Jedes Mal, wenn wieder eine Nachricht von einem getöteten Neugeborenen kommt, fragt eine erschütterte Öffentlichkeit, warum. Hätte das Kind nicht gerettet werden können? Es gibt doch Babyklappen! Vor genau neun Jahren, am 1. August 1999, wurde erstmals in Süddeutschland Müttern, die - aus welchen Gründen auch immer - ihr Neugeborenes nicht behalten konnten oder wollten, ein Angebot gemacht, das Kind abzugeben, ohne ihre eigene Identität zu offenbaren. Ein gutes Jahr später wurde im Norden die erste Babyklappe eingerichtet. Inzwischen gibt es 81 Klappen deutschlandweit. In zahlreichen Kliniken ist es möglich, sein Kind anonym zur Welt zu bringen. Politikerinnen verschiedener Parteien treiben die Diskussion um die Legalisierung der anonymen Geburt voran. Andere Politiker, ärztliche Fachgesellschaften und Adoptionsexperten halten dagegen. Vertreter der beiden Amtskirchen finden sich bei den Befürwortern wie bei den Gegnern. Die Kontroverse um dieses Thema verschärft sich von Zeit zu Zeit.Frau Professor Swientek, Sie verlangen: Babyklappen schließen, anonyme Geburt verbieten! Warum das?Eigentlich braucht nichts verboten zu werden, es ist ja gar nicht erlaubt. Es wagt nur niemand, gerichtlich gegen die Initiatoren vorzugehen, weil die angebliche Rettung von Babys einen so hohen Status hat, dass sich keiner traut, etwas dagegen zu machen. Eine ganze Reihe Staatsanwälte hat bereits Ermittlungsverfahren eingeleitet gegen die Betreiber, doch an irgendeiner Stelle des Verfahrens scheitern sie alle, einfach weil diese Idee, da könnte vielleicht Leben gerettet werden, so berauschend ist für manche, dass es nicht gelingt, das, was illegal ist, auch zu untersagen.Sie reden von Rettungsphantasien, vom Rettungswahn der Initiatoren. Was spricht denn gegen die Rettungsidee? Es gibt doch Zahlen. Etwa 600 durch Babyklappe und anonyme Geburt "gerettete" Kinder.Ja, wir haben leider so viele künstlich anonymisierte Findelkinder. Aber wir haben jetzt, nach knapp acht Jahren Babyklappe und anonymer Geburt, keinerlei Rückgang der Aussetzung, wobei man sagen muss, die Zahlen sind sehr, sehr unsicher, weil es keine offiziellen Statistiken gibt. Wir haben auch keinen Rückgang der Kindstötung. Die Zahl der Neugeborenentötungen ist in den letzten 30 Jahren etwa gleich geblieben. Also gleich geblieben in der Zeit vor der Entstehung der Babyklappen genauso wie in der Zeit, seit es Babyklappen gibt. Sie hätte ja deutlich abnehmen müssen, wenn die Rettungsmaßnahmen greifen würden. Aber es werden nach wie vor jährlich 25 bis 30 Fälle von Neugeborenentötung gemeldet. Es hat sich nichts verändert, quantitativ nicht und qualitativ nicht. Und die Frauen, die es betrifft, sind im Prinzip soziografisch die gleichen geblieben.Was weiß man über diese Frauen, die ihre Kinder "unter der Geburt" töten? Ein Teil der Fälle bleibt ja unaufgeklärt.Es sind Frauen aller Altersstufen und aller Bildungsschichten, es trifft zu auf Studentinnen genau wie auf Frauen von Anfang, Mitte 40, die nicht mehr mit einem Kind gerechnet haben. Das ist alles nichts Neues. Weder das Ausmaß ist neu noch die Ausführungen der Tötung sind neu. Neu ist, dass im Jahr 2000 ein Anbieter auf die Idee kam, so etwas zu errichten, wie wir es vor 150, 200 Jahren hatten, nämlich Babyklappen. Damals nannte man es Drehladen. Sie waren bei Klöstern und Kirchen angebracht, und plötzlich kam man zu Beginn des dritten Jahrtausends auf die Idee: So etwas machen wir