Berlin - Viel ist in den letzten Monaten über die drastische Abkühlung der Beziehungen zwischen Berlin und Moskau gesprochen worden, und die jüngsten Konflikte um die Ukraine haben die Sache nicht besser gemacht. Nun zeigt, sich, dass im Hintergrund die ganze Zeit eine emsige Diplomatie in Sachen Michail Chodorkowski im Gange war.

Den entscheidenden Part spielte dabei offenbar der Altmeister der deutschen Diplomatie, der einstige Außenminister Hans-Dietrich Genscher. Zweimal hat er persönlich beim russischen Präsidenten Wladimir Putin vorgesprochen und ihm wohl auch Chodorkowskis Gnadengesuch zukommen lassen. Doch Genscher stellte am Freitag sogleich klar, dass er nicht etwa auf eigene Faust handelte. Er lege Wert auf die Feststellung, dass er bei seinen Bemühungen von der Bundeskanzlerin, dem früheren Außenminister Guido Westerwelle und dem deutschen Botschafter in Moskau größtmögliche Unterstützung erfahren habe, erklärte der FDP-Politiker.

Der Mann auf dem Balkon

Ein wenig erinnert das Szenario an den Herbst 1989, als DDR-Bürger in vielen bundesdeutschen Botschaften in Osteuropa Zuflucht suchten. Damals wurde diskret nach Möglichkeiten gesucht, sie in die Bundesrepublik ausreisen zu lassen. Genscher spielte dabei als Außenminister eine zentrale Rolle, im Vorder- wie im Hintergrund. Legendär ist sein Auftritt auf dem Balkon der Prager Botschaft, als er den 4 000 dort ausharrenden Flüchtlingen das Ergebnis seiner Verhandlungen mitteilte: Sie durften in den Westen.

Diesmal ging es nur um einen einzelnen, prominenten Mann. Doch Genschers Erfahrungen beim Lösen heikler Fälle dürften hilfreich gewesen sein. Er hat sich wohl auch deshalb so engagiert, weil er Chodorkowski persönlich kannte. Er habe ihn in seiner Eigenschaft als Präsident der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin kennengelernt und auch später noch bei verschiedenen Gelegenheiten getroffen, erklärte Genscher.

Die Anwälte Chodorkowskis hätten ihn gebeten, sie bei ihren Bemühungen um die Freilassung zu unterstützen. In Fernsehinterviews dankte Genscher am Abend dem russischen Präsidenten ausdrücklich für den Gnadenakt und widersprach Vermutungen, dieser habe allein aus opportunistischen Gründen gehandelt. Auch mit 86 Jahren ist er noch immer ein Meister der diplomatischen Sprache.

Sorge wegen Gaucks Absage

Im Kanzleramt wird Genschers Rolle gerühmt, aber auch darauf hingewiesen, dass Angela Merkel über die Jahre bei ihren Begegnungen mit Wladimir Putin viele Male den Fall Chodorkowski angesprochen und den Präsidenten immer wieder gemahnt habe. Den Beteiligten in Berlin dürfte bekannt gewesen sein, dass die Freilassung des Putin-Kritikers nahte.

Daher erklärt sich womöglich die Nervosität im Kanzleramt, als Bundespräsident Joachim Gauck kürzlich wissen ließ, er werde nicht zu den Olympischen Winterspielen nach Sotschi reisen. Würde Putin dies als Affront verstehen und die sich anbahnende Lösung noch stoppen? Die Sorge war naheliegend. Doch als Hans-Dietrich Genscher seinen Schützling am Freitag vom Flughafen Schönefeld abholte und gemeinsam mit ihm in die Stadt fuhr, war längst klar: Auch dieser späte Coup ist ihm gelungen.