In seiner groß angelegten Darstellung der deutschen Universitätsphilosophie verfolgt Christian Tilitzki zwei Ziele. Zum einen will er eine Institutionengeschichte des Faches Philosophie zwischen 1919 und 1945 schreiben, die bis in die Mikrostrukturen vordringt: die Berufungsentscheidungen, die Nachwuchsförderung, das Prüfungswesen, die Beteiligung an der akademischen Selbstverwaltung, das Vortragswesen innerhalb und außerhalb des akademischen Rahmens, die Mitarbeit in philosophischen Gesellschaften. Zum andern interessiert er sich für die politischen Orientierungen der in diesem Zeitraum an den deutschen Hochschulen tätigen Dozenten, nimmt also nicht die Universitätsphilosophie in ihrer ganzen Breite in den Blick, sondern nur die politische Philosophie. Das ist immer noch viel, aber, wie doch auch gesagt werden muss, weniger als der Titel verspricht. Die eigentliche Stärke des Buches, das Feld, auf dem es Maßstäbe setzt, ist die Institutionengeschichte. Tilitzki rekonstruiert in einer gewaltigen Arbeitsleistung anhand umfangreichen, in dieser Gründlichkeit noch niemals gesichteten Archivmaterials die Biografien auch noch der entlegensten und abseitigsten Gestalten, analysiert minutiös die Habilitationen, die Berufungsverfahren, die geglückten und gescheiterten Karrieren. Er gibt zum ersten Mal eine konzise Geschichte der Deutschen Philosophischen Gesellschaft und ihrer Publikationsorgane und hellt - ebenfalls als Erster - die Schlüsselrolle Alfred Baeumlers in der NS-Wissenschaftspolitik im Allgemeinen und in der Universitätsphilosophie im Besonderen auf. Unmöglich, in wenigen Worten zu würdigen, welche herausragende Leistung hier vorliegt und wie viel Neues auch dem Spezialisten noch geboten wird. Allein schon auf Grund des bio- und bibliografischen Apparats hat dieses Werk Handbuchqualitäten. Mit ihm hat Tilitzki Wissenschaftsgeschichte geschrieben, in des Wortes doppelter Bedeutung. Die Untersuchung der politischen Orientierungen fällt dagegen ab. Zunächst aus einem methodischen Grund. Tilitzki bedient sich zur Gliederung des intellektuellen Feldes eines Ansatzes, der von der Unterscheidung von Milieus beziehungsweise Lagern ausgeht. Was für die Vermessung der sozialen und parteipolitischen Landschaft ein nützliches Instrument sein kann, taugt jedoch nicht in gleicher Weise für die geistige Landschaft: hier sind Gemeinsamkeiten allenfalls in einigen sehr abstrakten Grundpositionen anzutreffen, selten jedoch in konkreten Politikfeldern. Tilitzki kommt denn auch mit dem Problem der Zuordnungen nicht zurecht. Die Einteilung in nur zwei Lager - die aus "Sozialidealisten, Katholiken und Liberalen" bestehende Weimarer Koalition und die deutschnationale und völkische Rechte -, führt ihn dazu, Philosophen wie Tillich, Horkheimer und Adorno dem ersten Lager zuzurechnen, obwohl er selbst bei ihnen eine prinzipielle Ablehnung der parlamentarischen Demokratie konstatiert. Völlig fragwürdig wird es, wenn in der gleichen Gruppierung dann die "Hausphilosophen der Schwerindustrie" auftauchen, ja sogar ein rechtsradikaler, mit der Eugenik liebäugelnder Anhänger des Mutterrechts wie Ernst Bergmann. Nicht weniger verwirrend ist es, im Kapitel über die deutschnationale und völkische Rechte auf Sozialdemokraten wie Siegfried Marck und Leonard Nelson zu stoßen, weil diese in außenpolitischen Fragen eine eher für die Rechte typische Haltung eingenommen hätten. In der Wildküche nennt man Gerichte dieser Art Hasen- oder Hirschpfeffer. Wer sie im Restaurant bestellt, weiß, dass er hier außer Hase und Hirsch noch mit manchem anderen zu rechnen hat. Die eigentliche Crux dieser Partien aber ist, dass Tilitzki nirgends aus der unfruchtbaren Gegenstellung zur herrschenden normativistischen Konstruktion der deutschen Ideengeschichte herauskommt. So unzureichend und schief diese häufig ist und so erfrischend manche der politischen Unkorrektheiten Tilitzkis sind: Seine Fixierung auf die Ansichten namentlich der um Wolfgang Fritz Haug gruppierten Schule drängt ihn zu einer derart ausufernden und redundanten Polemik, dass auch der geduldigste Leser bald genug hat. Darüber hinaus erstarrt der Denkprozess zur mechanischen Produktion von Antithesen, die Tilitzki überall dort "b" zu sagen zwingt, wo der Gegner "a" sagt. Da die Haug-Schule überall nur Faschismus zu sehen pflegt, hat dies die fatale Folge, dass Tilitzki in dieser Richtung überhaupt nichts mehr wahrzunehmen vermag. Schlimmer noch: Er verwandelt sich seinem Gegenstand so nachhaltig an, dass seine Darstellung streckenweise zur bloßen Verdoppelung wird, mitunter sogar zur Beschönigung. Das zeigt sich am deutlichsten im Kapitel über Alfred Baeumler. Den späteren Kritikern von dessen Position hält Tilitzki entgegen, den rationalen Kern von Baeumlers Philosophie verkannt zu haben. Der bestehe in dem - als Antwort auf den nationalstaatlichen Imperialismus des