auch. Seitdem ist das Thema Babyklappe virulent und natürlich in diesem Zusammenhang auch die Kindstötung. Babyklappe soll eine Lösung sein, im Grunde genommen wird gesagt, Frauen sollen ihr Kind lieber in eine Babyklappe bringen, anstatt es zu töten. Wenn das so funktionieren würde, wäre es in Ordnung. Aber es funktioniert nicht. Und das haben wir als Fachleute - Familienrechtler, Kinder- und Jugendpsychiater, Adoptionsfachleute und psychosomatisch orientierte Gynäkologen - von vornherein gesagt.Warum funktioniert es nicht?Die Neugeborenentötung folgt einer ganz bestimmten Psychodynamik. Frauen, die ihr Kind später töten, haben alle etwas gemeinsam: Sie sind sehr passiv, sind konfliktscheu, sie lösen keine Probleme, sie warten ab. Und das ist bei ihnen nicht nur so im Falle einer unerwünschten Schwangerschaft - wenn wir uns diese Leben angucken, ist es allgemein so. Sie sind nicht in der Lage, ihr Leben aktiv anzupacken. Ich habe einen Überblick über etwa 150 Fälle. Alle Frauen, die ihre Kinder getötet haben, haben keine Vorsorge gemacht, waren bei keiner Hebamme, haben nichts eingekauft für das Kind, nichts vorbereitet, gar nichts. Sie waren offenbar nicht in der Lage oder nicht willens, das Problem Schwangerschaft aktiv anzugehen. Sie sitzen da und warten ab. Und genauso sitzen sie da und warten ab, wenn die Geburt kommt.Eine Form von Verdrängung?Mehr eine Negierung, ein Nichtwahrhabenwollen, ein Nichtdraufachten. Sie wissen, dass sie schwanger sind, sie wissen es für sich, andere machen sie auch darauf aufmerksam. Sie schieben es aber einfach von sich weg. Mit diesem Konflikt wollen sie nichts zu tun haben. Eine derart passive Frau, die nicht einmal in der Lage ist, einen Arzt aufzusuchen, ist auch nicht in der Lage, Babyklappe und anonyme Geburt in Anspruch zu nehmen. Ich habe einmal eine Frau gefragt, warum sie im Vorfeld nichts unternommen hat, sich nicht hat beraten lassen. Sie sagte: "Ich dachte, das Problem löst sich von alleine." Das trifft natürlich zu, das Problem Schwangerschaft löst sich immer von alleine. Nur das Problem, das dann kommt, ist ungleich größer: Es ist plötzlich ein Baby da. Genau das ist die Situation, in der es zur Tötung kommt. Die Frau gerät in Panik. In Panik handelt niemand zielgerichtet.Sie schafft es nicht, ihr Kind einzupacken und zur nächsten Babyklappe zu bringen.Eine Frau, die ihr Kind nicht will und es in eine Babyklappe geben möchte, damit sie es nicht töten "muss", muss sich genau informieren, in welchem Krankenhaus es anonyme Geburt gibt und wo die nächste Babyklappe ist. Die Babyklappen sind zum Teil und mit Absicht so abgeschirmt, dass man sie nicht auf Anhieb findet. Die 81 Babyklappen in Deutschland verteilen sich auf riesige Landstriche. Wenn ich mir vorstelle, hier aus meinem Dorf wollte eine Frau die Babyklappe nutzen, die 45 Kilometer entfernt ist, sie müsste mit vier verschiedenen Verkehrsmitteln fahren und das, ohne dass das Baby schreit. Ohne dass jemand sie entdeckt, wenn sie mit einer großen Reisetasche unterwegs ist. Denn im Hintergrund dieser ganzen Thematik steht ja, dass alles geheim verlaufen soll. Niemand darf etwas merken. Das ist ja der Sinn und Zweck dieser ganzen irrsinnigen Anonymität.Soll man daraus schlussfolgern, die Frauen, die ihr Kind in eine Babyklappe legen oder nach anonymer Geburt in einer Klinik zurücklassen, wären gar nicht die sogenannte Zielgruppe? Wären nicht die "verzweifelten Mütter in