Claude Lanzmann spricht über viele Dinge mit großer Autorität. Sein Film "Shoah" ist nicht einfach die eine unverzichtbare Dokumentation über die Judenvernichtung - es ist eine moralische Stellungnahme, mit Konsequenzen bis in die Gegenwart. Wenn Claude Lanzmann sich zur Politik des Staates Israel oder zu Steven Spielbergs Spielfilm "Schindlers Liste" äußert, dann hat sein Wort Gewicht. Im Berliner Renaissancetheater schlug er am gestrigen Sonntag einen anderen Ton an. Der Vortrag über "Berlin 1948 bis 2008. Von der Blockade bis zur Wiedervereinigung. Geologie und Genealogie der Hauptstadt", den er im Rahmen der "Berliner Lektionen" hielt, war eine autobiografische Erzählung.Claude Lanzmann, 1925 in Paris geboren, beschrieb seinen Weg in den Journalismus - seine erste Karriere, bevor er in den 1970er-Jahren relativ spät mit dem Filmemachen begann. Dieser Weg verlief ganz entscheidend über Deutschland, und die "Berliner Zeitung" spielte dabei eine wichtige Rolle. 1947 kam Lanzmann nach Tübingen, auf Anregung seines Freundes, des Schriftstellers Michel Tournier. Die beiden Männer teilten die Auffassung, dass Deutschland trotz der nationalsozialistischen Verbrechen das Mutterland der Philosophie geblieben sei. Und dieses Fach war es auch, das Lanzmann in Tübingen, in der französischen Besatzungszone, studierte.Anschaulich beschrieb er in seinem Vortrag, wie er mit einer Freundin dieser Jahre, mit Wendi von Neurath, einer Verwandten des ehemaligen Außenministers von Nazideutschland, auf deren Gut spazieren ging und sich unvermittelt in einem Konzentrationslager wiederfand: Stuttgart-Vaihingen lag auf dem Grundstück der Neuraths; inmitten idyllischer Natur fand Lanzmann hier ein Lebensthema. Wendi von Neurath gehörte zu jenen jungen Deutschen, die sich in der Aktion Sühnezeichen engagierten und die nationale Schuld nicht bereit waren zu verdrängen. Sie versah Lanzmann auch mit Geld, als er schließlich von Tübingen nach Berlin ging, um eine Stelle an der Freien Universität anzunehmen, einer "Nazihöhle", an der die Studenten selbst aktiv werden mussten, wenn sie denn eine Lehrveranstaltung über Antisemitismus haben wollten. Claude Lanzmann las mit ihnen Jean-Paul Sartres "Überlegungen zur Judenfrage", sehr zum Missfallen der französischen Besatzungsoffiziere, von denen ihn einer mit den Worten einbestellte: "Junger Mann, ich höre, Sie machen Politik."Im amtlich zugeteilten Volkswagen erkundete Lanzmann das weitgehend zerstörte Berlin, aber auch hier fand er, wie schon in Süddeutschland, Zonen unbeschädigten Weiterlebens. Bis heute sieht er im Stadtbild die verschiedenen Epochen gegenwärtig: das wilhelminische Berlin, das Berlin der Nazis, das Berlin der Alliierten, das rote Berlin - sie "koexistieren" und bilden auf einzigartige Weise eine Geschichte des 20. Jahrhunderts. Von den Architekten der wiedervereinigten Stadt möchte er vor allem eines: Sie sollen die vielen Leerstellen, die immer noch existieren, bewahren als "Erinnerungslücke".1949 legte sich Lanzmann in einem Zeitungsartikel mit den Autoritäten der Freien Universität an. Er ging mit seinem Text von einer Zeitung und von einer Besatzungsbehörde zur nächsten. Es war schließlich die "Berliner Zeitung", die seinen Artikel veröffentlichte, zusammen mit Gedichten, die der Rektor der Universität, Edwin Redslob, an Emmy Göring geschrieben hatte, die frühere Emmy Sonnemann, Schauspielerin und Ehefrau des Reichsmarschalls Göring. Es gab einen Skandal, und Lanzmann musste für eine Weile seine Wohnung in Frohnau meiden. Er tauchte in Zehlendorf unter. Später, als es schon nicht mehr so leicht war, zwischen der DDR und der BRD hin und her zu gelangen, ging er illegal in den Osten und betrieb dort eine Art vagabundierender Untergrund-Recherche. Daraus wurde eine Serie über "Deutschland hinter dem Eisernen Vorhang", auf deren Fairness Lanzmann bis heute stolz ist.------------------------------Foto: Claude Lanzmann: Filmemacher, Produzent, Philosoph, Herausgeber.