CJD-Volleyballerin Maike Arlt möchte ihre zu Ende gehende Karriere mit dem Gewinn des dritten Europapokals krönen: "Als Zuspielerin würde ich noch mit 38 aktiv sein"

"Als Vereinspräsident würde ich Maike sofort einen Fünf-Jahres-Vertrag geben." Volleyball-Bundestrainer Siegfried Köhler bewundert die Leistungen seiner 32jährigen Angreiferin. Die Verantwortlichen beim erfolgreichsten deutschen Damen-Volleyball-Verein der 90er Jahre, CJD Berlin, wären schon froh, wenn sie die Zusage der 301fachen Nationalspielerin für ein weiteres Jahr bekämen. Doch die sagt unmißverständlich: "Diesmal ist endgültig Schluß."Ein klein wenig Hoffnung haben Trainer Volker Spiegel und Manager Siegbert Brutschin dennoch. Maike Arlt trat schon zweimal vom Rücktritt zurück. Die Gründe waren jedesmal dieselben. "Sowohl 1990 wie im vergangenen Herbst war mein Team in Schwierigkeiten. Da mußte ich einfach einspringen. Nach der Wende reizte es mich dann noch einmal, mit der gesamtdeutschen Nationalmannschaft etwas Neues zu probieren."1993 verabschiedete sich Maike Arlt endgültig aus der Auswahl. Vor Beginn dieser Saison zog sie auch das CJD-Trikot aus. Die Nummer sechs wurde nicht neu vergeben. Als dann ein frühzeitiges Scheitern im Pokal gegen Schwerte drohte, schmetterte, blockte, hechtete die "6" wie eh und je. "Wir sind eine prima Truppe, selbst wenn es mal Spannungen gibt, was ganz normal ist. Deshalb stand ich zur Absprache und gab meine Zusage für einen kurzfristigen Pokaleinsatz."Es wurde viel mehr daraus. "Unser überraschender Sieg in Rom im Europapokal eröffnete sich uns die Chance auf die Finalteilnahme. Die wollten wir unbedingt nutzen. Also spielte ich weiter, auch in einigen Bundesliga-Begegnungen als Vorbereitung auf die Cupspiele." CJD ist Außenseiter Der Blick der CJD-Damen geht nun nach vorn. Sie sind zwar am Wochenende in Italien nur Außenseiter, doch Maike Arlt ist optimistisch. "Die Situation ist ähnlich wie 1993, als wir den Europapokal der Pokalsieger erkämpften. Damals war Gastgeber Perugia unser Halbfinalgegner, diesmal Ausrichter Modena." Alle sind gut drauf, auch die jungen Spielerinnen, schätzte Maike Arlt ein. "Nur Janete Strazdina hatte zuletzt einige gesundheitliche Probleme, aber am Wochenende wird sie wahrscheinlich fit sein."Anthesis Modena ist Pokalverteidiger, mit der niederländischen Nationalspielerin Henriette Wersing und der Peruanerin Gabriela Perez del Solar herausragend besetzt. Perez erkämpfte 1986 bei der WM bereits als 17jährige die Bronzemedaille, später Silber bei den Olympischen Spielen 1988. Da traf die 1,93 Meter große Sportlerin aus dem Andenland auch auf Maike Arlt, die mit der DDR-Auswahl bei Olympia startete. Beide Athleten gehören zu den Hauptangreiferinnen in ihren Mannschaften. Obwohl Maike Arlt 19 Zentimeter kleiner ist als Perez, steht sie ihr in der Wirkung kaum nach.Die "geringe" Größe von 1,74 m hätte die Karriere von Maike Arlt fast verhindert. "Als 15jährige sollte ich deshalb die Kinder- und Jugendsportschule in Berlin verlassen." Trainer Siegfried Köhler aber hatte bereits damals ein Auge auf das Talent geworfen, wollte sie unbedingt behalten. Ein Jahr später war Maike Arlt bereits Nationalspielerin. 