Die schrecklichste Beerdigung ist nicht diejenige, in der Trauer und Schmerz am stärksten spürbar sind. Die schrecklichste Beerdigung ist die, in der alle Gefühle von kleinlichen Streitereien überlagert werden. Eine der missratensten Trauerfeiern habe ich vor einigen Jahren erlebt, als ein noch junger Mann gestorben war, ein Architekt von Mitte dreißig.Der Architekt war an Krebs gestorben. Seine Witwe kam eines Tages in mein Geschäft. Witwe, ein merkwürdiger Ausdruck in diesem Zusammenhang: Vor mir stand eine junge Frau, Modedesignerin von Beruf, mit Minirock und Strickpulli und langen blonden Haaren. Ich habe gleich gemerkt, die Frau ist ein witziger und dynamischer Typ. Natürlich war sie angeschlagen, sie hatte ein paar Monate lang neben ihrem Mann am Krankenbett gesessen. Aber wir unterhielten uns ganz locker und entspannt. Allerdings war bald klar, dass sich familiäre Konflikte andeuteten. Der Verstorbene stammte aus München, aus der besseren Gesellschaft. Neben der aktuellen Ehefrau gab es noch die Mutter und die Ex-Ehefrau des Mannes, mit zwei kleinen Kindern. Die Münchener Pelzmantelfraktion, wie ich sie später für mich genannt habe. Die Mutter trat schon bald vehement in Erscheinung. Am Telefon herrschte sie mich an, alles habe ganz anders geplant zu werden als die Ehefrau in Berlin dies vorhabe. Sie verlangte, dass die Münchener Gäste bei der Trauerfeier auch eine Rede hielten. Die Asche des Verstorbenen sollte ferner in München beigesetzt und nicht auf dem Meer verstreut werden, wie die junge Ehefrau es angeordnet hatte.Was soll ich in so einer Situation tun? Ich bin kein Schiedsrichter, ich brauche einen klaren Handlungsauftrag. Die Mutter sprach am Telefon ganz im Königinmutter-Habitus. Ich sagte zu ihr, wir können die Ehefrau in Berlin nicht übergehen, da antwortete sie mir: Die Ehefrau ist hier in München mit den Kindern. Punkt. Sie meinte ihre Ex-Schwiegertochter, die sie offenbar noch immer favorisierte. Realitätsverleugnung mit Grandezza, das kann man fast schon bewundern.Oft höre ich, dein Beruf ist doch bestimmt sehr traurig. Das finde ich nicht unbedingt. Natürlich habe ich mit trauernden Menschen zu tun. Aber nicht jeder, der kommt, ist in Tränen aufgelöst. Wie man auch in diesem Fall sieht. Nach dem Tod eines Menschen müssen Dinge geregelt werden, und die meisten Hinterbliebenen funktionieren dabei mechanisch. Das ist vielleicht auch gut so. Niemand kann vierundzwanzig Stunden am Tag in Verzweiflung verharren. Trauer kann im Übrigen durchaus produktiv sein. Aber wenn sie von anderen Dingen verstellt wird, kann ein Abschied richtig schiefgehen. Da helfen alle Vorbereitungen nichts. Obwohl Vorbereitungen wichtig sind. Wenn eine Totenfeier bevorsteht, sollten Hinterbliebene in jedem Fall möglichst vieles selbst gestalten können. Ich habe hier in Kreuzberg viele Kunden, die auf Konventionen wenig Wert legen. Sie kommen zum Beispiel, weil ich ihnen anbiete, dass sie die Särge dekorieren und bemalen können. Auf Wunsch zeige ich Fotos mit Beispielen: Da hat jemand ein kleines Segelboot am Sargdeckel befestigt oder einen Sarg zum Audi umgebaut, mit Nummernschild und Anthrazit-Lack, oder einfach ein paar Blumen aufgemalt.Für so etwas hatte die Witwe des Architekten gar keinen Sinn, weil sie ja immer mit der Restfamilie beschäftigt war. Der Verstorbene selbst hätte eigentlich noch Zeit gehabt, ein paar grundlegende Dinge zu bestimmen. Zumindest die Frage, wohin mit der Asche, die ist ja nicht unwichtig. Das Störpotenzial seiner Mutter hätte er schließlich kennen müssen. Aber ich erlebe immer wieder, dass todkranke Menschen wichtige Vorkehrungen vernachlässigen. Verdrängung funktioniert in allen Lebenslagen.Im Krematorium sollte nun erst einmal eine Trauerfeier stattfinden, über den Ort der späteren Urnenbeisetzung gab es noch keine Einigung. Als