KÖLN, im Mai. "Ich will nicht!" sagt die Frau. "Dohoch!" drängt der Mann. Das muss er so machen. Schließlich haben sie beide eine Verabredung. Ein bisschen Überwindung gehört schon dazu. Könnte sein, dass sie gleich auf Farbtuben drücken und sich bekleckern. Könnte sein, dass die Frau schummelt und etwas Sprühsahne auf die Auslegeware fallen lässt, statt sie wie der Mann runterzuschlucken, bis Übelkeit entsteht und das Spiel zu Ende ist. Könnte auch gut sein, dass ein Prominenter als Gast verschüchtert bei diesem Kindergeburtstag sitzt, den die Moderatoren Christine Westermann und Götz Alsmann vor seinen aufgerissenen Augen feiern. Dann hätte man dem steinernen Gast gerne geraten, sich Sonntagabend die Sendung "Zimmer frei!" beim WDR vorher einmal anzusehen, und gefragt, ob er sich dann noch traut hinzugehen. Hier kann er nämlich nicht eine neue CD vor die Kamera halten. Hier gilt die ganze Berühmtheit erst mal gar nichts. Der Gast weiß nicht, was ihn erwartet, aber er darf vorher sagen, wozu er nichts sagen will. Darüber wird dann nicht gesprochen, "gehört sich so", sagt Christine Westermann. Es gibt einen Ablauf, aber es gibt keinen Plan. Die Spiele werden mit dem Regie-Assistenten geübt, nicht mit dem Gast. Die alkoholischen Getränke, die im Verlauf der Sendung nachgeschenkt werden, sind echt. Nach einer Stunde, in der die Moderatoren vorgeben, einen neuen Mitbewohner für ihre WG zu testen und ihn auf einem heiklen Parcours begleiten, schlüpft meistens ein richtiger Mensch aus der Rollenverpackung. "Schälen wie eine Zwiebel" nennt Christine Westermann diesen Dienst am Prüfling. Die Idee mit der Wohngemeinschaft ist ziemlich genial: Letztlich läuft alle Kontaktsuche auf die Frage hinaus, ob man es mit jemandem aushalten könnte oder nicht. Man müsste nur eben Genaueres wissen. Die WG-Simulation ermuntert den Fernsehzuschauer, die Reichweite seiner Toleranz zu bedenken. Innerlich kann er sich an der Abstimmung des Saalpublikums mit roten und grünen Karten beteiligen. Hätte keiner gedacht, dass seit 1996 aus einem Lückenfüller in der Sommerzeit 221 Sendungen werden könnten, mit einem Marktanteil um fünfzehn Prozent. Die 222. Sendung mit Udo Jürgens darf eine halbe Stunde länger dauern und wandert am heutigen Abend ausnahmsweise in das erste Programm. Das optimal irritierende Pärchen Westermann und Alsmann bekam im März 2000 den Grimme-Preis. Ein Zusammenschnitt läuft als "Lange Zimmer frei-Nacht" dieses Jahr von Pfingstsonntag auf Pfingstmontag bis morgens früh um sechs für die Fans. Alsmann war längst ein bekannter Entertainer, aber damals hätte kaum einer mit dem Erfolg seiner Partnerin Christine Westermann gerechnet: Im Juli 1996 schrieb Florian Illies in der FAZ, dass sie "in ihr Konzept gepresst blieb wie in ihr orangefarbenes Jäckchen." Andere empfanden sie als altbacken und provinziell. "Als hätte sie jemand mit vorgehaltener Waffe in diese Show geschickt", schrieb der Tagesspiegel. Christine Westermann hört selber noch die warnenden Stimmen der Freunde - "Hör auf! Du kannst das nicht!" Es hieß auch, sie würde mit "Zimmer frei!" ihrem Ruf als seriöser Journalistin schaden - sie war Moderatorin der "Drehscheibe" beim ZDF, der "Aktuellen Stunde" beim WDR, des "Sonntagsmagazins" beim WDR 3. 