13 Zentimeter fehlen Natürlich fehlen ihr die 13 Zentimeter, denn die optimale Größe für eine Angreiferin und Blockerin sind laut Auffassung der Sportwissenschaftler etwa 1,87 m. Jeder Zentimeter mehr erschwert die Koordination der Bewegungen, jeder weniger fehlt in der Sprunghöhe. So kommt zum Beispiel Grit Naumann rund 20 Zentimeter höher am Netz als Maike Arlt, die die körperlichen Nachteile vor allem durch einen schnellen Armzug, präzise Schläge, viel Spielübersicht und hervorragendes Stellungsspiel wettmacht.Von der Statur her wäre sie eigentlich eine ideale Zuspielerin. "1984/85 versuchte ich mich auch mal auf dieser Position. Aber dann wurde ich wieder als Angreiferin benötigt und dabei blieb es. Wäre ich Zuspielerin geworden, könnte ich wohl noch mit 38 Jahren aktiv sein. Das Stellen der Bälle belastet den Rücken und die Gelenke wesentlich weniger als das ständige Ab- und Aufspringen in Angriff und Block. Man muß da vor allem das Training sehen. Wir springen beispielsweise stundenlang nach den aus dem Stand gestellten Pässen."Volleyball gehört bei Maike Arlt seit den frühen Kindertagen zum täglichen Leben. Ihr Vater war in Meißen ehrenamtlicher Übungsleiter in einem Trainingszentrum. Ganz klar, daß seine beiden Töchter und die zwei Söhne ebenfalls am Netz aktiv wurden. Aber nur die Älteste gelangte in die Weltspitze. Dafür kamen aus der Stadt an der Elbe weitere Talente zum damaligen SC Dynamo Berlin. Drei spielten jahrelang mit ihr zusammen - Rita Göbert, Grit Naumann und Peggy Küttner. Da in den sächsischen Weinbergen kein Zaubermittel für Weltklasse-Spielerinnen wächst, muß es andere Gründe für die zahlreichen Talente aus dieser Gegend geben. "Wir hatten hochqualifizierte Trainer, die systematisch alle größenmäßig geeigneten Schülerinnen und Schüler zum Volleyball holten und intensiv mit ihnen übten. Noch heute finde ich dies richtig, denn die schwierige Volleyball-Technik muß in unzählige Stunden erlernt werden. Nur die Arbeit mit den Gewichten, die sollte man den ganz jungen Sportlern ersparen."Selbst wollte und will Maike Arlt nicht Trainer werden. 1987 begann sie ein Studium der Finanzwirtschaft, steht jetzt in der Ausbildung zur Bankkauffrau bei der Dresdner Bank. "Ende Dezember beginnen die Prüfungen, im Januar bin ich hoffentlich fertig. Ich erhalte große Unterstützung von meiner Arbeitsstelle, wenn es um CJD und Volleyball geht. Ich konnte mir das früher nicht vorstellen, daß das in dieser Gesellschaftsordnung geht. Ohne die Freistellungen und das Verständnis der Kollegen wären sportliche Spitzenleistungen nicht möglich."Diese Art Sponsoring ist für das deutsche Spitzenteam ausgesprochen wichtig. Für ein Vollprofitum fehlt das Geld, so daß bis auf die beiden lettischen Auswahlspielerinnen Janete Strazdina und Anita Rosijska alle anderen CJD-Spielerinnen arbeiten gehen oder in der Ausbildung stehen."Es ist für mich schwer zu verstehen, daß wir bei unseren Erfolgen - Europacupsieger 1993, viermal Pokalsieger, zweimal Meister und dies alles in den letzten fünf Jahren - keinen Hauptsponsor finden. So haben wir nur einige Kleinsponsoren. Fleischermeister Krüger wollte erst auch nicht ran, ist jetzt einer unserer größten Anhänger, organisiert