höchster Not"? Wären also ganz andere Frauen, als die, deren Kind man vor der Tötung retten wollte?Ja, das trifft zu. Babyklappe und anonyme Geburt ist etwas für Leute, die in der Lage sind, ihre Konflikte zu lösen. Sie sind vorher gut informiert, sie hätten von ihrer Persönlichkeitsstruktur her ohne Weiteres die offiziellen Lösungsmöglichkeiten in Anspruch nehmen können, nämlich, zu Beratungsstellen zu gehen und das Kind gegebenenfalls regulär zur Adoption freizugeben. Es sind nicht nur Mütter, es sind auch Paare, die ihr Kind in eine Babyklappe bringen. Von den Fällen, die ich recherchiert habe, kann man sagen, dass etwa ein Drittel der Frauen, die ihre Kinder in die Klappe gelegt haben oder zur anonymen Geburt gingen, nicht alleine war. Das heißt, es sind nicht unter allen Umständen die einsamen, in Panik geratenen jungen Frauen, die in höchster Not bei Nacht und Nebel die Babyklappe aufsuchen. So lauten die hochemotionalen Formulierungen der Betreiber, die damit für ihre Maßnahmen um Sympathien werben. Die Realität ist eine andere: Da fahren junge Paare mit dem Auto vor. Da kommen Bruder und Schwester, und der Bruder sagt, das Kind kommt in die Klappe und wenn das erledigt ist, zahlen die Eltern dir die Ausbildung weiter. Es sind zahlreiche Familienangehörige involviert in diese ganze Verschiebung und Verklappung von Kindern.Aber in den meisten Fällen wird die Schwangerschaft doch verheimlicht?Das wird zwar behauptet, aber eigentlich weiß immer jemand Bescheid.Glauben Sie?Es ist keine Frage des Glaubens. Wenn Journalisten bei den Familien und in der Umgebung herumfragen, hat natürlich niemand was gewusst. Ich habe bei einer ganzen Reihe von polizeilichen Ermittlungen beratend mitgewirkt, und die Kriminalbeamten recherchieren natürlich ganz anders. Ich habe nicht einen einzigen Fall erlebt, wo nicht Verwandte, Nachbarn oder Kollegen etwas gewusst haben. Es war Thema im Betrieb, die Frauen wurden angesprochen: Warst du denn schon beim Arzt, bereitest du denn was vor? Die Frauen haben geleugnet, schwanger zu sein, und alle haben es gewusst. Dass die Kindsväter von der Schwangerschaft wissen, wenn sie mit ihren Partnerinnen zusammenleben, scheint mir sicher.Die sehen weg, weil sie nichts sehen wollen. Nehmen wir Sabine H. aus Brandenburg, die neun ihrer Kinder getötet hat. Die Ermittlungen gegen den Ehemann sind eingestellt worden, man konnte ihm nicht nachweisen, dass er etwas gewusst hat, obwohl nachweislich er der Vater aller neun Kinder war. Da fragt man sich doch, wie geht das?Das geht nicht wirklich. Diese Frauen werden allein gelassen mit ihrer Problematik. Und wenn im Gerichtssaal nachher alle möglichen Leute freigesprochen oder mangels Beweisen erst gar nicht belangt werden können, dann liegt das auch daran, dass Verantwortungslosigkeit kein Straftatbestand ist. Wenn ein Vater von neun Kindern oder auch nur von zwei getöteten sagt, er habe keine Ahnung gehabt, obwohl er noch bis zwei Tage vor der Entbindung mit der Frau im Bett gelegen hat, dann kann ihm keiner das Gegenteil nachweisen.Man kann es aber eigentlich auch nicht glauben.Nein, es ist nicht zu glauben, mit 99,9-prozentiger Sicherheit ist es nicht zu glauben, aber es geht hier um das Strafrecht. Ich kann niemandem nachweisen, dass er etwas gewusst hat, wenn er mit niemandem darüber gesprochen hat und es also keine Zeugen gibt. Wenn er jemandem von den Schwangerschaften erzählt hätte, wäre das etwas anderes. Wobei