Was heißt es für Sie, der Sohn eines Jahrhundertgenies zu sein. Lust oder eher Last?Zunächst bedeutete das überhaupt nichts, denn jeder hat einen Vater, der ihn gezeugt und eine Mutter, die ihn geboren hat. Wie man aufwächst, ist eine andere Sache. Picasso war eben sehr kreativ, deshalb ist er berühmt geworden. Ich habe allerdings sehr früh bemerkt, dass diese Tatsache nicht das Normale, sondern das Besondere ist. Man lebt in dieser Situation dann einfach so, mit dieser Bedeutung, mit diesem Vorteil, aber auch mit dem Mangel, selbst nicht so richtig als eigenständige Persönlichkeit wahrgenommen zu werden. Aber so geht es wohl den meisten Kindern berühmter Väter oder Mütter.Es belastet Sie?Wenn der Vater Zahnarzt ist, sagt er ständig: Iss keinen Zucker, lass die Schokolade! Als Picassos Sohn habe ich das Problem, dass alles, was ich tue, am Maß des Vaters gemessen wird. Das ist sehr anstrengend, aber es kann mich dann nicht beschädigen, wenn ich meinen eigenen Maßstab finde. Ich denke, dass ich das inzwischen geschafft habe. Nun bin ich nicht Maler geworden, das macht die Sache sehr viel leichter.Was sind Sie geworden?Mich interessieren schon seit der Jugend Fotografie, Design und Film. Ich ging aus Paris weg, als ich 19 war. Eine gute Zeit arbeitete ich mit dem Fotografen Richard Avedon zusammen, ich drehte Filme, beispielsweise über den Bildhauer Richard Serra. Ich liebte und bewunderte meinen Vater, aber ich war frei von irgendwelchen Verpflichtungen gegenüber seiner Kunst. Doch als Picasso 1973 starb, war auf einmal dieses gewaltige Lebenswerk zu verwalten, und niemand in der Familie Picasso sah sich in der Lage, das mit der nötigen Liebe, aber auch Anstrengung zu übernehmen. Über Nacht war plötzlich diese Verantwortung für das Schaffen meines Vaters da, und ich musste mich dazu bekennen. Aber vielleicht ist diese Verantwortung ja viel interessanter, als das Fuhrunternehmen seines verstorbenen Vaters weiterzuführen.Würden Sie von Ihren Kindern erwarten, dass sie Ihre Arbeit für die Erhaltung und Verbreitung des Werkes von Großvater Picasso fortsetzen?Ich habe nur einen Sohn, und der macht Rock n Roll. Und wenn ich ihm zuhöre und sehe, wie er in seiner Musik aufgeht, würde ich es nicht fertig bringen, ihm mein "Ehrenamt" aufzuhalsen. Sicher würde er ja auch dankend ablehnen und sagen, das müsse irgendwer anderes machen, jetzt jedenfalls, wo er für seine Pläne und Träume lebt. Jasmin ist an der Kunsthochschule in Boston und beschäftigt sich neben der Musik auch mit Videokunst, Film - und Malerei. Es ist, wie ich finde, eine sehr interessante, dynamische Schule, wir werden sehen, was da raus kommt. Aber ich weiß nicht, ob er wirklich mal Künstler wird, ob er die Kraft hat, die Ausdauer, das Vermögen, auch Misserfolge einzustecken. Die Musik ist seine Stärke. Ursprünglich wollte er Drehbücher schreiben und nebenbei Musik machen. Er hat immer gerne Geschichten erzählt und geschrieben, vor allem lustige und komische Sachen.Sie sind stolz auf Picassos Enkel.Ich bin über seine Freude am Kreativen sehr glücklich, das heißt nicht, dass er deswegen auch gleich genial sein muss. Wichtig ist, dass er sich verwirklichen und sich frei fühlen kann. Dieses Gefühl ist etwas sehr Kostbares.Sie wurden zum einzigen