Seinen Debüt-Roman "Faserland" hat Christian Kracht als Reise seines Ich-Erzählers durch Deutschland angelegt. Dabei steht jedes Kapitel für ein alkoholisches Getränk, das zusehends profaner wird: von Champagner über Äppelwoi bis zum Bier mit Sirup. Der Roman, im Frühjahr bei Kiepenheuer & Witsch erschienen, wurde von der Kritik sehr unterschiedlich aufgenommen: als treffendes Zeugnis der Lebenswelt der heute 20- bis 30jährigen einerseits, als plattes Zeitgeist-Gerede andererseits. Im Buchhandel kommt "Faserland" jedoch gut an: Mehr als 10 000 Exemplare sind bereits verkauft - ungewöhnlich für ein Debüt. Mit Christian Kracht, der allerdings nicht gern Interviews gibt, sprach Guido Walter.Berliner Zeitung: Wie ist "Faserland" entstanden?Christian Kracht: Ich hab einfach so mal losgeschrieben. Meistens nach der Arbeit, auf den Grafik-Computern hinten in der "Tempo"-Redaktion.Was bedeutet der Titel "Faserland"?So etwas wie "Ausfasern". Kann auch "Faseln" bedeuten. In Deutschland definiert man sich über Telefonfasern, Kleidungsfasern, was weiß ich. Die Faserstruktur auf dem Buchumschlag hat sich die Designerin von ihrem T-Shirt abgedruckt.Du beklagst den Verfall der Ästhetik in Deutschland. Wann war für dich die Welt noch in Ordnung?In der Zeit, als es noch keine ICEBordtreffs gab. Der bevorstehende Verfall eines Wertesystems oder einer Gesellschaft kündigt sich immer durch das massenhafte Entstehen sauschlechter Alltagsästhetik an.Die detaillierten Beschreibungen von Menschen und Situationen im Buch erwecken den Eindruck, daß du hier Deine Lebensgeschichte erzählst. Bist du das in dem Buch?Nein.Der Typ im Roman wirkt in seinen Beschreibungen von Menschen oft arrogant und oberflächlich. Beurteilst du Menschen zuerst nach Äußerlichkeiten?Man kann und darf jemanden, den man nicht kennt, nur über die Oberfläche und über das Aussehen beurteilen. Alles andere wäre arrogant und vermessen.Dieser "Faserland"-Typ hat ja auch ein gespaltenes Verhältnis zu bestimmten Berufsgruppen wie Busfahrern. Geht dir das persönlich auch so?Ich kenne wirklich keinen einzigen sympathischen Busfahrer.Der "Held" in "Faserland" scheint Politiker zu hassen. Besonders die SPD kommt im Buch schlecht weg. Was stört dich an der SPD?Alles. Vor allem stört mich Rudolf Scharping. Die SPD ist das allerletzte. Die Politik interessiert mich aber nicht wirklich. Ich habe nur Sorge, wenn Politiker nicht mehr so sexy aussehen wie Brandt und Gysi, sondern wie Rudolf Scharping.Dein Vater war als Generalbevollmächtigter praktisch der zweitmächtigste Mann beim Springer-Verlag. Nervt es dich, wenn jemand sagt: Ohne die Beziehungen seines Vaters wäre er nie das geworden, was er ist?Nein.Was hat dein Vater denn zum Buch gesagt?Schreibe klarere Sätze, Christian. Lies Joseph Roth!Gleich auf der ersten Seite des Romans lesen wir: "Alle hier beschriebenen Personen und alle Begebenheiten sind, von gelegentlich erwähnten Personen des öffentlichen Lebens abgesehen, frei erfunden." Hast du dir wirklich alle Begegnungen, Partys und Gespräche im Roman ausgedacht?Absolut alles, bis auf die Party im zweiten Kapitel in Hamburg. Die hat wirklich stattgefunden, 1992 in einer Wohnung im Grindelhof. Es war die legendärste Party aller Zeiten.Welche Autoren magst du gern?Bowles, Fitzgerald, Lowry, Salinger, Evelyn Waugh. Nee, eigentlich nur Bowles und Fitzgerald und Waugh.Jerome D. Salingers "Fänger im Roggen" war ein Kult-Buch für die Jugend der Nachkriegszeit. Könnte "Faserland" ein Kult-Buch für die Generation der 90er werden, wie manche Journalisten bereits vermuten?Wenn mich Leute zwischen 24 und 30 ansprechen, dann meist nur, weil sie viele Sachen wiedererkennen, zum Beispiel das "Grünofant"-Eis. So Leute, die 1982 fünfzehn Jahre alt waren.Du setzt dich im Roman ironisch mit den Lehrern aus der 68er Generation auseinander.Nein, das tue ich nicht. Der Roman ist nicht ironisch geschrieben. Ich mag keine Ironie und schreibe auch nicht mit diesem Stilmittel.Du bist in der Schweiz geboren und in den USA und Kanada aufgewachsen. Wenn du in Deutschland bist: In welcher Stadt fühlst du dich am wohlsten?Ganz bestimmt in Hamburg. Es gibt hier die besten Bars und das beste Nachtleben. Aber mein Herz gehört den Wiesen und den Bienen und den Blumen meiner Heimat, dem Berner Oberland.Was magst du an den neuen Bundesländern?Die aggressive Sexualität der Menschen dort. Und die leider verschwindende ausgesprochen gute, eigenständige Alltagsästhetik.Was für Pläne hast du in der Zukunft? Gibt's ein neues Buchprojekt?Ich werde ein Buch über ehemalige deutsche Kolonien in Afrika schreiben.