dann die Frage wäre, welches ist denn der Straftatbestand? Das könnte allenfalls unterlassene Hilfeleistung sein. Vor allem, wenn es um ein totes Kind geht, will natürlich keiner etwas gewusst haben. Einmal ist es das Juristische - kann ich eventuell mitverantwortlich gemacht werden, könnte mir etwas passieren? Und dann ist es natürlich auch das Moralische - warum hast du nichts gemacht, wenn du etwas gewusst hast? Da hat man lieber gar nichts gewusst.Das heißt, diese Frauen, die ihre Kinder töten, wird man durch kein noch so gut gemeintes Hilfsangebot erreichen können? Muss man sich damit abfinden, dass diese Kinder nicht zu retten sind?Auch wenn es schwer fällt: Es ist vermutlich so. Auf jeden Fall ist die Anonymisierung nicht das geeignete Mittel. Es ist nichts gerettet, nichts geholfen, nichts verbessert worden durch diese Möglichkeiten. Es hat nie zuvor eine betroffene Frau nach dem Angebot der Anonymisierung gefragt. Das ist der Phantasie irgendwelcher Helfer entwachsen. Es war kein Bedarf nach Anonymität da, der gedeckt werden musste, er wurde durch die Angebote erst geweckt. Die 25 bis 30 Kindstötungen im Jahr werden wir vermutlich mit keiner Maßnahme verhindern können. Genauso wenig, wie wir andere Delikte aus dem Strafgesetzbuch erledigen könnten. Wir haben zum Beispiel ein sehr liberales Scheidungsrecht. Und trotzdem gibt es den Ehegattenmord. Wo man sagt, mein Gott, lass dich doch scheiden! Da bist du doch deinen Mann oder deine Frau los! Wir haben jede Menge Tötung von Kindern im Sorgerechtsverfahren. Viel mehr als Neugeborenentötungen - weil es ja oft um zwei oder drei Kinder auf einmal geht. Wir werden mit keiner Maßnahme der Welt gegen irgendein Verbrechen ankommen, schon gar nicht gegen die Kindstötung, die in so geringer Anzahl geschieht. Nur, wir haben jährlich etwa 80 Kinder, die durch Babyklappe und anonyme Geburt zu Findelkindern gemacht worden sind. Jährlich. Das heißt, wir kommen auf etwa 600 inzwischen. Und keiner schert sich drum.Aber dennoch wird von der Babyklappe und der anonymen Geburt Gebrauch gemacht. Heißt das, die anonymen Angebote verleiten Mütter, Paare, Familien dazu, sie zu missbrauchen?Ich glaube, dass Mütter anonym bleiben wollen, weil es ihnen angeboten wird. Es ist eine neue Form, Konflikte zu lösen. Frauen haben ihre Kinder immer gekriegt und behalten oder gekriegt und zur Adoption freigegeben. Und jetzt gibt es sozusagen eine dritte Möglichkeit: Sie können ihre Kinder scheinbar ohne Probleme auch noch anonym weggeben. Sie brauchen sich nicht zu outen, sie brauchen sich nicht als schlechte Eltern zu fühlen, es wird ihnen so angepriesen, dass sie sogar das Gefühl haben, ich habe für mein Kind etwas Gutes getan. So, als ob sie es sonst umgebracht hätten. Hätten sie aber nicht.Aber sie ersparen sich unbequeme Fragen.Sicher. Sie müssen sich keiner Diskussion stellen. Sie müssen nirgendwo hingehen und sagen: Wir wollen das Kind nicht, wir wollen es zur Adoption freigeben. Das kann eine für sie sehr unangenehme Sache werden. Dann würden sie gefragt, ob sie es sich gründlich überlegt haben, ob das wirklich die beste Möglichkeit ist, sie würden aber auch über Alternativen beraten. Das kann man sich sparen, indem man sagt, ich nehme das Angebot der Anonymität wahr, ich bringe das Kind in eine Babyklappe. Oder lasse es namenlos im Krankenhaus zurück. Es ist eine billige Art der Entlastung.Und sie ersparen sich die Schande. Haben wir nicht ein