Claudio Abbado dirigierte wieder in Berlin und wurde zuvor durch ein Konzert geehrt: Eine Feier des Augenblicks

Die Konzerte, zu denen Claudio Abbado einmal im Jahr an das Pult seines früheren Orchesters, der Berliner Philharmoniker zurückkehrt, haben inzwischen fast Kultstatus erreicht. Man vermisst ihn hier in dieser Stadt, vermisst sein abgeklärtes, der Sache hingegebenes und dabei dem großen Zauber des Schönen so nahes Musizieren. Und man ist glücklich, wenn der sichtlich schmal gewordene 75-Jährige so beweglich und lebensfroh vor dem Orchester steht, wie am vergangenen Freitag und Sonnabend in der Philharmonie - obwohl er seine Anwesenheit zwei Tage zuvor bei einem ihm gewidmeten Konzert mit Uraufführungen befreundeter Komponisten absagen musste, um seine Gesundheit zu schonen.Schuberts Schauspielmusik zu der nach zweimaliger Aufführung vergessenen "Rosamunde" der Helmina von Chézy ist, so möchte man meinen, nun wirklich keines seiner bedeutenden Werke. Populär daraus sind allerdings ein Ballettstück in grazilem Schritt und eine Zwischenaktmusik, deren Thema im Streichquartett a-moll wieder erscheint. Claudio Abbado verzichtete auf die im Programmheft noch angekündigte große Ouvertüre, die eigentlich auch zu einem anderen Theaterstück geschrieben wurde. Dadurch ergab sich eine Balance der kleinen Charakterstücke, allerdings mit so großem Aufführungsapparat, wie ihn das Theater nie gesehen hat. Zum Orchester traten noch der Rundfunkchor Berlin und die Mezzosopranistin Angelika Kirchschlager hinzu, so dass die Ballette und Zwischenspiele im Wechsel mit den Chören und einer Romanze eine sehr stimmungsvolle Kurzversion des romantischen Schauerstückes ergaben, bevölkert von obligaten Geistern, Schäfern, Schäferinnen und natürlich Jägern.Sie setzten durch ihren Gesang die Instrumentalnummern dazwischen in ein ganz eigenartiges Licht, und unter Abbados taktstocklosen Händen wuchs jeder dieser Miniaturen ein ganz eigener Tonfall und eine ebenso unerwartete wie filigrane Kostbarkeit zu. Wunderbar etwa, wie nach dem Geisterchor mit Hörnern und Posaunen die zweite Zwischenaktmusik in den Streichern einsetzte, in einem pianissimo, das zusammen mit der verschleierten Phrasierung bei ganz reduziertem Bogenstrich in der oberen Hälfte das allzu Bekannte des Themas in eine poetische Fremdheit hüllte und so nebenbei auch dem Schematismus der einfach sich reihenden Form etwas Schwebendes, Prozesshaftes unterschob.An Grenzen des Hörbaren führte Abbado das Orchester auch in einer kleinen Auswahl aus Gustav Mahlers Wunderhornliedern. Ganz weit weg schien die kriegerische Welt, "wo die schönen Trompeten blasen", sehr nah dagegen der dunkle Schmerzenston, den die nicht durchweg überzeugende Angelika Kirchschlager am Schluss dieses vorweggenommenen Grabgesanges fand. Der Feinheit der von Abbado weit gedehnten piano-Linien schien sie atemtechnisch nicht restlos gewachsen, und das grässliche Geschäker, mit dem sie das "Rhein- legendchen" aufputzte, wirkte ratlos aufgesetzt gegenüber der präzisen und risikofreudigen Ironie im "Lob des hohen Verstandes".Jenes erzählerische Fließen, das schon in Schuberts "Rosamunde"-Musik zu spüren war, steigerte sich in Debussys "La Mer" zur Idee permanenter Gegenwart, einer Feier des Augenblicks, des Werdens und Vergehens der Gestalten ohne Wiederkehr. In der Virtuosität und der Hochspannung des Orchesters führte Abbados Kunst des scheinbaren Gewährenlassens hier zu einer transparent vielschichtigen, perfekt ausgeleuchteten Interpretation, die man nicht vergessen wird.Ebensowenig die bereits am Mittwoch uraufgeführte neue Komposition von Wolfgang Rihm, Höhepunkt des Konzertes "Hommage an Claudio" im Kammermusiksaal, das als nachgetragene Feier zum 75. Geburtstag des Dirigenten gedacht war. Rihm hat mit "Mnemosyne" für hohen Sopran und dreizehnköpfiges Ensemble eine ebenso gedankenstarke wie schönheitstrunkene Lektüre des Hölderlin-Textes komponiert, auf deren weitgezogene, schwebende Linien nur einmal ein dunkler scharfzackiger Schatten fällt, wenn in den Worten "der kann Täglich / Es ändern" das Ungewisse der Existenz drohend hervortritt. Beschwörend dagegen steht das Wagnis der extrem schwer zu meisternden Leichtigkeit dieser Partitur, auf das sich die Sopranistin Anna Prohaska ebenso anmutig wie verblüffend sicher einließ.Aber auch die anderen, vom Scharoun-Ensemble und Gästen uraufgeführten Kompositionen suchten in ihrem Widmungscharakter zumeist auch das Außergewöhnliche des Anlasses festzuhalten. Wenig ergiebig wirkte nur der etwas floskelhafte Umgang mit den allerdings sehr persönlich adressierten Textvorlagen in drei Gesängen von Giacomo Manzoni, einem alten Weggefährten Abbados. Jörg Widmann ließ in "Teiresias" mit sechs Kontrabässen zwischen berstenden Klangexplosionen und eingeschnürt wimmerndem Choralgesang Erhabenes und Kreatürliches aufeinander prallen. Zwar waren die bestellten Kompositionen des skrupulösen György Kurtag und des vielbeschäftigten Marco Stroppa nicht rechtzeitig fertig geworden, aber da sich die acht Hornisten für Stroppas ungewöhnlich besetzte Komposition schon zusammengefunden hatten, spielten sie stattdessen ein Stück ihres ehemaligen Philharmoniker-Kollegen Brett Dean, das die Klangwelt dieser Instrumente von recht ungewöhnlichen Seiten her erkundet. In fast surrealer Kombinatorik fremder und vertraut erscheinender Gesten bewegte sich traumwandlerisch das bunteste Stück dieses Abends, "Celestial Object I" von Matthias Pintscher.------------------------------Weit weg schien die kriegerische Welt, sehr nah dagegen der dunkle Schmerzenston.------------------------------Foto: Voller Hingebung: Berlin fehlt oft der Zauber von Claudio Abbado.