Einmal in der Woche kommt jeder Einwohner von Paris an der Place de la Concorde vorbei. Man muß bloß dort warten, wenn man jemanden sucht. Die 13jährige Lola (Salomé Lelouch) folgt dem Rat ihres Vaters, hat dabei allerdings kein Glück. Sie muß sich erst ein Bein brechen, bevor sie das Objekt ihrer Liebe zufällig wiedertrifft. Lola und der 18jährige Loulou sind die Königskinder in Claude Lelouchs "Männer & Frauen die Gebrauchsanleitung". Ihre Suche nacheinander legt sich wie ein Band um die Episoden des Films. Am Ende malen die Rücklichter auf der Place de la Concorde eine runde Leuchtspur auf den Asphalt: Arena, Blutkreislauf oder Zirkusreif.Der Kreis ist die Form, in der nichts zu einem Ende kommt. Wie geschaffen für den Erzähler, der von einer unendlichen Geschichte träumt. Claude Lelouch, der einmal bedauert hat, daß die Geschichten im Kino "irgendwann enden müssen", sucht Zuflucht im Prinzip der Wiederholung. Er habe in seinem Leben nur eine einzige Geschichte erzählt, die aber 35 Mal: "Ein Mann und eine Frau". Von Männer und Frauen und wie sie sich finden und verlieren handelt dieser Film jedoch nur am Rande. Das zentrale Paar in "Männer & Frauen die Gebrauchsanleitung" ist männlich und an Frauen nur routinehalber interessiert.Das Gespann Bernard Tapie-Fabrice Luchini funktioniert nach den Gesetzen der Komplementärfarben. Projiziert man sie übereinander, löschen sie sich gegenseitig aus was bleibt, ist eine weiße Fläche. Tapie und Luchini sind bis ins Detail so deckungsgleich gegeneinander konstruiert, daß ihre gemeinsamen Auftritte eine Leere hervorrufen. Es ist die Liaison des Größenwahnsinnigen mit dem Angsthasen eine Verbindung, die auf Grund fundamentaler Unterschiede letztlich keine Spannung erzeugt.Der millionenschwere Selfmademan Benoît Blanc (Tapie) und der gescheiterte Schauspieler Fabio Lini (Luchini) haben ein gemeinsames Problem: ihre Magenschmerzen. Das beschert ihnen eine Biopsie im selben Krankenhaus; die eine mit fatalem, die andere mit harmlosem Resultat. Eine Ärztin (Alessandra Martines), mit der Frauensammler Blanc vor Jahren eine seiner seriellen Macho-Affären hatte, nutzt die Gelegenheit für eine späte Rache: Sie vertauscht die Untersuchungsergebnisse. Blanc, der ihr damals beim Hubschrauberflug über Schloßtürme Todesangst eingejagt hatte, soll nun dasselbe fühlen.Ganz nebenbei dient die Racheaktion aber auch der empirischen Beweisführung einer Theorie ihres jetzigen Liebhabers und Chefs Dr. Lerner (Pierre Arditi). Seiner Medizinerphilosophie zufolge werden nämlich "90 % aller Krankheiten vom Hirn ausgelöst". Erzählt man also einem Gesunden, er wäre krank, wird er die Krankheit entwickeln. Erklärt man hingegen einem Kranken, ihm fehle nichts, wird er gesund. In seinem besten Passagen ist Lelouchs Film eine glänzende Persiflage auf einen Berufsstand von extremer Selbstherrlichkeit und auf dessen devote Anbeter. "Das Schlimmste ist niemals enttäuschend", orakelt die Koryphäe Lerner in Anbetracht des bebenden Patienten Lini. Wie ein Mantra wiederholt Luchini diesen Satz. "Das sind keine Intellektuellen", sagt er seiner Verlobten, "die sprechen nicht in Metaphern."Zwei Diagnosen zwei Methoden, damit zu leben, in einem fahlblau schimmernden, gloriosen Paris. Der scheinbar Gesunde zurrt weiterhin seine Sicherheitsgurte fest, der für todkrank Erklärte fliegt weiterhin unangeschnallt seinen Helikopter. Der eine hat alles im Überfluß, der andere erhebt den Verzicht zur Tugend. Luchini liest Pascal, Tapie zitiert die Regeln des Handelns. "Geschäftssinn heißt, niemals etwas zu kaufen, was zu verkaufen ist, und ,verkauft draufzuschreiben, wenn man etwas verkaufen will."Bernard Tapie, bewundertes Skandalon der französischen Wirtschaft, Firmenaufkäufer, Abwickler, Bankrotteur und wegen einer Veruntreuungsaffäre als Präsident des Fußballclubs Olympique Marseille zur Zeit vor Gericht, absolviert sein Filmdebüt mit der Selbstverständlichkeit eines Profis. Ein Mann, wie geschaffen für die Goldkette auf der ledrigen Brust. Kein Zweifel, Lelouch fand Gefallen am räudigen Raubtiercharme des Bernard Tapie. Experte der Macht, übernimmt Tapie auch hier das Ruder. Er ist der Magnet, um den sich die anderen Episoden wie kleine Eisenspäne gruppieren. Ein Vabanquespiel für den Regisseur. Tapie muß man aushalten. Eine Demontage findet nicht statt.Selbst nach seinem pompösen Begräbnis existiert er in einem Film über sein Leben weiter. Hauptrolle: Fabio Lini. Das Spiel um Macht, Liebe und Geld beginnt von vorn, und auf der Place de la Concorde fährt das Leben im Kreis.Männer & Frauen die Gebrauchsanleitung (Hommes, Femmes, Mode d emploi) Frankreich 1997, 122 Minuten, Regie: Claude Lelouch, Drehbuch: Claude Lelouch, René Bonnell, Darsteller: Fabrice Luchini, Bernard Tapie, Alessandra Martines, Pierre Arditi, Anouk Aimée.