BERLIN. Jahrelang konnten sich Neffe und Onkel nicht kennenlernen. Als Jonas Grosch 1981 geboren wurde, saß Christof Wackernagel im Gefängnis. Wegen versuchten Mordes war er als Mitglied der RAF zu 15 Jahren Haft verurteilt worden. Nach zehn Jahren kam er frei. Jonas Grosch ist froh, dass sie nicht denselben Nachnamen tragen: "Wenn da stehen würde, ein Film von Jonas Wackernagel über Christof Wackernagel, würde man mir gleich unterstellen, dass ich etwas schönfärben möchte. Was gar nicht der Fall ist."Auf seinem schwarzen T-Shirt leuchtet in weißen Buchstaben der Titel des Films: "Der Weiße mit dem Schwarzbrot". Gerade war Premiere, die Kritiken sind gut. Ein Film, der mit der RAF zu tun hat, wird stärker beachtet als manch anderes Debüt. Die RAF ist mittlerweile ein Label, das immer zieht, was Christof Wackernagel, 57 Jahre alt, am Besten weiß: "Irgendwelche Journalisten, die nur irgendwelche Ex-Vorsilben produzieren, hätte ich nicht in mein Haus gelassen. Bei Jonas hatte ich die Garantie, dass er Interesse am Gesamtmenschen hat, einem, der schreibt, der malt, der spielt, und der eben auch mal bei der Rote Armee Fraktion war."Er regt sich gleich zu Beginn des Gespräches in einem Berliner Hotel fürchterlich auf, und wenn man aus dem Film nicht wüsste, dass das ein normaler Ton bei ihm ist, könnte man sich angegriffen fühlen.Schmal sind sie beide und groß gewachsen, Grosch überragt Wackernagel noch um einen halben Kopf. Die Verwandtschaft ist auf den ersten Blick nicht ersichtlich, und Grosch spricht hochdeutsch, obwohl er wie sein Onkel Schwabe ist. Der Neffe wuchs in Kassel auf. Als kleiner Junge hat er einmal in einem Stück des Onkels mitgespielt. Er war das Kind, das immer ja sagen musste und auf der Bühne eine Banane aß. "Mein Anti-Wiedervereinigungsstück", sagt Wackernagel, sie lachen beide - und plötzlich ist die Familienähnlichkeit zu sehen.Nach dieser kurzen Begegnung wuchs die Distanz erneut, auch in Kilometern. Seit fünf Jahren lebt Wackernagel in Bamako, der Hauptstadt von Mali. Dorthin ist ihm Jonas Gosch für seinen Film gefolgt.Für Wackernagel ist Afrika ein Exil auf Zeit, selbst gewählt. Schon in der achtziger Jahren hatte er einen Roman und einen Erzählband veröffentlicht, nun wollte er endlich ein Epos über seine Generation schreiben, über den "Geist der Veränderung, der mal da war und jetzt wieder weg ist". Dafür musste er Deutschland weit hinter sich lassen. "Es hätte auch der Mond sein können", sagt er. Es wurde Bamako.Sich dort mit dem Laptop in ein Zimmer einzuschließen, entspricht allerdings nicht seiner Natur. Er gibt keine Ruhe, wenn er Unrecht und Not sieht, will helfen, verbessern, verändern. So ist "Der Weiße mit dem Schwarzbrot" auch ein Film über das Leben in einer westafrikanischen Metropole, über den Müll auf den Straßen, über Frauen, die kilometerweit gehen, um Wasser zu holen, über den ständig drohenden Hunger. Nicht aus missionarischem Einsatz für Naturkost kam Wackernagel auf die Idee, eine Vollkornbäckerei in Bamako zu gründen. Vollkornbrot sättigt länger, das ist der Grund. Aus Deutschland wurde ein Ofen geschickt, aber die Bäcker in Mali kamen mit dem Thermostat nicht zurecht. Irgendwann explodierte der Ofen, ein anderer Bäcker übernahm die Rezepte.Nun gibt es Vollkornbrot in Bamako, bei der Bevölkerung kommt es aber noch nicht so gut an. Hauptkunden sind Hotels und Konsulate, Europäer vor allem, aber die Kinder der