CLAUS PEYMANN, Intendant des Berliner Ensembles: Das deutsche, das europäische Theater hält den Atem an. Ein unbeugsames Genie hat die Szene verlassen. Der wahnwitzige Theatermacher Einar Schleef könnte von Thomas Bernhard erfunden sein. Er gehört zur Familie der Antonin Artauds, Jerzy Grotowskis, Tadeusz Kantors. . . Seine Inszenierung von Elfriede Jelineks "Ein Sportstück" war ein Höhepunkt meiner Burgtheater-Zeit. Auf die Inszenierung von Elfriede Jelineks "Macht nichts - eine kleine Trilogie des Todes", die wir wegen Einar Schleefs Erkrankung im Juli gemeinsam für das kommende Frühjahr im Berliner Ensemble verabredeten, haben wir uns alle sehr gefreut.GÜNTHER RÜHLE, früherer Intendant des Frankfurter Schauspiels: Was war das Außerordentliche an Einar Schleef? Dass sich in seiner Energie und seinem Willen alle Künste versammelten. Die des Theaters, die der Literatur, die der Malerei und der Grafik, die der Musik, die der Choreografie, die der Kostümbildnerei und der Fotografie. Alle beherrschte er, in der Theorie war er so stark wie im Tun. Sprachmächtig war er, aus allen Künsten lebte er und aus allen gewann er sich seine Vorstellung von einer Kunst, die die gewohnten Grenzen überschritt. Er überschritt nicht nur die Grenze der DDR, die ihn prägte, formte, verletzte und in ihm nach der Austreibung gegenwärtig blieb bis zuletzt. Im Theater setzte er seine Inszenierungen, die alle bisherigen Vorstellungen an Kraft, Fantasie, dramaturgischer Intention, an Disziplin und Räumlichkeit sprengten, in der Literatur schrieb er mit "Gertrud" ein bis heute nicht erschöpftes episches Werk, den Maler, Zeichner, Kostümbildner sollte eine neue Ausstellung endlich der bildenden Kunst gewinnen. Unerschlossen liegen seine Tagebücher, in denen er sein Leben zwischen Berlin und New York, die innere Geschichte der beiden deutschen Republiken eingefangen hat. (Fortsetzung auf Seite 14) (Fortsetzung von Seite 13) Er war ein genauer Beobachter, doch er verdichtete und vergrößerte alles, was in ihm nach Gestaltung verlangte. Seine Arbeit in der Kunst hatte das Ziel, ihr wieder öffentliche Geltung zu verschaffen, Ereignis zu stiften, Konfrontation und Gespräch zu entzünden, Dämme zu brechen, Wege zu öffnen. Er widerstand dem Gewohnten und den Mächtigen, er war selbst ein machtvoller Mann. Er verzehrte sich an dem, was ihn trieb. "Sein Talent stammt aus dem Reich der Mütter, das ein Reich der Notwendigkeit ist", schrieb Heiner Müller, als er Schleef erkannte. Schleef ging durch viele Feindschaften. Wäre er nicht angekommen in dem Bezirk, in dem das Außerordentliche lebt, wir brauchten um ihn nicht zu trauern.KLAUS WOWEREIT, Regierender Bürgermeister: Die deutsche Hauptstadt verliert einen Vollblut-Theatermann. Seine provokanten Arbeiten widerspiegelten gleichermaßen kritisch wie skeptisch die Zeitgeschichte vom Nationalsozialismus über die Jahrzehnte der deutschen Teilung bis zur Wiedervereinigung und Gegenwart.ADRIENNE GOEHLER, Kultursenatorin: Schleef hat mit der ihm eigenen, mitunter umstrittenen und viel diskutierten Theatersprache die deutschsprachigen Bühnen über Jahrzehnte hinweg geprägt. "Für die Kritik wie für das Publikum waren seine Inszenierungen herausfordernde Theatererfahrungen, die Einar Schleef schon zu Lebzeiten zur Legende machten.