Mutterbild, das es den Frauen sehr schwer macht, sich zur Weggabe eines Kindes zu bekennen?Natürlich, wir haben eine penetrante Mutterideologie, einen Muttermythos. Mütter müssen 20 Jahre lang jeden Tag 24 Stunden für ihre Kinder da sein, sie müssen sie ununterbrochen lieben und lebenslang Verzicht üben. Gegen so einen Muttermythos kommen Frauen kaum an. Aber wir haben in den letzten 40 Jahren viel getan, dass sich einiges ändert. In den 60er-Jahren gab es bei Adoptiveltern noch die Haltung: eine Mutter, die ihr Kind weggibt, ist es nicht wert, dass sie das Kind überhaupt bekommen hat. Diese Einstellung haben sie auf das Kind übertragen: Deine Mutter hat dich weggeworfen. Damals konnten sie sich die Kinder noch aussuchen - heute gibt es nichts Kostbareres, als ein Adoptivkind zu bekommen. Wir haben in den letzten 30 Jahren die Adoption liberalisiert, wir haben heute überwiegend die halboffene Adoption, das heißt, die Adoptiveltern lernen die Mütter kennen. Sie erfahren: Das ist nicht irgendeine Schlampe, die ihr Kind verlassen hat, das ist eine Mutter, die ihnen erzählt, warum sie es weggibt. Sie wird für die Adoptiveltern personalisiert.Viele Mütter leiden ein Leben lang darunter, dass sie es getan haben.Ja, das trifft zu. Ich habe in den 80er-Jahren eine große Untersuchung gemacht über Frauen, die ihre Kinder zur Adoption gegeben haben. Viele waren jahrelang selbstmordgefährdet. Vor allem an diesem sogenannten Gedenktag, dem Geburtstag des Kindes. Manche haben sich eine Woche Urlaub genommen, damit sie alleine sein konnten. Haben Blumen hingestellt, Kerzen angezündet, haben sich betrunken und haben hemmungslos geweint, weil sie es nicht aushalten konnten. Inzwischen können sie in Selbsthilfegruppen darüber reden. Aber was machen Frauen, die ihr Kind in die Klappe gelegt oder im Krankenhaus verlassen haben? Bei ihnen kommt noch eine viel größere "Schande" dazu: Sie haben sich des Kindes anonym entledigt. Aber man darf sich als Mutter seines Kindes nicht entledigen, schon gar nicht, indem man ihm noch nicht einmal einen Namen mitgibt.Was passiert mit den "künstlichen" Findelkindern?Ob Babyklappe, anonyme Geburt oder reguläre Freigabe - zur Adoption kommt das Kind auf alle Fälle, falls es nicht schwer geschädigt ist, denn dann finden sich keine Abnehmer. Für mich ist Adoption nicht das Mittel der Wahl, es ist eine Notlösung, aber eine, die die Not am kleinsten hält für alle Beteiligten. Der Unterschied ist nur, dass bei einer regulären Adoption die Eltern dem Kind das ganze Wissen um seine Herkunft mitgeben. Wobei die Kinder später die Möglichkeiten haben, ihre Eltern zu finden. Wenn eine soziale Maßnahme irgendjemanden schädigt, ist es eine schlechte Maßnahme. Im Fall der Anonymisierung ist der Schaden für die Kinder enorm groß. Sie sind ein Leben lang Findelkinder. Mit dem Bewusstsein: Ich habe in einer Babyklappe gelegen. Ich bin ein Kind ohne Herkunft, mich haben meine Eltern nicht gewollt. Alles, was wir in den letzten dreißig Jahren an Aufklärung, Öffnung, Liberalisierung und Demokratisierung im Adoptionswesen bewirkt haben, schnappt jetzt sozusagen zurück. Für Adoptivbewerber bietet sich an, diese Kinder besonders gern zu nehmen, weil keine Eltern im Hintergrund stehen. Es bietet sich an, sie nicht aufzuklären, denn worüber sollen sie aufklären, wenn sie nichts wissen. Sie können sagen, dieses Kind ist jetzt unser, und es ist viel mehr unser als ein herkömmliches