Großmutter ist ein Storch, Großvater auch. Und der Sechsjährige Ich-Erzähler, zumindest ein halber. Die andere Hälfte des Zugvogels hätte ein Brüderchen sein sollen. Notfalls eine Schwester. Daraus ist nichts geworden. Mutter und Vater waren immer weit weg.Mit solch skurriler poetischer Symbolik hält der Autor den Leser von "Zweieinhalb Störche" in Atem. Er lässt einen staunen, auflachen und an absurd melancholischen Absätzen ungläubig fragen, wie Claudiu M. Florian, geboren vor knapp 40 Jahren in Reps (Rupea), Spross siebenbürgisch-sächsischer und rumänischer Vorfahren gleichermaßen, sich so haarklein an genau zwei Jahre seiner Kindheit zu erinnern vermag. An diese Welt des "Mehrerlei": der Sprache (deutsch, sächsisch, rumänisch, ungarisch), der Kulturen, die in diesem Landstrich seit acht Jahrhunderten zusammenleben, der Kirchen, die protestantischen und die orthodoxen, der Gerüche (die Grillfeuer auf dem Hausberg), die Geräusche (Trommelregen auf dem Dach und Jagdflieger über der Burg), der Geschmack (der "goldenen Nudelsuppe"). Und wie er diese Welt, bestehend aus der "vor dem Haustor und jene hinter dem Garten" so bildhaft witzig zu schildern imstande ist.Ein unlösbares Rätsel ist dem Jungen die Welt der Erwachsenen im Rumänien Mitte der Siebziger. Nicht zu verstehen, was Urgroßvater und Großeltern, bei denen er lebt, was die mit dem weißen Mercedes, mit Kaugummi und den lang erträumten Matchboxautos "Ausdeutschland", dem magischen Ort, anreisenden Onkels, was die Kindergartentante und die strammen Sprecher im rotbrauen Fernseher namens "Dacia" (was Stein heißt und auch der Name eines Autos sowie des Nachbardorfes ist) reden und was sie tun.Warum heult sich die Nachbarsfamilie die Augen aus dem Kopf vor der Ausreise "Nachdeutschland", wo doch alle sagen, dass dies das größte Glück sei? Warum hat der Vater am Theater in Bukarest Arbeitsverbot? Und was hat das mit dem "Genossen" (Ceaucescu) zu tun, der es immer vor allen anderen Leuten am allermeisten schafft, in den rotbrauen Fernseher zu gelangen und Ansprachen zu halten an "das Volk", das auf Tribünen sitzt und andauern klatscht. Oder Trauerreden, für den toten Führer Mao und das "chinesische Brudervolk".Die Antwort gibt es auch nicht auf dem Dachboden des alten Hauses, das "Diese" (die Regierung) den Großeltern wegnehmen wollen, weil es vorher einer Tante gehörte, die jetzt "Indeutschland" lebt. Die Fernsehantenne auf dem Aufboden hat der kindlich naive Ich-Erzähler sich gedacht als eine Art Rennbahn, auf der sich alle, die dann unten auf dem Bildschirm erscheinen, einen Wettlauf bieten, bei dem der omnipräsente "Genosse" trotz seines Alters immer der Schnellste ist. Groß die Enttäuschung beim Anblick der nackten Metallstäbe unterm Dach. Ein Fragezeichen ist ihm auch das schwarze Radio, an dessen Knöpfen die Großeltern vor dem Zubettgehen eifrig drehen und dann die Ohren an den Lautsprecher pressen.Noch kann der Knabe nicht unterscheiden zwischen offiziellen Inhalten im Staatsfernsehen und verbotenen im Sender Radio Freies Europa. Noch nimmt er alles in seinem Leben wahr aus der Untersicht: alles ist sehr groß, alles ist besonders, Jedwedes gibt Anlass zu Staunen und Fragen.Staunen kann auch der Leser, wie Florian, der als Presseattaché der rumänischen Botschaft in Berlin arbeitet (und den größten Teil seiner Debüterzählung in der S-Bahn zwischen Friedrichstraße und Mexikoplatz schrieb), in der Sprache des Kindes Claudiu literarisch eine Welt aufleben lässt, die von jahrhundertealten Traditionen - auf sächsischer wie auf rumänischer Seite - zusammengehalten wurde. Eine Welt, die sich aber durch den Exodus der Siebenbürger Sachsen in Richtung Bundesrepublik, zudem durch die Resignation der damals Zurückgebliebenen radikal veränderte.Florian erinnert das Siebenbürgen seiner Kindheit, das es so nie mehr geben wird und das von einer politischen Wende noch nichts wusste. Ihm war es ein großer Abenteuerspielplatz mit tausend Fragezeichen. Es war ihm auch ein geschützter Raum. Er setzt ihm in deutscher Sprache ein gänzlich unsentimentales Denkmal. Bald erscheint sein Debüt auf Rumänisch.------------------------------Foto: Claudiu M. Florian: Zweieinhalb Störche. Roman einer Kindheit in Siebenbürgen. Transit, Berlin 2008. 260 S., 19,80 Euro.