1996 war Christine Westermann 48 Jahre alt. Für Fernsehverhältnisse eine alte Frau. Zu ihrer Unterstützung besaß sie nur eine leise innere Stimme. Die flüsterte: "Du kannst das besser." Sonst hat ihr das keiner gesagt. Sie entschied sich ab da für Hosenanzüge statt für bunte Jäckchen, aber das wirklich Wichtige lag in der Feinarbeit rund um ihren Grundsatzentschluss: "Ich bin wie ich bin." Keine Konkurrentin für Götz Alsmann, den anarchischen Provokateur und großen Pointierer, den sie mit viel Liebe eine Rampensau nennt. Nie wird sie diesen eleganten Armschwung schaffen, mit dem Götz Alsmann seine Partnerin vorstellt. "Ich kann das nicht. Er ist so geschmeidig, ich bin so eckig. Er schleicht, ich trampele. Wenn ich jemals wieder eine andere Sendung machen sollte, dann will ich gleich am Anfang auf der Bühne sitzen, dann will ich nie mehr rauskommen und mit den Armen schwingen. Über das Honorar kann man mit mir verhandeln, über diese Bedingung nicht." Sie blieb, wer sie war. Aber sie wurde immer besser. Sie wollte keine taffe oder zuschnappende Interviewerin werden. Ihre Auffälligkeit besteht in Normalität und Kompetenz. Christine Westermann ist vor allem gelassen. Diese absolute Entspanntheit besitzt außer ihr im Fernsehen nur noch Manuel Andrack, der Bühnenpartner von Harald Schmidt. Wahrscheinlich wird man so geboren. Oder man muss mit sich im Großen und Ganzen im Reinen sein. Sie sagt, dass sie sich inzwischen auf jede Sendung freut. Götz Alsmann flüstert ihr manchmal bei den Proben zu: "Haben wir nicht n tollen Job? Dass man das alles machen darf, dass man so spielen darf!" Läuft eine Sendung gut, stoßen sie sich unter dem Tisch mit den Knien an. Christine Westermann interessiert sich für Antworten. Sie lässt Pausen, fragt nach und ist bereit, dem Gespräch in eine andere als die vorbereitete Richtung zu folgen. Ihre Fragen sind immer einfach. Man kann ihr ansehen, wenn sie selber überlegt, ob sie mit diesem Gast zusammenwohnen könnte. Man merkt auch, wenn sie, bei aller Höflichkeit, einen Gast nicht nett findet.Viele Gäste haben einfach nur Angst. "Zimmer frei!" ist viel lustiger als "Friedman", aber ähnlich persönlich direkt und blamieren kann man sich auch. Mancher trinkt dann zu viel und muss gestützt werden. Mancher ist völlig nervös. Dann dehnen die Moderatoren die erste Station, die am Küchentisch, reden lange in einer gütigen Tonlage, gießen noch einen Champagner ein, und Götz Alsmann legt still seinen Kopf auf die Schulter der Kollegin wie ein ganz lieber Junge. Die Moderatoren reden vom "behüteten Blamieren", weil sie selber jeden Unsinn mitmachen, sie sagen auch vor, wenn einer das Bilderrätsel nicht rausbekommt. Aber sie spielen bei einer lahmen Ente nicht, dass sie gerade einen tollen Hecht erleben. Götz Alsmann gähnt dann offen, seine Partnerin unterdrückt sichtbar das Gähnen. Geduzt wird meistens nach dem Anstoßen, aber wenn es mit dem Gast keinen Spaß macht, kann es passieren, dass Christiane Westermann unwillkürlich zum Sie zurückkehrt. "Achtung! Ihr duzt euch bereits!" steht dann auf der Pappe, die der Assistent hoch hält. "Keine Sendung ist wie die andere", sagt Christine Westermann. "Manchmal kann ich mit dem Gast, aber Götz kann nicht. Oder umgedreht." Manchmal sagt einer was, was er gar nicht sagen wollte. Cherno Jobatey ist weggelaufen, die Sendeaufzeichnung liegt auf Eis. Schlingensief rastete aus und warf einen Monitor in ein Wasserbecken. Guido Westerwelle ließ Alsmann links liegen, Elisabeth Volkmann hat nicht mit Westermann gesprochen. Der Moderatorin zitterte vor Kränkung die Stimme. "Das würde mir heute