Adoptivkind, weil es offiziell keine leiblichen Eltern hat. So kann es nicht zu Konflikten kommen. Aber das ist ein Irrtum. Die Kinder- und Jugendpsychotherapeuten waren unter den ersten, die sich uns angeschlossen haben im Protest: Das wird unsere nächste Patientengeneration sein. In Frankreich gehen einmal im Jahr 400 000 als Generation X Geborene auf die Straße und demonstrieren gegen die anonyme Geburt, die dort erlaubt ist. Sie sagen: Uns kann keiner helfen. Aber bitte hört im Interesse der nächsten Generationen damit auf! In den USA gibt es eine ähnliche Entwicklung.Frankreich wird von jenen als Beispiel angeführt, die sich für die Legalisierung der anonymen Geburt engagieren. Wie Ende Juni in Berlin auf einem Symposium Bündnis 90/Die Grünen.Das trifft leider zu. Aber die Befürworter sind nicht über die aktuelle Diskussion in Frankreich informiert. Außerdem gibt es keinen Grund, in Deutschland etwas Schädigendes einzuführen, nur weil ein Nachbarstaat in Kriegszeiten eine solche Maßnahme installierte. Rein juristisch gesehen muss jedes Krankenhaus mit einer geburtshilflichen Abteilung eine Frau entbinden, wenn sie mit Wehen kommt. Da sagt keiner stopp, jetzt muss sie erstmal ihren Namen nennen oder einen Versicherungsausweis zeigen. Da wird sie entbunden. Und wenn sie sich drei Stunden erholt hat, entlässt sie sich selber und lässt das Kind zurück. Über die Anonymität der Entbindung entscheidet die Frau alleine. Und nicht der Arzt oder die Hebamme entscheidet. Solche Fälle hat es seit Jahrzehnten gegeben. Doch jetzt soll das, was einige Frauen schon immer für sich ganz clever in Anspruch genommen haben, gesetzlich legitimiert werden: Ihr dürft alle anonym entbinden und eure Kinder namenlos verlassen? Wozu denn?Unter welchen Bedingungen können die Mütter oder die Eltern ihr Kind zurückholen, wenn sie es sich anders überlegen?Im Prinzip haben sie das Recht, das Kind bis zu cirka einem Jahr nach Verlassen zurückzufordern. Aber mit ganz seltenen Ausnahmen belügen die Betreiber die Frauen und zwar willentlich und wissentlich. Wenn Sie im Internet nachschauen, finden Sie überall eine Angabe: die Mutter hat acht - manchmal heißt es sechs, manchmal zehn - Wochen Zeit, ihr Kind zurückzunehmen. Dann würde es zur Adoption freigegeben. Das heißt, die Frauen wissen: Ich hab mein Kind in die Babyklappe gelegt, ich hab es anonym im Krankenhaus hinterlassen, die Zeit läuft. Danach habe ich kein recht mehr, denn nach acht Wochen ist das Kind für mich verloren. Schon allein dafür gehören alle diese Betreiber vor Gericht gestellt. Sie belügen und betrügen die Frauen mit falschen Angaben. Diese Acht-Wochen-Frist gibt es definitiv nicht im Adoptionsrecht. Sie wurde von einem der ersten Betreiber erfunden, und alle anderen haben sie übernommen. Bei der regulären Adoption haben die Eltern so lange das Recht, ihre Kinder zurückzuverlangen oder die Sache rückgängig zu machen, bis sie ihre Einwilligung vor einem Notar abgegeben haben oder bis ein Vormundschaftsgericht die Einwilligung zur Adoption ersetzt hat. Diese Ersetzung geschieht aber nicht vor Ablauf von zehn oder zwölf Monaten. Nehmen wir nun ein Findelkind aus der Klappe oder dem Krankenhaus, von der Kirchenbank oder der Bushaltestelle - juristisch sind es alles Findelkinder - dann muss sofort das Vormundschaftsgericht benachrichtigt und das Jugendamt als Vormund eingesetzt werden. Das Kind muss staatlich registriert werden und der Vormund