bürgerlichen Systems verstandenen - "dezidiert anti-imperialistischen völkischen Partikularismus", wie ihn auch Alfred Rosenberg zur außenpolitischen Leitlinie erhoben habe. Eine derartige Stilisierung des Gespanns Baeumler/Rosenberg zu Exponenten einer "ethnopluralistischen", deutscherseits auf außenpolitische "Selbstbeschränkung" beruhenden Doktrin verkennt völlig den ideologischen Charakter der "anti-imperialistischen" Deklarationen Baeumlers wie Rosenbergs. Die Nietzsche-Deutung des ersteren von 1931 lässt keinen Zweifel daran, dass die Deutschen dazu bestimmt seien, "das Europa der neuen Weltzeit anzuführen", und was Rosenberg angeht, sind die Bestimmungen im Mythus des zwanzigsten Jahrhunderts unzweideutig: Die Welt sollte unter die drei führenden "nordischen Reiche" - Deutschland, England und die USA - aufgeteilt werden, wobei Deutschland die Führungsrolle auf dem europäischen Kontinent zugedacht war. Als "Selbstbeschränkung" wird man das nicht eben bezeichnen können. Zu welchen gedanklichen Exzessen ein derart auf politische Unkorrektheit fixiertes Denken fähig ist, belegen die Versuche, selbst noch dem Antisemitismus einen guten Sinn abzugewinnen. Tilitzki weist zwar die Behauptung zurück, dass es so etwas wie einen rassisch determinierten jüdischen Zersetzungswillen gebe; aber gleich im Anschluss fordert er, bei der Beurteilung der Judenverfolgung ab 1933 nicht außer Acht zu lassen, dass die Juden selbst als "politische Kombattanten" aufgetreten seien, welche ihrerseits nicht zimperlich gewesen seien. Die Reichspogromnacht von 1938 erscheint aus dieser Sicht nachgerade als Antwort auf die "überraschend massive Feinderklärung", die Monate zuvor in einem angesehenen Organ des jüdischen Establishments in den USA erschienen sei. Noch eins drauf setzt Tilitzki einige dreißig Seiten weiter mit der Behauptung, die "globalistische" Politik Roosevelts, die auf Universalisierung des amerikanischen Wirtschaftssystems aus gewesen sei, sei in hohem Maße von jüdischen Organisationen beeinflusst worden. Im Kontext von Ausführungen, die dezidiert die deutsche Kriegsschuld am Zweiten Weltkrieg verneinen, muss man dies wohl dahingehend verstehen, dass es letztlich der von Baeumler postulierte jüdische Vernichtungswille war, der die Allierten zum Krieg gegen das nationalsozialistische Deutschland als den "Verteidiger der Partikularität (.), des Pluriversums der Völker und Kulturen" veranlasste. Dass eben dieses nationalsozialistische Deutschland schon lange vor 1938 demonstriert hatte, wie es mit den kulturellen Minderheiten auf eigenem Boden umzugehen gedachte, im Übrigen längst die rüstungspolitischen Vorkehrungen für einen Überfall auf seine Nachbarn getroffen hatte, erfährt man nicht. Tilitzki, der sonst keine Gelegenheit zu Distanzierung und Polemik auslässt, passt sich dem antisemitischen Diskurs in einer Weise an, dass man von Geistesverwandtschaft sprechen muss. Kommentarlos gibt er es wieder, wenn Nelson als "Typus des jüdischen Verstandesmenschen" charakterisiert und Cassirer gemäß einem gängigen Stereotyp die "letzte intuitive Ursprünglichkeit" abgesprochen wird. Zu Gerhard Lehmanns Broschüre über den "Einfluss des Judentums auf das französische Denken der Gegenwart" wird vermerkt, sie enthalte zwar polemische Passagen, sei aber weit davon entfernt, Wahnvorstellungen propagandistisch umzusetzen. Den diskutablen, also offenbar rationalen Kern dieses Machwerks sieht Tilitzki in der These, es gebe einen jüdischen Geist, der sich zum Herrn jener französischen Kultur gemacht habe, die unter dem Stichwort der Zivilisation den Anspruch auf die Schaffung einer Menschheitskultur erhebe. Liest man dann auch noch in der Fußnote, dass der einzige Kommentar zur Schmähung Julien Bendas als des "dünnblütigen Sohns einer schreibseligen Pariser Vorstadtjüdin und eines Ostjuden" in der Feststellung besteht, im Dictionnaire Biographique Français Contemporain werde zumindest der sachliche Kern dieser Angaben bestätigt, dann weiß man: Dieses Buch gehört in die Kategorie "Für den Weihnachtstisch des Antisemiten", wie sie in den Dezemberheften der Deutsch-Sozialen Blätter zu erscheinen pflegte. Was soll man davon halten? Einerseits: eine akademische Spitzenleistung, auf die man nicht verzichten möchte. Andererseits: ein Absturz in eine nachträgliche Legitimitätsbeschaffung für das NS-Regime, wie sie nach 1945 nicht einmal mehr dem ungewöhnlich selbstkritisch gewordenen Baeumler in die Feder geflossen ist. Es fällt schwer, bei dieser Konstellation nicht an die Geschichte von Dr. Jekyll und Mr. Hyde zu denken.Christian Tilitzki: Die deutsche Universitätsphilosophie in der Weimarer Republik und im Dritten Reich. Akademie Verlag, Berlin 2002. 2 Bde. , 1473 S. , 165 Euro.Foto: ULLSTEIN Wie bitte, Antisemitismus? Aber das war doch reine Globalisierungskritik! Studenten im Hörsaal (Universität Marburg, 1935).