Nachlassverwalter für das Werk Ihres Vaters bestimmt und präsentieren es in der ganzen Welt. Wie kam es zu dieser Entscheidung?Zwei Jahre nach Picassos Tod drängten die Anwälte, ich solle die Verwaltung des gesamten Nachlasses übernehmen, weil niemand anderes in der Familie dazu geeignet wäre. Sie meinten, das würde höchstens zwei, drei Jahre in Anspruch nehmen, anschließend könnte ich wieder in die USA zurückkehren und meine eigene Arbeit fortsetzen. Na gut, dachte ich, zwei, drei Jahre, das geht schon. Aber es war ein großer Irrtum.Sind Sie deswegen unzufrieden?Das ist nicht das richtige Wort, unruhig wäre präziser. Ich war zunächst zehn Jahre von meinen Projekten und Interessen völlig abgeschnitten. Inzwischen nehme ich mir wenigsten wieder zwanzig Prozent der Zeit für meinen eigentlichen Beruf. Ich entwerfe Design - Glas, Porzellan, Möbel, Lampen, auch ganze Restauranteinrichtungen. Für die Kölner Galerie Gmurzynska habe ich vor zwei Jahren die Ausstellungsarchitektur auf der Pariser Kunstmesse FIAC gestaltet. Das war eine Arbeit, die mir sehr viel Bestätigung gebracht hat.Ihren Vater würde das gewiss freuen.Er würde es sicher gutheißen und er würde mich ermutigen. Aber darüber hinaus hat mich das Gericht auch noch zum Generalbevollmächtigten der Familienangelegenheiten Picasso erklärt. Das betrifft beispielsweise auch sämtliche Autorenrechte. Dieses Familienamt war nicht wirklich meine Wahl, ich bin eingesetzt worden, weil ich mich verantwortlich fühle und niemand im Clan sich dafür bereit fand. Aber dadurch sitze ich jetzt etwas fest, und das ist durchaus beklemmend, denn ich liebe die Freiheit.Das haben Sie von Picasso.Wissen Sie, es macht mir aber auch Spaß, Picasso-Ausstellungen zu organisieren wie soeben in der Neuen Nationalgalerie Berlin, weil ich auf diese Weise im angeblich hinlänglich bekannten Werk doch noch neue Aspekte aufzeigen kann. Diesem Anliegen dient auch die Berliner Ausstellung mit dem Titel "Die Umarmung". Es geht um Körperlichkeit, um Zärtlichkeit - und natürlich um Symbolik. Im Übrigen erscheine ich selten im Vordergrund. Ich betreue die Ausstellungen lieber im Stillen, sehe mich also weniger als Kurator denn als Ratgeber für Ausstellungsmacher, Museumsleute und Galeristen. Mitunter aber halte ich es für besser, die Werke selbst auszuwählen, statt sie einfach nur beliebig auszuleihen. Ich glaube auch, der Aufwand, thematische Picasso-Ausstellungen zu zeigen, lohnt mehr denn je, insbesondere für ein junges Publikum, das ohne bestimmte Erfahrungen auf die Kunstleistungen der Moderne schaut und zudem einer Flut von postmodernen Stilen und neuen Medien ausgesetzt ist.Als Sie dem französischen Autokonzern Citroën gestatteten, den Xsara mit dem Namenszug Picasso zu schmücken, tadelten Kritiker Sie für einen "Millionencoup" in einer Endlos-Reihe weltweiter Picasso-Artikel. Ärgert Sie das?Ich finde es nur ziemlich abgestanden, die Kunst vom Leben zu trennen. Inzwischen hat doch jedes namhafte Museum der Welt seinen marktgerechten eigenen Shop. Außerdem ist Citroën ein Qualitätsprodukt, es ist doch nichts Ehrenrühriges, Wirtschaft, Kunst und modernen Alltag zusammenzubringen. Autos fahren auf den Straßen, das ist Alltag. Und wenn ein Auto eine gute Form hat und eine umweltfreundliche