Chris Kraus' Familiengeschichte "Poll" überzeugt vor allem als Ausstattungsfilm: Ehret die Balten, bevor sie erkalten

Man kann es eine metaphysische Verbindung nennen, oder einfach einen Riesenfund. Chris Kraus hatte Gedichte einer gewissen Oda Schaefer gelesen, schaute in die Archive, und stellte fest: sie war seine Großtante. Oda Schaefer (1900-1988), geborene Kraus, Naturlyrikerin, aus baltischer Familie. "Die Windharfe" 1939, innere Emigration, nach dem Krieg kleine Auflagen, Modefeuilletons. Die Spuren des Deutschbaltischen finden sich im Kleingedruckten.Das Wissen darüber steht auf dürren Füßen, so wie das irrsinnige Stelzenhaus, das Kraus für seinen Film vor die estnische Küste gesetzt hat, wo er nun Familien- und Weltgeschichte miteinander verwebt. Dass man "Poll" die fast schon archäologische Recherche genauso anmerkt wie diese Brüchigkeit, ist das Schöne daran. Gleich zwei Dinge, die deutsche Historienfilme so gerne vermissen lassen. Vom herrlichen baltischen Dialekt, den man ebenfalls ausgraben musste, gar nicht zu reden.Sommerfrische und VerfallPoll war der Landsitz, wo die angehende Schriftstellerin 1914 ihre Ferien verbrachte. Oda von Siering (Paula Beer) heißt sie nun und ist so alt wie das Jahrhundert. Vorboten des Unheils hat sie im Gepäck: die Mutter im Eissarg, eine Missbildung im Glas für den Vater. Ebbo von Siering (Edgar Selge) ist Anthropologe, ein Hirnforscher mit schrulligen Ideen, die man zwei Weltkriege später als furchtbar erkennen wird. In Berlin darf er nicht lehren. Dafür sägt der mad scientist in seinem Labor an den Köpfen getöteter estnischer Rebellen und sucht darin nach dem Sitz des Bösen.Man sieht nichts davon, aber hier tobt ein Unabhängigkeitskrieg. Das Leben der deutschen Oberschicht im "Gouvernement Estland" ist schon so gefährdet, dass sich die russische Armee zum Schutz einquartiert hat. Lange wird der Pakt nicht halten. Bis dahin bietet die weiße Zarengarde noch ein bisschen was fürs Auge.Eine Zeit zu veranschaulichen, von der man keine Bilder hat, ist so mit das Größte im Kino. Das gelingt Kraus - und zwar glanzvoll. Ob er sie lebendig macht, ist der heikle Punkt. Ist doch der ganze Film von einer Todes- und Untergangsmetaphorik durchwoben, die das bewusst verhindert. Die "deutsche Kultur" im Baltikum ist so am Ende wie der morbide Ebbo mit seinem Latein. Abgeschottet, wie am Ende der Welt, hört man dem Wind beim Pfeifen zu.Auch dafür steht ja das Stelzenhaus, windschief den Fluten trotzend ohne Sinn und Verstand. Die Kamera darf noch ein paar Feste feiern, schwermütige Diners mit Hausmusik, ausladende Picknicks am Strand, aus allen Winkeln. Schön ist das Gebilde. Zusammenbrechen muss es doch.Nun könnte man die üblichen Vorwürfe ans Historienkino rekapitulieren und das alles zu gediegen finden. Doch was erwartet man von Deutschbalten? Ein wenig Sittenbild hier, ein wenig Naturlyrik dort - die Stimmung stimmt schon, so zwischen Sommerfrische und Verfall. Die eine Wahrheit ist: Mit einem Bruchteil dieser cineastischen Begeisterung hätte man die "Buddenbrooks" retten können. Mit Michael Hanekes "Das weiße Band" teilt Kraus nicht nur denselben Anspruch. Die andere Wahrheit lautet, dass sich ausgerechnet der Regisseur von "Vier Minuten" schwertut mit der Dramaturgie. Das furiose Klavierdrama bestand praktisch aus nichts anderem.Statisten ohne HauptfigurOda versteckt also einen angeschossenen Anarchisten und lernt von ihm Dinge, die ein junges Mädchen beeindrucken und die spätere Lyrikerin vielleicht prägen. Dieser Schnaps (Tambet Tuisk) ist ein netter Kerl, aber er trägt einen Film genauso wenig wie die Debütantin Paula Beer. Ebbo steckt im Labor, eine Affäre zwischen der leichenstarren Stiefmutter (Jeanette Hain) und dem Verwalter (Richy Müller) hat für die Handlung keinerlei Gewicht. "Poll" hat tausend Statisten, aber keine Hauptfigur, mit der man fiebert. Es ist eben, und zwar mit Herz und Seele, ein Ausstattungsfilm.Dass Chris Kraus diese Aufgabe bewältigt hat, bleibt das eigentliche Wunder. Als unabhängiger Produzent eines deutschen Autorenfilms eine Koproduktion mit 24 Ländern anzustrengen und so acht Millionen Euro lockerzumachen, ist ein Meisterstück. Eine Menge davon sieht man im spektakulärsten Filmset der jüngeren deutschen Geschichte. Es ist inständig zu hoffen, dass er seine Unternehmung nicht in den estnischen Sand gesetzt hat.-----------------------Poll Deutschland/Österreich/Estland 2010. Buch & Regie: Chris Kraus, Kamera: Daniela Knapp, Darsteller: Paula Beer, Edgar Selge, Tambet Tuisk, Richy Müller u. a.; 129 Minuten, Farbe. FSK ab 12 Jahre.Ab heute im Kino.------------------------Foto: Untergang der "deutschen Kultur" im Baltikum: Sinnlos trotzt das wackelige Stelzenhaus den Fluten.