PEKING. Hu Jintao ist der langweiligste Staatspräsident der Welt. Seit der chinesische Karrierebürokrat vor drei Jahren einer der mächtigsten Männer der Welt wurde, rätseln sein Volk und internationale Beobachter gleichermaßen, was für ein Mensch sich hinter der ausdruckslosen Miene verbirgt. Kann Hu lachen? Weinen? Wüten? Keiner weiß es.Bei seinem Staatsbesuch in den USA hat der chinesische Staatschef es sich allerdings nicht verkneifen können, ein klein wenig von sich preiszugeben. Offenbar hat der 63-Jährige Freude an schadenfrohen Sticheleien. Das Gastgeschenk, das er für George W. Bush nach Washington mitbrachte, war mit Bedacht ausgesucht: eine Ausgabe der 2 500 Jahre alten "Kunst der Kriegsführung" des chinesischen Militärstrategen und Philosophen Sunzi. Der im Krieg gegen den Terror verhedderte US-Präsident kann darin zahlreiche Ratschläge finden: "Kenne dich selbst, und kenne deinen Feind, und du gewinnst in hundert Schlachten hundert Siege", lautet einer. Angesichts der amerikanischen Fehleinschätzungen im Irak offensichtlich keine Binsenweisheit. Ein anderer Tipp des alten Sunzi: "Gewinnen ohne zu kämpfen ist die beste Strategie von allen." Soll heißen: Der klügste Feldherr ist der, der nie in den Kampf ziehen muss. Bush gehört offensichtlich nicht dazu. Hat man keine Chance zu gewinnen, rät Sunzi: "Das Beste ist wegzulaufen." Einem Kampf auszuweichen ist allemal besser, als vernichtend geschlagen zu werden.Hu überreicht seine politischen Mahnungen schön verpackt. Vom staatlichen Verlag Foreign Language Press ließ er eigens eine Sonderausgabe anfertigen: In einem hübschen Kasten befindet sich eine chinesische und eine englische Ausgabe. In der Originalversion sind die gut 5 000 Schriftzeichen mit 155 000 Einzelfäden in Seide gestickt. Die Übersetzung ist auf Seide gedruckt.Nicht nur dem US-Präsidenten, sondern auch anderen Mitgliedern der Bush-Regierung hat Hu Sunzis Kriegskunst mitgebracht. Die Chance, dass sie das Bändchen tatsächlich lesen, ist größer als bei Bush, der bekanntermaßen fast nie ein Buch aufschlägt. Und Hu selbst? Liest Hu eigentlich? Wenn man das bloß wüsste. Aber eines ist jetzt immerhin klar: Hu hat Humor.