Technik, dann hat es auch einen guten Namen verdient. Warum mussten Sie und Ihre Schwester Paloma jahrelang darum kämpfen, den Namen Picasso zu tragen und rechtmäßige Erben zu sein?Picasso war noch mit Olga Chochlowa verheiratet, als er mit meiner Mutter Françoise Gilot zusammenlebte und ich 1947 zur Welt kam. Paloma wurde 1949 geboren. Unsere Geburt war nach bürgerlichem Gesetz unehelich. Damals erlaubte das französische Recht nicht, dass wir den Namen des Vaters tragen konnten, obwohl er uns das schon Anfang der sechziger Jahre gestattet hat. Erst Mitte der siebziger Jahre - und fast zwanzig Jahre nach Olga Chochlowas Tod - durften wir uns offiziell Picasso nennen; und damit waren wir auch erbberechtigt.Picasso hatte vor Ihnen und Ihrer Schwester Paloma bereits zwei Kinder. Hatten Sie mit Ihren Halbgeschwistern Kontakt?Als meine Mutter noch mit meinem Vater lebte, waren Paolo, der 1921 geborene Sohn Picassos und Olga Chochlowas, und Maya, die 1935 aus der Verbindung meines Vaters mit Marie-Thérèse Walter hervorgegangen ist, oft bei uns. Es war schön für mich, einen großen Bruder und eine große Schwester zu haben. Paolo war fast immer bei uns, seine Mutter hatte nichts dagegen, und meine Mutter behandelte ihn wie einen eigenen Sohn. Auch Maya kam, als sie siebzehn war, zu uns, sie hatte sich so entschieden. Vorher lebte sie meist bei ihrer Mutter.Paolo vermisse ich sehr. Er ist krank geworden und 1976 gestorben. Wir haben uns gut verstanden, würde er noch leben, wäre er sicher der Nachlassverwalter, und ich könnte zurück nach Amerika, an die Kamera oder ins Atelier. Paolo und ich sahen uns übrigens ziemlich ähnlich. Als ich den alten Chagall einmal in seinem Pariser Atelier besuchte, sprach er mich auf Russisch an, er glaubte, ich sei Paolo, und der konnte durch seine Mutter perfekt Russisch sprechen, ich aber verstand leider kein Wort.Hat Picasso Ihnen oder Ihrer Schwester Paloma das Malen beigebracht, so wie sein Vater José Ruiz Blasco das getan hatte? Picasso und unsere Mutter Françoise Gilot, die ja auch Malerin ist, wollten uns nicht beeinflussen. Wir sollten frei sein von Vorgaben, deshalb haben sie uns nicht im Malen und Zeichnen unterwiesen. Sie haben uns nicht einmal religiös erzogen, um uns zu nichts zu zwingen. Beide hatten sehr bestimmende Eltern. Wenn Picasso nicht gemalt hat, wie sein Vater es wollte, gab es Schläge mit dem Stock. Meine Mutter musste erst ein Jurastudium abschließen, bevor sie Malerin werden durfte. Picasso hat uns erzählt, wie schwer es gewesen sei, sich vom zeichnerischen Stil seines Vaters zu lösen, es habe quälend lange gedauert, frei zu sein und den eigenen Stil zu finden. Hätte er sich zufrieden gegeben, den Ansprüchen seines Vaters zu genügen, dann hätte er schon mit 17 Jahren aufhören können. Stattdessen hatte er in der Jugend bereits eine Malerkarriere hinter sich, die andere erst im hohen Alter erreichen. Er sagte mir einmal: "Wenn ich rumsäße und mein Leben damit verbrächte, zu malen wie Delacroix, wo würde ich da bleiben?"Wie war es als Kind im Atelier Ihres Vaters?Wir konnten uns in der Werkstatt völlig ungezwungen benehmen, auch herumtollen. Aber am liebsten haben wir zugeschaut, wie die Bilder und Skulpturen entstanden. Vielleicht hätte unser Vater uns ja auch