Ich muß dir etwas Liebes sagen, heute sollen Rosen blühen, wunderschöne Zwillingsrosen", inserierte am Wochenende im Kleinanzeigenteil der "taz" ein Unbekannter für Unbekannt. Zwei Zentimeter tiefer, rechts davon in der Rubrik "Geschäftsverb." stand weiteres Kleingedruckte, auch von Unbekannt, doch weniger blumig im Ton: "Junge, aufstrebende Partei meistbietend zu verkaufen. Zur Bundestagswahl zugelassen, zahlreiche Landesverbände, bundesweites Netzwerk. Gebot Chiffre Bundestagswahl 98."Das war Christoph Schlingensief. Um den Konkurs seiner "Chance 2000" zu verhindern, wollte er seine als Partei zur Bundestagswahl zugelassene Theateraktion verhökern. Die Schulden seien auf 90 000 Mark gewachsen, das sei "finanzieller Ruin", von irgendetwas müsse er ja noch leben. Grüblerisch wie der theatralische Meßdiener veranlagt ist, hat Christoph die Zusammenhänge durchschaut: Das "Sozialprojekt" werde nur von jenen gut gefunden, die selber kein Geld hätten; die anderen beschränkten sich auf Solidaritätskundgebungen.Immerhin hatte der Modemacher Wolfgang Joop 190 000 Mark gespendet, wie die "taz" im redaktionellen Teil berichtete. Ist das ganze Geld beim Baden im Wolfgangsee draufgegangen? Haben die Schlingensiefianer zuviel Sekt getrunken? Jedenfalls wird es jetzt richtig doof. Die Rechnungen müsen vielleicht alle bezahlt werden, und Christoph muß vielleicht in den Bundestag einziehen, obwohl er nun gar nicht mehr will. Gestern nämlich meldete sich der Bundeswahlleiter Johann Hahlen zu Wort: "Die Gesetze lassen eine Veräußerung nicht zu." Der Verkauf einer politischen Partei werde vom bürgerlichen Recht wie vom Parteienrecht untersagt. Erlaubt seien lediglich ein Zusammenschluß von Parteien oder deren Auflösung. Hahlen wies darauf hin, daß "Chance 2000" in mehreren Bundesländern zur Wahl zugelassen sei. Ein Rückzug sei nun nicht mehr möglich, da die Wahlvorschläge gültig seien. Sollte die Partei des Regisseurs sich auflösen, aber den Sprung in den Bundestag schaffen, müßten die gewählten Abgeordneten trotzdem in das Parlament einziehen.Das kann unangenehm werden. Armer Christoph! Hatte er nicht immer gesagt: "Wir sind das Volk - wähle dich selbst!" Nun muß er wohl Geld sammeln gehen. In Prenzlauer Berg, wo er für den Bundestag kandidiert, haben sie früher in der Not alle leeren Flaschen zum VEB Altstoffhandel getragen. Vielleicht sollte auch Schlingensief sich mit dem Gedanken anfreunden, die Pfandflaschen abzugeben, die von den konsumierten Getränken hoffentlich übriggeblieben sind.