nicht mehr passieren. Ich bin friedfertig und harmoniebedürftig und musste lernen, mich zu wehren." Es gibt keine andere neben ihr. Keine andere Frau im deutschen Fernsehen ist in ihrem Alter und Zugpferd einer festen Unterhaltungssendung. Es ist unklar, ob trotzdem oder deswegen. So oder so wäre sie selten wie ein Einhorn. "In die bin ich total verliebt", sagt die 24 Jahre alte Charlotte Roche, die auf dem Musikkanal VIVA 2 moderiert, in einem Interview. Wenn Rechercheure von Alfred Biolek oder Johannes B. Kerner Christine Westermann in ihre Sendungen als Gast einladen, dann überbringen sie Grüße von allen Frauen aus dem Team. "Sie sind unser Vorbild!", lassen sie ihr ausrichten.Das Vorbild freut sich sehr darüber. Es ist keineswegs satt an Komplimenten, obwohl inzwischen weit und breit kein Mensch zu finden ist, der diese Frau nicht gut findet. Aber es hat eben schon eine Weile gedauert, bis es so weit war. Das Vorbild benimmt sich privat genauso wie in der Sendung: Macht ein Gesicht, das nur auf die nächste Gelegenheit wartet loszulachen, und dann versenkt es prustend das Kinn in den Blusenausschnitt. Das Vorbild will im Interview nicht beeindrucken oder einschüchtern, deshalb erzählt es besonders gerne Geschichten von eigenen Irrtümern. Mit einer Sammlung solcher Geschichten hat es 1999 einen Bestseller geschrieben. "Lieber Gott, bitte". So beginnt der Roman von Christine Westermann "Baby, wann heiratest du mich?" Sicherheitshalber hat sie gegen Ende noch ein "Himmel hilf!" eingebaut. In der Umklammerung zweier Stoßseufzer erzählt sie eine Katastrophenkette: Eine Frau sucht einen Mann. Den richtigen Mann. Das ist nicht so leicht. Die Autorin bezieht sich auf die Regisseurin Doris Dörrie, die Folgendes gesagt haben soll: "Für eine Frau ab dreißig ist die Wahrscheinlichkeit, einen guten Mann zu finden, in etwa so groß wie von einer Atombombe getroffen zu werden." Die Heldin des Romans wird fünfzig, was die Sache nicht leichter macht. Es gibt Ähnlichkeiten mit der Autorin: Im Jahr 1999 ist sie eine noch nie verheiratete, wenngleich sehr erfahrene Frau. Kaum war das Buch erschienen, hat Christine Westermann Doris Dörrie widerlegt. Sie fand ihren Traummann. Damit die Sache diesmal gleich auf die richtige Schiene kam, hat sie ihm einen Heiratsantrag gemacht. Sie sagte ihm vor der Schicksalsfrage, dass sie Angst habe wie vor einem Sprung vom Zehn-Meter-Turm, bei dem man nicht weiß, ob überhaupt Wasser im Becken ist. Und er hat gesagt: "Spring. Ist randvoll." Der Ehemann erscheint im Café in Köln, um seine Frau nach dem Interview abzuholen. Herr Richtig, leibhaftig. Er heißt Jochen Baller, ist Unternehmensberater und jetzt auch ihr Agent. "Mein größter Fan und fairster Kritiker", sagt sie. In seiner Brieftasche liegt wie ein Talisman ein zerknitterter Zettel. Auf den hat Christine Westermann im September 1999 ihre Telefonnummer geschrieben. Seit dem 3. Juni 2000 sind sie glücklich verheiratet, und Christine Westermann ist nun so selten wie ein Einhorn, das von einer Atombombe getroffen wird. Oder wie ein Vorbild."Haben wir nicht n tollen Job? Dass man das alles machen darf, dass man so spielen darf!"Götz Alsmann ."Wenn ich jemals eine andere Sendung machen sollte, will ich nie mehr rauskommen und mit den Armen schwingen. " Christine Westermann .TEUTOPRESS "Achtung! Ihr duzt euch bereits!" - Christine Westermann testet Kandidaten für eine Wohngemeinschaft im Fernsehen.