gestattet, einen Stift zu nehmen und etwas hinzuzufügen, aber wir haben es nicht getan. Desinteresse war es nicht, eher eine natürliche Scheu. Ich hatte immer das Gefühl, dass da etwas Erstaunliches, Substanzielles geschah, eigentlich ganz leicht, aber zugleich lebenswichtig für unseren Vater. Manchmal saßen wir alle drei - Mutter, Paloma und ich - nebeneinander und haben etwas auf große Papierbögen gezeichnet. Picasso hat davon sogar ein Bild in blauen, grauen und grünen Farben gemalt, und ich besitze auch noch Fotos von solchen Situationen.Stimmt es, dass Picasso die "ewige Jugend" hatte, wie Biografen schreiben? Es stimmt schon, dass mein Vater sehr aktiv gewesen ist, obwohl er siebzig war, als ich vier wurde. Er war körperlich erstaunlich vital und geistig ausgesprochen jung. Fußball hat er nicht mit uns gespielt, aber das war auch nicht wichtig für uns. Er rannte mit uns Kindern auch nicht aus Jux durchs Haus, um Räuber und Gendarm zu spielen. Auch auf den Tennisplatz hat er uns nicht begleitet. Aber er erzählte wunderbare, fesselnde Geschichten und er hat leidenschaftlich gern gekocht. Nicht bloß, wenn Gäste kamen, auch einfach nur so - für uns Kinder. Den Fisch konnte er zubereiten wie sonst niemand.In Ihrem Geburtsjahr 1947 malte Picasso das Bild "Denkmal für die in Frankreich gefallenen Spanier". Wie ist Ihr Verhältnis zum Land Ihres Vaters, sind Sie nicht viel mehr Franzose?Zuerst muss ich Ihnen sagen: es ist ein sehr schlechtes Bild, ich halte es für vollkommen misslungen. Das Verhältnis zu Spanien war sehr diffizil. Natürlich gab es vor allem in Paris etliche Spanier um uns herum. Das waren alles Exilanten, sozusagen Spanier außerhalb von Spanien. Denen waren alle Leute in Spanien suspekt. Es gab damals eine Art Export-Hispanität, die in einem kleinen geschlossenen System existierte. Die Leute hatten sehr starke Gefühle, sie waren alle alte Republikaner oder Kommunisten. Sie hatten den Franco-Terror und den Krieg erlebt und waren nun gewissermaßen ausgeschlossen aus dem eigenen Land. Deshalb waren für sie alle Dortgebliebenen entweder Gangster oder Opportunisten.Auf uns hatte diese Haltung natürlich auch einen ziemlichen Einfluss. Als ich dann später nach Spanien kam, erlebte ich die Leute ganz normal, eigentlich gar nicht anders als die Franzosen. Natürlich spürte ich gewisse Mythen sehr stark, zum Beispiel vom Stierkampf oder vom Flamenco, das wurde mir dann bewusst als Teil meiner eigenen Kultur. Aber ich habe nie in Spanien gelebt, wir haben daheim auch nicht Spanisch gesprochen. Ich bin mit Französisch und Englisch aufgewachsen, und so spreche ich Spanisch wie jemand, der die Sprache aus einem Lehrbuch gelernt hat. Dadurch kann ich auf Spanisch leider nicht mal einen Witz pointiert erzählen. Hat Picasso Sie jemals gemalt?So richtig Modell saßen Paloma und ich dem Vater eigentlich nie, Paolo vielleicht, als Picasso ihn 1924 als Harlekin malte. Oder auch Maya, als Picasso sie 1938 mit Puppe Nanette und ihrem Pferd darstellte. Aber als Motiv gewählt hat der Vater mich schon, und oft sah ich mich in Bildern, in denen ich überhaupt nicht gemeint war, nur weil dort Kinder gemalt waren. In der Berliner Ausstellung gibt es zwei Bilder, von denen ich sagen kann, das bin tatsächlich ich: Eines