel über den chinesischen Maschinenbau-Großkonzern Zoomlion erschienen, ein Börsen-notiertes Unternehmen. Chen berichtete darin über Finanzbetrügereien und Manipulationen. Ein Teil von Zoomlion ist in chinesischem Staatsbesitz. Am 18. Oktober verschwand Chen. Die Kollegen vermuteten ihn bei der Polizei, veröffentlichten auf der Titelseite der Zeitung zwei Mal den Aufruf: „Lasst unseren Mann frei“. Ein ungewöhnlicher Vorgang in China.

Am Samstagmorgen dann die Überraschung. In den Frühnachrichten läuft im Staatssender CCTV eine neunminütige Dokumentation. Über Zoomlion – und über Chen. Mit Chen in Häftlingskleidung. „Ich habe meine Berichte nicht selbst geschrieben. Sie wurden mir zur Veröffentlichung übergeben. Ich habe dafür Geld bekommen.“ In einem Fall sollen es mehr als 500.000 Yuan gewesen sein, umgerechnet 60.000 Euro.

An den Pranger gestellt

Es ist eine öffentliche Selbstkasteiung vor laufender Kamera. Chinas KP führt seit Wochen einen „ideologischen Krieg“, um das Monopol der Information nicht zu verlieren. Chinas Präsident Xi Jinping hatte zu diesem Kampf aufgerufen, einem „Kampf auf Leben und Tod“, wie es die Parteizeitung Renmin Ribao nannte. Gerüchten soll der Garaus gemacht werden. Vor allem Blogger sind seit einem neuen Gesetz vorsichtig. Denn wird eine Nachricht, die der Staat als „Gerücht“ einstuft, mehr als 500 Mal weiter verbreitet oder von mehr als 5000 Menschen gelesen, drohen ihrem Verbreiter drei Jahre Haft. Auch ein 16-Jähriger wurde bereits Opfer dieser Kampagne. Die „Gerüchtetreiber“ werden an den Pranger gestellt und zur Reue gezwungen, wie zu Zeiten der Kulturrevolution.

Bereits im September erklärte Charles Xue, ein Start-Up-Investor, dem auf dem Twitter-ähnlichen chinesischen Mikroblog Weibo mehr als zwölf Millionen Nutzer folgen: „Meinungsfreiheit darf nie über dem Gesetz stehen.“ Er stand in Häftlingskleidung vor der Kamera. Pan Shiyi, Chinas bekanntester Immobilienunternehmer, mahnte im Fernsehen fahrig zur „Selbstdisziplin“. Er ist noch frei. Chens Journalistenkollege Liu Hu sitzt dagegen ebenfalls in U-Haft. Er war in seinen Texten den Vize-Leiter der Staatlichen Verwaltung für Industrie und Handel angegangen, hatte über Korruption geschrieben und über Machtmissbrauch. Themen, die Chinas Führung nicht gefallen.

„Ich bitte das Unternehmen, meine Kollegen in den Medien, die ich hintergangen habe, meine Familie, die ich verletzt habe, und die Kleinaktionäre, die durch mich viel Geld verloren haben, um Vergebung“, sagt Chen in der Nachrichtendoku. Er hat sich selbst gerichtet, in aller Öffentlichkeit.