JERUSALEM. Der Morgen ist noch jung, aber die Sonne schon heiß. Jacoub Fatho wischt mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Er und seine Männer haben alle Hände voll zu tun an diesem Tag. Der Garten Gethsemane, in dem zum ersten Mal ein Papst eine Massenmesse in Jerusalem halten will, sieht noch aus wie eine Baustelle. Das beschäftigt Jacoub Fatho weit mehr als die Aussicht, in wenigen Tagen dem Heiligen Vater zujubeln zu können. Dabei ist der 47-jährige Palästinenser selber Katholik. Aber er ist eben auch Bauleiter im Auftrag der israelischen Stadtverwaltung, zuständig für neue Zufahrten, über die das Papamobil einrollen soll.Zwei Durchbrüche in der gemauerten Eingrenzung sind geschaffen, die Wege hinunter ins Kidron-Tal frisch asphaltiert. Über dreißig Olivenbäume wurden nummeriert und versetzt, um Platz für VIP-Pilger zu schaffen. Bulldozer verschieben Erdmassen, Staub steigt auf. Fatho blinzelt hoch zum Goldenen Tor der Altstadt, durch das laut biblischer Verkündung der Messias einziehen wird: "Vom Garten Gethsemane wird die Erlösung kommen." Einen Moment lang wirkt Fatho fast versonnen. Dann grinst er. Vom Besuch Benedikts XVI. verspricht er sich nichts dergleichen. Ehrlich gesagt, gesteht er, ihn persönlich lasse der Papst ziemlich kalt.Viele Ehen als FernbeziehungenDas hat nicht nur damit zu tun, dass die palästinensischen Christen im "Heiligen Land" schon immer eine gewisse Distanz zu Rom hielten. Viele von ihnen - jene, die in Jerusalem oder im Westjordanland leben, mehr noch als die christlichen Araber in Israel - plagen sich mit Existenzproblemen, und sie fühlen sich im Stich gelassen. Vor allem von den Mutterkirchen im Ausland. Denen, so sagen sie, seien die heiligen Stätten wichtiger als die Menschen, die sich mit Wohnungsnot, Arbeitsmangel, Schikanen am Checkpoint und dergleichen rumschlagen müssten.Ebenso macht den hiesigen Christen das Gefühl zu schaffen, dass sie immer mehr zur Minderheit werden. Dazu trägt der wachsende Fundamentalismus in der palästinensischen Gesellschaft bei, die zunehmend islamischer wird. Aber auch die israelische Politik, die oftmals einer Familiengründung im Wege steht. Traditionell wird zwar gerne geheiratet zwischen Christen aus Bethlehem, Nazareth oder Jerusalem. Nur, der aus dem Westjordanland stammende Ehepartner erhält meist keine Aufenthaltsgenehmigung für Israel. Viele Paare müssen daher getrennt voneinander leben.All das trägt zum Exodus der Christen aus dem sogenannten Heiligen Land bei. Angefangen hat das schon vor der israelischen Staatsgründung. Und auf jeden Krieg folgten neue Auswanderungswellen. Heute leben in Israel noch schätzungsweise 150 000 arabische Christen, im Westjordanland einschließlich Ost-Jerusalem sind es etwa 50 000. In der Gesamtbevölkerung machen sie hier wie dort gerade zwei Prozent aus.Jacoub Fatho denkt nicht daran, auszuwandern. "Bis jetzt jedenfalls nicht", fügt er einschränkend hinzu. Er hat einen guten Job und kommt mit seinen Kollegen, ob jüdischen oder moslemischen, bestens aus. "Probleme machen doch nur die Fanatiker und die gibt es auf allen Seiten", sagt er. Aber die politische Perspektivlosigkeit nagt auch an ihm. Schließlich hat er fünf Kinder, zwei davon studieren an der Universität. Die wollen sich eine Zukunft aufbauen.In Bethlehem fällt es den Leuten noch schwerer, für die Zukunft zu planen. Wo soll die auch zu finden sein innerhalb des Betonwalls, den die Israelis zur Terrorabwehr, wie sie sagen, um die Geburtsstadt Christi gebaut haben?Issa Gharib, ein 60 Jahre alter griechisch-orthodoxer Palästinenser, hat seine Werkstatt in Beit Dschala. Er gilt als einer der begnadetsten Holzschnitzer in der Region. Ein Künstler sei er, der mit seinem Messer und seiner Imagination jede gewünschte Figur aus dem Holz hole, heißt es. Weshalb ihm auch die Schnitzarbeiten an den drei Stühlen anvertraut wurden, auf denen der Papst in Bethlehem sitzen soll. Einer wird im Casanova-Gästehaus der Franziskaner bereitstehen, einer im katholischen Priesterseminar von Beit Dschala und einer im Flüchtlingslager Aida, gefertigt aus reiner Buche und mit Vatikan-Emblem sowie Jerusalemer Kreuz versehen. Gharib ist stolz darauf. Aber die Ehre wiegt seinen Frust nicht auf. "Wenn ich könnte", sagt er, "würde ich morgen das Land verlassen". Die Familie sei zu 95 Prozent schon weg, die Tochter in Amerika. "Wir leben doch hier wie im Gefängnis."Vor 13 Jahren war Gharib zum letzten Mal in Jerusalem. Palästinensische Christen bekommen zwar in der Regel eine israelische Sondergenehmigung, um an Weihnachten oder Ostern Jerusalem zu besuchen. Der Antrag jedoch läuft über die palästinensischen Autonomiebehörden, und mit denen ist Issa Gharib überkreuz. Nicht, dass er sich etwas hat zu Schulden kommen lassen. Man nahm ihm aber übel, dass