heißt "Frau und Kind" von 1948, dargestellt sind meine Mutter Françoise und ich. Ein weiteres Bild zeigt einen sehr kleinen Jungen mit einem Ball, das bin ich ebenfalls, aber es ist eigentlich nicht wichtig. Wichtig ist die Zärtlichkeit, die hineingelegt ist, und die Hoffnung des Erwachsenen, die sich mit so einem kleinen Menschen verbindet. Picassos Motive waren immer auch im übertragenen Sinne gemeint. Oft hat er einfach Leute von der Straße dargestellt, ständig machte er im Alltag Skizzen, nach denen er später malte.Im Pariser Picasso-Museum hängt das Bild "Die Küche" von 1948, es ist in Grautönen und schwarzen Linien und völlig kubistisch gemalt. Ist es tatsächlich die Küche, um deren Tisch Ihre Familie saß?Wir haben dort oft zu Abend gegessen. Es ist die Küche im Atelier in der Rue des Grands-Augustins, ein großer weißer Kubus. Es gab darin zwei Vogelkäfige, und die einzigen Farbtupfen darin waren drei an der Wand hängende spanische Keramikteller. Für Sie ist das Bild sicher abstrakt; für mich aber ist alles darin völlig realistisch: die wenigen Möbel und die Gerätschaften, das Geschirr, die Pflanzen und die Vögel. Picasso zog für das Bild ein Netz von Kraftlinien, die den Raum bestimmen, dazu einige konzentrische, zielscheibenähnliche Linien, im Hintergrund zeichnen sich der Uhu und die zwei Täubchen ab, es gab da auch so eine große Topfpflanze, und hinter dem Schema des grafischen Netzes aus Punkten und Linien fügte er Farbflächen ein, die Tiefenwirkung erzielten und dem Bild etwas Dichtes, Reliefhaftes verleihen. Meine Mutter mag dieses Bild ebenfalls sehr, und sie hat auch etwas darüber geschrieben. Mit dieser Küche verbinden sich Erinnerungen an eine schöne Zeit für sie, meine Schwester Paloma und mich.Françoise Gilot hat sich 1953 von Picasso getrennt. Hieß das auch Trennung für Sie und Ihre Schwester vom Vater, der bald darauf mit Jaqueline Roque lebte?Wir haben unter der Trennung unserer Eltern weit weniger gelitten als die Biografen behaupten. Die Trennung unserer Mutter von Picasso war natürlich ein Einschnitt für die Familie, aber vor allem für die Öffentlichkeit spektakulär und wurde dementsprechend dramatisiert - und das bis heute. Picassos Frauengeschichten und Françoise Gilots Eifersucht waren für die Presse, vor allem im Boulevardreich, hoch willkommener Stoff. In Wirklichkeit war unser Familienleben auch nach der Trennung der beiden ziemlich vernünftig geregelt: Paloma und ich lebten in Paris bei unserer Mutter und gingen da auch zur Schule. Die Ferien verbrachten wir beim Vater, er hatte ein Haus in Südfrankreich, nahe Cannes, später in Vallauris. Wir haben uns also regelmäßig gesehen und hatten mit seiner neuen Frau Jaqueline Roque ein unkompliziertes, sogar herzliches Verhältnis. Das gilt übrigens auch für Paolo und Maya. Unsere Familie war, wie Sie sehen, damals schon ganz modern.Wie geht es Ihrer Mutter Françoise Gilot?Sie ist eine unglaublich aktive alte Dame. Meist lebt sie in New York, und ein paar Wochen im Jahr verbringt sie in Paris. Sie malt, sie schreibt, betreut und besucht Ausstellungen.Françoise Gilot hat ein Buch geschrieben, das in den neunziger Jahren verfilmt wurde und jetzt bei TM 3 noch einmal ausgestrahlt wurde. In "Mein Mann Picasso" greift Anthony Hopkins zu