Familie, in der Wackernagel jetzt lebt, haben schon Geschmack gefunden an dem dunklen Brot. "Das ist ein Generationenprojekt", sagt Wackernagel. Er ärgert sich ein wenig, dass der Film den Erfolg nicht so richtig unter die Leute bringt. "Das ist mein einziger Kritikpunkt."Das Kompliment von Seiten der Hauptfigur spricht in diesem Fall nicht gegen den Film. Grosch ist im gefährlichen Gebiet der Nahdistanz nicht bewegungsunfähig geworden, und kontrollieren ließ er sich schon gar nicht. Wackernagel hatte keinen Einfluss auf den Film. "Ich habe mich nicht eingemischt, das musst du zugeben", sagt Christof Wackernagel. "Das hätte ich auch nicht zugelassen", erwidert Jonas Grosch.Was hat ihn interessiert am Leben dieses Mannes, der zufällig sein Onkel ist? Grosch, der seit Herbst 2004 an der Filmhochschule in Potsdam-Babelsberg studiert, sollte ein Exposé über eine Figur aus dem Verwandten- oder Bekanntenkreis schreiben. Eigentlich wollte er die Geschichte beim Fernsehen verwirklichen, was aber nicht klappte. Es gab Gespräche, die nicht so gut liefen, daraufhin beschloss er, den Film ohne die Mitsprache, aber auch ohne das Geld von Fernsehsendern zu drehen.Sein Konzept hatte die Redakteure nicht überzeugt. "Wackernagel und RAF fanden sie spannend, aber Wackernagel und Bamako? Na ja", sagt Gosch. Auf die in Dokumentationen üblichen Gespräche mit Zeitzeugen hatte er keine Lust.Mit einem kleinen Team flog er nach Westafrika, die Produktionskosten von etwa 8 000 Euro wurden familiär finanziert. Die Schauspielerin Katharina Wackernagel, Groschs Schwester, unterstützte ihn ebenso wie sein Bruder Philipp.Ideen umzusetzen, statt sie zu zerreden, zu handeln, auch auf die Gefahr hin, dabei zu versagen - darin konnte sich Grosch mit Wackernagel identifizieren. "Was mich interessiert, ist der Aktionismus, der Moment, in dem man etwas tut, und das in verschiedenen Formen."Dennoch zieht der Regisseur in seinem Film keinen Bogen von der RAF zur Vollkornbäckerei. Er zeigt Wackernagels Leben als Gewebe mit Einrissen und brüchigen Stellen, ohne nach den Ursachen dafür zu fragen. Alles, was Psychoanalytiker, Soziologen, Journalisten und Filmemacher an der RAF beschäftigt hat, interessiert Grosch in seinem Film nicht: die RAF als "Familiendrama", das Verhältnis der RAF zur Gewalt, die bis heute rätselhafte Psychodynamik jener zweiten RAF-Generation, der Wackernagel etwa zwei Monate lang angehörte. Im November 1977 wird er bei einer Schießerei in Amsterdam schwer verletzt und gefasst. Wackernagel spricht durchaus darüber. Seine Erinnerungen an den dramatischen Wendepunkt seines Lebens sind eingerahmt von Szenen, in denen er in einem leeren Schwimmbecken, nur mit Boxershorts bekleidet, Küken fängt.Ein Fernsehsender, sagt Grosch, hätte ihm diese Erzählweise nie durchgehen lassen. Befremdlich mag manchem Zuschauer weniger der Kontext erscheinen, als Wackernagels Mimik - er lacht immer wieder, während er die Geschichte jener Schießerei erzählt, in der holländische Polizisten das Feuer gegen ihn und seinen Gefährten Gert Schneider eröffneten und Schneider am Ende sogar eine Handgranate warf. Zu Tode kam dabei niemand. Wackernagel brauchte lange, ehe er dafür dankbar war, niemanden umgebracht zu haben.Was also ist das für ein Lachen? Wackernagel sagt, er sei froh, dass der Film seine Verlegenheit zeigt, "es ist kein niedermachendes, abgebrühtes, sondern ein selbstdistanzierendes, ironisches