ich bei der Trauerfeier ankam, traute ich meinen Augen nicht. Es war noch früh, die Gäste tröpfelten erst herein. Am Eingang, links und rechts postiert, standen zwei Bodyguards, riesige Kerle in dunklen Anzügen, verkabelt und mit Knopf im Ohr. Als ob gleich Whitney Houston auftauchen würde. Wie sich herausstellte, hatte die junge Witwe die Kerle bestellt, um für Ordnung zu sorgen, falls die feindlichen Parteien in Konflikt gerieten. Mechanisch und mit unbeteiligtem leeren Blick wiesen die Security-Leute die Gäste ein. Münchener Bürger auf die eine Seite, Berliner Freaks auf die andere. Die Unterscheidung war einfach: Die Berliner Freunde kamen in Jeans und Lederjacken, mit Wollmützen und Basecaps. Das waren Partyleute, DJs, ein buntes Völkchen - buchstäblich bunt, denn kaum jemand von ihnen hatte für die Beerdigung Schwarz angezogen.Auf der anderen Seite saßen die Münchener. Kaschmir und Pelz, soweit das Auge reichte. Die Mutter des Verstorbenen erschien gestützt von ihrer Ex-Schwiegertochter. Eine Aura von Dominanz umgab sie, eine große, beherrschte Frau mit Pelz und Seidentuch und ondulierten gefärbten Haaren. Die Ex-Schwiegertochter, spitzes Gesicht, verkrampft, wirkte ebenfalls ausgesprochen distinguiert. Sie trug ein schwarzes Hütchen mit Netzschleier.Der Verstorbene begann, ein Rätsel für mich zu werden. Wie kann ein Mensch zwei so unterschiedliche Ehefrauen haben. Münchener High Society und Kreuzberger Bohème? Die aktuelle Ehefrau war wieder im Minirock erschienen. Was eigentlich auch nicht unbedingt sein muss. Trauerfeiern sind nicht dazu da, Statements abzugeben, da kann man sich durchaus einmal etwas zurücknehmen.Die Musik wird den Münchenern nicht gefallen haben, es gab keinen Organisten, sondern Rockmusik von der CD, Freddy Mercury, Bruce Springsteen. Dann trat einer der Kreuzberger Freunde ans Mikrofon und erinnerte an den Toten. Danach kam wieder Musik, und dann preschte plötzlich ein älterer Herr aus der Kaschmir-Fraktion in Richtung Mikrofon. Er war ganz offensichtlich nicht als Redner vorgesehen. Ich konnte mir mühelos vorstellen, wie er eben noch die Hand der Königinmutter gedrückt und gesagt hat: "Ich regele das, Ingeborg. Ich gehe jetzt nach vorne und dann kommen wir zu Wort". Der Mann wirkte wie ein Protestler auf einer politischen Kundgebung. Nicht besonders sympathisch, nicht dem Anlass angemessen. Aber bevor er noch den Mund aufmachen konnte, kam so ein Gorilla von Bodyguard, legte seine Pranke über das Mikro und schob den zappelnden Mann zurück die Stufen hinunter.Das war ein schrecklicher Moment, peinlicher und würdeloser, als wenn sich zwei Menschen an den Haaren gezerrt hätten. Mir war das unerträglich, dieser Höhepunkt einer durch und durch unechten, manipulierten Trauerfeier. Da waren ja auch die beiden noch jungen Kinder des Verstorbenen, aber auf die nahm keiner Rücksicht. Die guckten nur so zu Boden, wie Kinder das machen, wenn sie merken, hier sind ungute Spannungen. Bloß nicht in die Schusslinie geraten.Über diese ganzen Machtdemonstrationen war für den Verstorbenen selbst nur noch eine Nebenrolle übrig. Das ist traurig.Ich hatte einmal eine Trauerfeier für einen ganz jungen Mann, der verunglückt war. Seine Mutter ist schreiend am Sarg zusammengebrochen. Das war dramatisch, aber nicht skandalös. Der Schmerz musste heraus. Skandalös fand ich das unwürdige Gezerre, das bei der Beerdigung dieses Architekten ablief. Ich war bedient und wollte anschließend von den Leuten nichts mehr hören. Aber kurz darauf hatte ich einen Anwalt am Telefon, der von der Mutter des Toten beauftragt war, die Urne nach München zu befehlen. Die Pelzmäntel hatten gewonnen.Aufgeschrieben von Daniela Pogade.------------------------------Foto: Claudia Marschner in ihrem Bestattungsunternehmen in Kreuzberg: "Ich brauche einen klaren Handlungsauftrag."