Pinsel und Farbe. Wie finden Sie den Film?Völlig idiotisch, kitschig und dumm. Ich war gegen diese Verfilmung, aber man kann so ein Projekt ja nicht verbieten. Doch ist es wie mit gefälschten Bildern: Man sollte lieber interessante und wichtige Dinge im Leben anschauen, sonst verdirbt man sich die Augen. Der Kunstmarkt hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Ist Picasso mittlerweile durch die neuen Medien aus der Mode gekommen?Die Kunst ist zum Glück nicht der Kunstmarkt. Es gab eine ganze Menge innovativer Sachen, die zum Zeitpunkt ihrer Entstehung überhaupt nicht auf dem Markt aufgetaucht sind. Dann gab es Leute, die zu einem gewissen Zeitpunkt eine Menge Geld verdient haben und jetzt vom Kunstmarkt verschwunden sind. Niemand kennt sie heute mehr. Es geht nicht darum, was sich gut verkauft, sondern was wirklich innovativ ist. Aber um zu wissen, was innovativ ist, braucht man etwas Abstand. Und dafür reichen mitunter keine zehn oder zwanzig Jahre.Es ist wahr, dass Picasso momentan nicht gerade in Mode ist. Das ist das Schicksal des Künstlers, ob er nun malt, dichtet, filmt oder komponiert. Kunst ist allerdings weniger eine Frage der Mode als der Gültigkeit. Was in der Kunst des 20. Jahrhunderts passiert ist, ist ohne Picasso nicht denkbar. Ähnliches kann man von Cézanne sagen und natürlich auch von Duchamp. Ob man aber in zwanzig Jahren noch von einem Künstler spricht, der soeben auf allen Messen und Biennalen als große Nummer gehandelt wird, ist fraglich. Mich interessiert dieses Phänomen von Ruhm und Vergessenwerden sehr, in der ganzen Kunstgeschichte, von Leonardo und Michelangelo über Rubens bis Giacometti oder eben Picasso. Er hat einmal gesagt, dass es für ihn in der Kunst weder Vergangenheit noch Zukunft gäbe. Denn wenn ein Kunstwerk nicht stets seinen Platz in der Gegenwart behaupte, sei es bedeutungslos. Ich verfolge das zeitgenössische Kunstgeschehen seit meinem 19. Lebensjahr mit großer Aufmerksamkeit und finde da inzwischen neben bedeutsamen, eindringlichen Arbeiten auch sehr viel Nichtssagendes und viel zu viel Beliebiges.Picasso liegt derzeit nicht im Trend der jungen Künstlerszenen.Aber er stellt eine historische und künstlerische Referenz dar. Ein Künstler wie Richard Serra hat sich in seinem frühen Werk auf Picasso bezogen, und jüngere Künstler beziehen sich auf Richard Serra - auf diese Weise wirkt und behauptet sich Picassos Werk ja doch in der Gegenwart.Für viele Maler in der ehemaligen DDR, gerade der Generation über 50 und insbesondere aus der so genannten Berliner Schule, war und ist Picasso die große Orientierung.Das hat mich sehr erstaunt und natürlich gefreut. Gewiss hängt das auch mit dem Interesse dieser Maler an der menschlichen Figur zusammen und dem Drang zum Experiment - gegen die einstigen dogmatische Vorgaben der Kulturpolitik.Was halten Sie davon, dass man Baselitz den "deutschen Picasso" nennt?Er ist nicht der deutsche Picasso. Er ist Baselitz. Es gibt einen Bezug. Aber das ist ja gerade sein Problem, dass er sich nicht so richtig von Picasso lösen kann. Daran ist auch etwas Positives: Solche Maler haben Picasso als Vater adoptiert, selbst Künstler, die ihn ablehnen, haben ihn adoptiert. Wenn Baselitz diese bemalten Holzskulpturen macht, sehe ich genau, was