hat dafür zu sorgen, dass intensiv nach den Eltern gesucht wird. Denn Aussetzung ist ein Straftatbestand, auch wenn sie von den Anbietern als straffrei deklariert wird. Und der Vormund darf bitteschön nicht etwa der Betreiber sein - hier wird ihm das Kind in die Klappe gelegt, gleichzeitig erwirbt er die Vormundschaft und dann vermittelt er das Kind auch noch zur Adoption.Läuft es in der Praxis so?Ja, leider gibt es Fälle, bei denen wir diesen Ablauf beobachten. Auch gibt es Betreiber, bei denen sich die Frage stellt, ob sie Kinder retten oder Kinder haben wollen. Es gibt für Babyklappe und anonyme Geburt kein besonderes Recht, es gibt keine rechtliche Regelung, weil es die ganze Sache nicht gibt, weil sie verfassungswidrig ist.Babyklappen werden von freien Trägern betrieben, anonyme Geburt wird in Privatkliniken praktiziert. Adoptivkinder sind knapp. Nicht jedes Paar, das sich ein Kind wünscht, kommt auf die Warteliste. Manche Paare sind bereit, viel Geld für ein Kind zu zahlen. Es gibt Warner, die offen von der Gefahr des Kinderhandels sprechen .Ja, es besteht die Gefahr des Kinderhandels. Kein Außenstehender und keine Amtsperson kann überprüfen, wie viele Kinder in den Klappen lagen und wie viele anonyme Geburten in Krankenhäusern, bei Hebammen oder in den Wohnungen der Eltern geschahen. Der Markt für neugeborene Kinder ist in Westeuropa und in den USA riesig, und es werden große Summen geboten.Warum dringen Sie und andere Fachleute mit Ihren Argumenten nicht gegen die Befürworter durch?Es ist eine scheinbar schöne Idee, sie verkauft sich gut, sie gilt als extrem kinder- und mütterfreundlich. Dass den Frauen nicht geholfen, sondern lebenslang geschadet wird, weiß der Laie nicht, und die Initiatoren wollen es nicht wahrhaben. Sie verschließen die Augen vor dem, was wir seit acht Jahren recherchieren. Und der Satz über die Kinder: "Lieber lebend ohne Identität als tot auf dem Müll" spottet sowieso jeder Beschreibung. Wenn die Babyklappe wirklich nutzen würde gegen Kindstötung und wir hätten - zumindest in den Städten, in denen es Babyklappe gibt - keine Tötung mehr, dann müsste man sagen, ihr habt recht gehabt, wir haben uns geirrt. Aber das ist nicht der Fall, leider.------------------------------Zur PersonChristine Swientek studierte Sozialarbeit, Psychiatrie sowie Kinder- und Jugendpsychiatrie in Kiel. Sie arbeitete dann mehrere Jahre als Sozialarbeiterin, unter anderem im Bereich der Adoptionsvermittlung. Danach absolvierte sie ein weiters Studium der Erziehungswissenschaften, Psychologie und Soziologie an der Universität Hannover mit dem Schwerpunkt Verhaltensgestörtenpädagogik.Nach einer Tätigkeit im Strafvollzug promovierte Christine Swientek in Kriminologie. Später habilitierte sie sich zum Thema abgebende Mütter im Adoptionsverfahren. Sie arbeitete mehr als 20 Jahre pädagogisch-therapeutisch mit abgebenden Müttern und half bei der Suche von Adoptierten nach ihren Eltern und umgekehrt.27 Jahre lehrte Christine Swientek an der Universität Hannover, davon zwölf als Professorin.Buchveröffentlichungen zum Thema: "Adoptierte auf der Suche nach ihren Eltern und ihrer Identität". Freiburg/Br. 2001, Herder; "Die Wiederentdeckung der Schande. Babyklappen und anonyme Geburt". Freiburg 2001, Lambertus Verlag;"Ausgesetzt, verklappt, anonymisiert. Deutschlands neue Findelkinder". Burgdorf Ehlertshausen, 2007, Kirchturm-Verlag------------------------------FotoINTERVIEW: RENATE RAUCH