Schlafenszeit in der Volksbühne: Christoph Marthaler verwandelt Shakespeares Sturm in ein Traumspiel. Die Figuren torkeln somnambul durch den Abend, man legt sich immer wieder schlafen oder bleibt einfach dösend stehen: das Leben -- ein Traum.Weil Träume sich nicht an die Spielregeln der Logik halten, werden Dialoge und Spielabläufe gelegentlich wiederholt -- das Spiel dreht sich schläfrig im Kreis. Wir bekommen, wie immer bei Marthaler, Variationen des Stillstands zu sehen. Es passiert nichts -- aber dieses Nichts ist eine abgründige und verschroben poetische Angelegenheit. Von Shakespeares Stück bleibt dabei nicht viel mehr übrig als einige Dialog-Fetzen.Bei Marthaler ist aus der Insel, auf der Shakespeares Stück spielt, ein heruntergekommenes Hotel-Foyer geworden: Seine Bühnenbildnerin Anna Viebrock hat im Stil des Volksbühnen-Foyers, im dunklen Holz des Zuschauerraums, einen der rätselhaften Marthaler-Wartesäle gebaut: Links ein Sofa, rechts eine Sitzgruppe, hinten vier Türen, knapp unter der Decke hängen Heizkörper an den Wänden -- eine geschlossene Anstalt.flip V~rniche der Anstaltsinsassen. den trostlosen Ort zu verlassen, scheitern regelmäßig: Es gibt kein Entrinnen. Die vornehme Abendgesellschaft, die plaudernd und dösend die Zeit totschlägt, verwandelt sich in eine Schar Gefangener.Erst schlägt man die Zeit tot, dann schlägt man einander tot ... Nach dem dritten gescheiterten Versuch zu verschwinden, geht man sich umstandslos an die Gurgel. Nur die pünktlich einsetzende Kirchenmusik kann Schlimmeres verhindern: Brav knien die Amokläufer nieder und falten andächtig die Hände.Spätestens an dieser Stelle wird Idar, daß Marthaler Shakespeare mit Bufiuels Film "Der Würgeengel" gekreuzt hat. Der surrealistische Klassiker zeigt, was passiert, wenn eine vornehme Abendgesellschaft den Salon nicht verlassen kann: Von den guten Manieren bleibt nicht viel übrig, man läßt Launen und Haßausbrüchen freie Bahn.Prospero, der Herr der Insel, der Zauberer und Herzog im Exil, hat sich bei Marthaler in einen trägen Melancholiker verwandelt: Lethargisch verfolgt Sepp Bierbichler als Gastgeber der Party das Geschehen. Seinen Epilog spricht er sicherheitshalber schon zu Beginn auf ein Tonband. Als er seiner Tochter erzählt, wie es ihn auf die Insel verschlagen hat, vergißt er die Hälfte der Wörter, was nicht weiter stört, da die Schlafsüchtige ihm ohnehin nicht zuhört. Nur daß sie mittlerweile eine Ewigkeit auf der Insel sein müssen, gibt uns Marthaler zu verstehen: Aus dem Mädchen ist eine alte Frau geworden.Marthaler hat aus dem "Sturm" eine Grübelei über das Vergehen der Zeit, über Stillstand und Langeweile gemacht -- melancholisch, rätselhaft und so suggestiv, daß sich der Zuschauer gelegentlich dabei ertappt, gemeinsam mit den Bühnenfiguren einem besseren Morgen entgegenzudösen. Peter LaudenbachDie Abendgesellschafl hat sich in eine Schar Gefangener verwandelt. Foto: Fieguth

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