Feste für uns und die Fans." Das nächste steigt am 16. März im Sportforum mit Tanz in den Frühling." Neues Team Gelingt es in Zukunft nicht, weitere Förderer für CJD zu gewinnen, so ist der Spitzenvolleyball der Damen in Berlin bald gestorben. Dabei sind die Voraussetzungen noch immer günstig, wie Maike Arlt meint. "Den ersten Schritt machte unser Trainer mit seiner Vertragsunterzeichnung bis 1999. Ich finde es ganz toll, daß Volker Spiegel die Herausforderung annimmt, aus den talentierten jungen Spielerinnen wie Janine Gräfe, Peggy Küttner, Judith Sylvester, Kathrin Möllmer und Ina Mäser ein neues Spitzenteam zu formen. Er hätte es einfacher gehabt, wenn er woanders angefangen hätte. Als ich ihn fragte, warum er in Berlin bleibt, meinte er, weil die Leute dufte sind und sich Mühe geben. Aus diesen Gründen blieb ich auch stets hier."Maike Arlt hat ihr bisheriges Leben nach dem Leistungssport ausgerichtet. "Es ist nur ein begrenzter Lebensabschnitt, bei dem ich auf manches freiwillig verzichtete." Die Belastung durch Beruf, Familie und Sport ist im Spitzensport enorm hoch. Trainer Spiegel hat ausgerechnet, daß seine Schützlinge 60 bis 70 Stunden in der Woche "arbeiten", wenn man diese drei Dinge zusammenrechnet. Er läßt sogar am Sonntagvormittag zwei Stunden trainieren, wenn am Nachmittag ein Spiel ansteht. Mit Lucas zum Training "So holen Janete, Grit oder ich unsere Kinder oft vom Kindergarten ab und nehmen sie zum Training mit, damit wir etwas länger mit ihnen zusammen sind. Mein Sohn Lucas kommt im September in die Schule. Er geht in einen Kindergarten am Märchenbrunnen in Friedrichshain, obwohl ich in Marzahn wohne. Doch dort werden die Kinder besonders liebevoll betreut."Maike Arlt freut sich auf die Zeit nach dem Volleyball, weil sie bisher zu selten zum Lesen kam. Oft war die Zeit für Theater- und Konzertbesuche zu knapp. Ihre Lieblingssängerin ist Barbra Streisand, die sie gern mal live erleben möchte. "Mir hat imponiert, wie sie sich durch Leistung im harten Filmgeschäft durchgesetzt hat - obwohl sie auf den ersten Blick gar keine Schönheit ist."Der Sport wird weiterhin eine wichtige Rolle im Leben von Maike Arlt spielen. Dabei muß es nicht unbedingt Volleyball sein. "Als die Wende kam, wünschte ich mir 15 Jahre jünger zu sein. Dann hätte ich zum Tennisschläger gegriffen und versucht, wie weit ich da komme. Tennis und Volleyball haben für mich viel gemeinsam - die Athletik, die schnelle Reaktion, das Ballgefühl und das Erahnen der Spielzüge des Kontrahenten. Mich reizt der Kampf Sportler gegen Sportler. Da ich laufen hasse, aber abtrainieren muß, könnte es durchaus sein, daß ich mich in dieser Sportart versuche."Bestimmt wird sie sich dort genauso engagieren wie jetzt im Volleyball, denn halbe Sachen mag sie nicht. Und dann wird kaum Zeit sein für ein ausgiebiges Frühstück, wie sie es so liebt. "Wir treffen uns manchmal zum sogenannten Sektfrühstück. Ich lade meine Mitspielerinnen Janete und Anita ein, manchmal kommt auch Grit noch dazu. Dann plaudern wir bei einem herzhaften Mahl mit Wurst, Käse, grünen Salaten. Allerdings meist ohne Sekt. Ich ziehe einen trockenen Weißwein vor. Am besten, wenn er aus meiner Heimatstadt Meißen kommt." +++