er im Kopf hat: eine Skulptur von Picasso. Die kann ich Ihnen zeigen. Sie steht in der Neuen Nationalgalerie in Berlin. Und solche Adaptionen sind in der Kunst völlig normal. Auch Picasso hat Bilder nach Raffael oder Cézanne gemalt. Einmal hat er sogar probiert, Sisley nachzuahmen, es ist schiefgegangen.Picassos Werke werden oft und viel gefälscht. Es heißt, Sie würden Fälschungen zweifelsfrei erkennen.Das Problem mit den Picasso-Fälschungen ist Folgendes: 27 Jahre nach seinem Tod kommen immer noch irgendwelche Leute, die sagen, sie hätten einen Picasso zu Hause, nur hat das bis dahin keiner gewusst. Es kann sich eigentlich nur um eine Fälschung handeln, denn im Werkverzeichnis sind sämtliche Arbeiten in privatem Besitz, in Sammlungen, Museen und Galerien erfasst. Aber viele Leute hätten eben gerne einen Picasso. Seine Werke wurden schon gefälscht, als er noch lebte, aber damals konnte man ihm die Bilder zeigen und danach war die Sache rasch geklärt. Wenn erzählt wird, ich würde Fälschungen auf einen Blick erkennen, dann ist das übertrieben. Ich prüfe da sehr, sehr gründlich nach, das braucht langwierige Recherchen. Natürlich konsultiere ich dafür immer auch Experten. Und mitunter sind die Fälschungen ja auch verdammt raffiniert gemacht. Heute sind mit Hilfe der Technik präzise Pigmentanalysen möglich, aber das allein sagt noch gar nichts. Viele Maler kauften ihre Farben eben zur gleichen Zeit und im selben Künstlerbedarf wie Picasso - und das auf Vorrat, der lange hielt.Das Gespräch führten Ingeborg Ruthe und Carolin Meister.Claude Picasso // Der Sohn des spanischen Malers Pablo Picasso (1881-1973) und der französischen Malerin Françoise Gilot, mit der der Jahrhundertkünstler von 1943 bis 1953 zusammenlebte, wurde 1947 geboren. Zwei Jahre später kam Tochter Paloma zur Welt. Françoise Gilot, die heute in New York lebt, schrieb das 1996 verfilmte Buch "Mein Mann Picasso".Pablo Picasso hatte vor dieser intensiven Liebesbeziehung bereits zwei Kinder aus anderen langjährigen Verbindungen. Sohn Paolo (1921-1976) entspross der Ehe des Malers mit der russischen Tänzerin Olga Chochlowa, mit der Picasso auch nach der Trennung befreundet und bis zu ihrem Tod 1955 formal verheiratet blieb.Einer intensiven und auch lange über die Trennung hinaus andauernden Beziehung mit Marie-Thérèse Walter entstammt Picassos 1935 geborene Tochter Maya.Picasso und seine Frauen ermöglichten ihren Kindern trotz der jeweiligen Trennung und neuen Partnerschaften des Malers eine weitgehend gemeinsame Kindheit und Jugend.Nach dem Tod Picassos mussten seine unehelichen Kinder allerdings um das Namensrecht und ihr Erbe kämpfen. Die Familie bestimmte Claude Picasso, der in Amerika als Fotograf, Regisseur und Designer arbeitete, im Jahr 1975 zum Nachlassverwalter.Claude Picasso brachte dieser Tage die Picasso-Ausstellung "Die Umarmung" in die Neue Nationalgalerie Berlin. Sie ist bis 10. Dezember, Di-Fr 10-18 Uhr, Sa/So 11-18 Uhr zu sehen.Ich hatte immer das Gefühl, dass da etwas Erstaunliches, Substanzielles geschah, eigentlich ganz leicht, aber zugleich lebenswichtig für unseren Vater.Was in der Kunst des 20. Jahrhunderts passiert ist, ist ohne Picasso nicht denkbar. Ähnliches kann man von Cézanne sagen und natürlich auch von Duchamp.