Lachen". Etwa sechs Jahre hat es gedauert, bis Wackernagel sich von der RAF ablöste, der taz sagte er 1984: "Irgendwann hat man die Nase voll von dem unerträglichen Schwachsinn von Leuten, die auch noch behaupten, damit Revolution zu machen." Grosch war damals drei Jahre alt, Fahndungsplakate gehören nicht zur Bilderwelt seiner Generation."Ich habe dazu so viel Distanz, deshalb interessiert es mich auch gar nicht so sehr. Es waren für mich keine coolen Typen, die endlich mal die Knarre rausgenommen haben. Gewalt ist für mich verpönt", sagt er. Er wollte von Wackernagel nicht wissen, warum der das zu einer bestimmten Zeit seines Lebens anders sah, das ist eine Leerstelle in dem Film. Deshalb auch ist "Der Weiße mit dem Schwarzbrot" eben kein "Film über die RAF", auch wenn Volker Schlöndorff das behauptet.Es sei denn, man sieht im Fehlen der Reflexion auch etwas Typisches für Menschen, die sich von der RAF angezogen fühlten. Wackernagel, schreibt Regisseur Schlöndorff in einem Begleittext, sei "ein Mensch, der sein Leben wie ein offenes Werk spielerisch gestaltet". Das Spiel war schon sein Beruf, zehn Jahre bevor er in den Untergrund ging. Wackernagel gehörte Ende der 60er Jahre zu den aufsteigenden Jungstars des deutschen Films. Kurz bevor er in den Untergrund ging, bekam er ein Angebot des Regisseurs Alan Parker für eine große Rolle in "Midnight Express". "Gerade wegen meiner Drogenerfahrung", sagt Wackernagel in Groschs Film, wäre er dafür vielleicht besonders geeignet gewesen. In das Vakuum jener Zeit fragt Grosch nicht hinein. Vielleicht weiß Wackernagel heute selbst nicht mehr, warum er sich vor mehr als dreißig Jahren der RAF anschloss.Etwas Unbestimmtes gehört zu diesem Leben ebenso wie die Offenheit, sich auf unbekanntes Terrain einzulassen. Das Leben in Mali, so sieht es Wackernagel, ist für ihn auch eine Übung. "Dort musste ich lernen, nichts zu tun, nicht immer zu schreien, wenn mir etwas nicht passt. Ich bin dort Ausländer, ich kann nicht kommen und den Leuten sagen, was sie zu tun haben."In einem Geschichten-Band, der ein wenig aussieht wie die Raubdrucke aus der linken Szene, erzählt Wackernagel von den Verwicklungen, in die er als Europäer in Mali geriet. Naiv wollte er, dass die Haushälterin mit ihm am Tisch aß - "das war Terror gegen die arme Frau." Seine Wahrnehmung des Lebens in Bamako ist fern jeder Romantisierung, er wird betrogen und benutzt, sträubt sich aber dagegen, es selbst jenen alternden europäischen Männern gleichzutun, die nach Mali kommen, um sich eine Zwanzigjährige zu nehmen.Zurzeit befindet er sich auf halbem Weg zurück nach Deutschland, ohne Bamako aufzugeben. Wackernagel lebt dort mit der Familie des Musikers Madou Coulibaly. Mit ihm spielt er jeden Samstag auf der Straße. Und Jonas Grosch? Er könnte keinesfalls in Mali leben. "Das ist nicht meine Vorstellung von Glück." Gerade hat er ein Drehbuch über zwei Deutsche geschrieben, die zu Weihnachten in Polen verloren gehen. Auch diese Geschichte hat eine Moral, sagt er. Und zwar die, dass man bei allen Unterschieden doch zueinander finden muss.------------------------------"Ich bin dort Ausländer, ich kann nicht kommen und den Leuten sagen, was sie zu tun haben." Christof Wackernagel über sein Leben in Mali------------------------------Foto: Als der Filmemacher Jonas Grosch, (l.) 1981 geboren wurde, saß sein Onkel Christof Wackernagel als RAF-Mitglied im Gefängnis.