er vor zwölf Jahren eine christlich demokratische Partei gründete, mit Dependancen in Amman und der Westbank. "Unsere Idee war", sagt Gharib und verschränkt die mit Sägespänen übersäten Arme vor der Brust, "eine christliche Präsenz im Heiligen Land zu erhalten". Zu Beginn schrieben sich 1 300 Mitglieder ein. Aber nicht etwa die islamistische Hamas habe etwas dagegen gehabt, sagt er, sondern die Fatah. Inzwischen befindet sich seine Bewegung in der Auflösung.Seine politischen Ansichten nimmt Gharib keiner. Er ist aus hartem Holz geschnitzt, es steckt Widerspruchsgeist in ihm. Die palästinensische Regierung in Ramallah nennt er den "verlängerten Arm der israelische Besatzung". Die Kirche kommt kaum besser weg. "Außer beten tun sie nichts für uns", schimpft Gharib. Sich selbst bezeichnet er als gläubigen Christen, dem es aufs Etikett nicht ankomme. Er sei ein Freidenker, der sogar einige von der Hamas zu seinen Freunden zähle.Tatsächlich ist die Lage der palästinensischen Christen zu kompliziert, um sie in einfache Raster zu packen. Gleichwohl neigen alle Seiten dazu, die Probleme durch die eigene ideologische Brille sehr vereinfacht zu sehen. In Israel schiebt man gerne alles auf den radikalen Islam, überzeugt davon, dass die christlichen Araber es "bei uns hundert Mal besser haben" als in den Autonomiegebieten. Die palästinensische Seite wiederum gibt der israelischen Besatzungsmacht die Alleinschuld. Selbst Christen in Gaza behaupten, sie hätten genug davon, dass westliche Besucher von ihnen immer nur wissen wollten, ob sie Angst vor der Hamas hätten. Die Nachfrage hat freilich einen Grund: Nach Brandsätzen und dem Mord an einem ihrer Glaubensbrüder ist die christliche Gemeinde in Gaza um die Hälfte auf 1 000 Mitglieder geschrumpft.Bethlehem als Disneyland?Dennoch, auch Mitri Raheb, Pfarrer der Lutherkirche in Bethlehem, glaubt, dass die Hamas nicht das Hauptproblem ist. Schließlich sähen sich auch Moslems angesichts der unsicheren Verhältnisse zum Auswandern gezwungen. Nur sei das, anders als bei den Christen, kein großes Thema. Die Zahlen, die das Interkirchliche Zentrum Jerusalem anlässlich des Papst-Besuchs vorgelegt hat, klingen dramatisch: Die christlichen Gemeinden in Jerusalem müssen in den nächsten sieben Jahren mit einem Schwund um die Hälfte rechnen.Wird irgendwann Bethlehem nur noch eine Art Disneyland biblischer Stätten sein, aber ohne darin lebende Christen? Ganz so schwarz sieht Raheb nicht. "Christen haben immer hier gelebt und mussten mit unmöglichen Situationen fertig werden. Sie werden hier weiter überleben." Aber, sagt der kämpferische Pfarrer, die Kirchenleute müssten ihre Gemeinden ermutigen. "Statt Zuschauer sollten sie Akteure sein." Raheb hat Zweifel, ob Papst Benedikt XVI. hier als Vorbild agieren wird. "Die Menschen hier sind geradezu erwartungslos." Was sie am ehesten halten würde, ist ein stabiler Frieden. Aber den hat der Papst nicht im Gepäck.------------------------------Ermutigung durch Benedikt XVI.Der Besuch des Papstes im Nahen Osten gilt laut Vatikan in erster Linie den dort lebenden christlichen Arabern. Er wolle sie angesichts der Schwierigkeiten, denen sie tagtäglich ausgesetzt seien, bestärken und ermutigen, kündigte Benedikt XVI. an.Seit dem ersten Jahrhundert n.Chr. gibt es Christengemeinden in Palästina und angrenzenden Ländern. Mit Verbreitung des Islam wurden sie zur arabisch-sprechenden Minderheit. Die Kreuzzüge führten zur Teilung: Griechisch-Orthodoxe, Orientalisch-Orthodoxe, Römisch-katholische.Die Zahl der Christen sinkt stetig. Bei Israels Staatsgründung 1948 stellten sie in Nazareth noch 60 Prozent der Bevölkerung, heute 30 Prozent. In Bethlehem waren 80 Prozent Christen, heute 20 Prozent. Auswanderungswellen gab es 1948, nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967, durch die 2. Intifada und den Mauerbau der Israelis um das Westjordanland.------------------------------Karte: Israel------------------------------Foto: Issa Gharib schnitzt Engel und Stühle für den Papst. Der griechisch-orthodoxe Palästinenser aus dem Westjordanland war seit 13 Jahren nicht mehr in Jerusalem. Er würde am liebsten auswandern.Foto: Jordanische Soldaten mit der Kufiye, der typisch arabischen Kopfbedeckung, standen Spalier, als Papst Benedikt XVI. gestern auf dem Queen-Alia-Flughafen in Amman eintraf. Zum Auftakt seiner ersten Reise in den Nahen Osten äußerte das Oberhaupt der katholischen Kirche tiefen Respekt für die muslimische Welt. Er habe die Reise angetreten, um "für die Einheit und den Frieden im Nahen Osten" zu beten. Empfangen wurde Benedikt auf der ersten Station der einwöchigen Reise von König Abdullah II. von Jordanien. Ab Montag wird der Papst Israel und die Palästinensergebiete besuchen.

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