„Nie wieder Deutschland“: Mitglieder des Kollektivs und der Crew des linken Techno-Clubs About Blank.
Foto: Benjamin Pritzkuleit

BerlinDer Garten des About Blank liegt verlassen da. Möbel aus Paletten, Tische und Bänke hat das Club-Kollektiv in den vergangenen Monaten aufgebaut. 200 Sitzplätze insgesamt. Ein Techniker prüft den Ton, gleich soll ein Kinoabend starten. „Keep a safe distance“, fordert ein Schild neben der Leinwand, auf den Möbeln kleben andere Parolen: „Refugees welcome“, „Nazis raus“ oder „Klassismus ist keine Kunstepoche“. Eine große Steinskulptur fordert in mehreren Metern Breite: „Nie wieder Deutschland“.

Der Techno-Club am Ostkreuz wird seit 2010 von einem linken Kollektiv betrieben und ist ein zentraler Treffpunkt für die linke Szene. Berliner Antifaschisten, Marxisten und Antideutsche mischen sich am Wochenende eigentlich mit Partytouristen und unpolitischen Technofans. Doch seit Beginn der Pandemie ist Party und Exzess hier streng verboten. Nicht nur, weil es die Corona-Verordnung des Senats so fordert. Sondern auch, weil das Betreiber-Kollektiv es so will. Hier zweifelt niemand an der Existenz des Virus und seiner Gefährlichkeit für die Gäste.

Bis Juni hielt das About Blank ganz geschlossen, dann öffnete es nur den Garten – mit Sitzplätzen und Tanzverbot.
Foto: Benjamin Pritzkuleit

Die zwei Tanzflächen drinnen bleiben ganz geschlossen. Am Wochenende öffnete bisher, bei gutem Wetter, der Garten. Doch maximal bis 23 Uhr, auch dort herrscht Tanzverbot, nur 200 Menschen werden eingelassen – genauso viele, wie es Sitzplätze gibt. Mit dem „autonomen Sommerblank“ hat das 14-köpfige Kollektiv sich in der Corona-Krise werktags auch stark für politische Gruppen geöffnet. Öko-Bewegungen, feministische und antifaschistische Gruppen bastelten in unterschiedlichen Ecken des Gartens Transparente und hielten Vernetzungstreffen ab. Umsonst, Eintritt mussten sie nicht zahlen.

Finanziell lohnt sich das für das About Blank nicht. Circa 10 bis 15 Prozent des sonst im Sommer üblichen Umsatzes haben sie nach eigenen Angaben mit dem Betrieb im Garten gemacht. Von den Soforthilfe-Projekten des Senats profitierten sie bisher kaum, lehnen Geld vom Staat eigentlich auch ab. „Wir haben es hier immer lieber ohne oder gegen den Staat gehalten“, sagt Eli, 34 Jahre alt, Sprecherin des Blank. „Aber wir wollten die soziale Funktion dieses Ortes wiederaufleben lassen. Für die Leute, denen wir uns politisch verbunden fühlen.“ Eli sitzt, ganz in Schwarz gekleidet, im Garten, über einen Laptop ist ihr Kollege Sulu per Videotelefonie zugeschaltet. Ihre Nachnamen wollen sie lieber nicht in der Zeitung lesen. Der 48-jährige Sulu stammt aus der autonomen Szene, Klarnamen vermeidet man da ganz.

Ein leeres About Blank bedeutet auch: 50 Angestellte und 70 Mini-Jobber ohne Arbeit.
Foto: Benjamin Pritzkuleit

Die aktuelle Diskussion im rot-rot-grünen Senat über das „Clubgeschehen“, das angeblich die Infektionszahlen nach oben treibt, können sie hier nicht nachvollziehen. „Einigermaßen paradox“ sei diese Schuldzuweisung, sagt Sulu, der Gründungsmitglied des Blank ist. Weil doch die Clubs seit März alle Indoor-Flächen geschlossen hielten und die Outdoor-Flächen nur mit strengen Auflagen betrieben – während die Menschen in Industriebetrieben und der Logistikbranche oft ohne jeden Gesundheitsschutz „weiter roboten“ müssten. Genauso wenig verstehen sie, wie eine Wirtschaftssenatorin von den Grünen in der Pandemie den Wiedereinsatz von Heizpilzen empfehlen kann. „Beschämend“, findet Sulu, angesichts der Klimakrise.

Das About Blank hält es anders: Über die Corona-Krise will es die anderen Krisen, will es den Rest der Welt nicht vergessen. Mehr als über die eigene Misere reden sie über die Flüchtlingskrise an den Außengrenzen der EU, über die Polizeieinsätze in der Rigaer Straße, über die Räumung von linken Projekten. Warum sie nicht lieber über ihre eigenen Probleme reden, über die Probleme der Clubszene? „Das fühlt sich schwierig an, hier die Opferkarte zu ziehen und zu sagen: Rettet die Clubs! – wenn wir doch wissen, dass zum Beispiel in Moria gerade Menschen um ihr Leben kämpfen“, sagt Sulu. Ein Grunddilemma, räumt Sulu ein, das sich nicht beheben lasse.

Mit Blick auf die Clubszene machen sie sich vor allem Sorgen, dass nach Corona der Kapitalismus, der Kommerz, in der Hauptstadt nur noch weiter um sich greift. „Wer wird sich nach der Krise noch ein Feier-Wochenende in Berlin leisten können?“, fragt Sulu. Schon jetzt machten sich viele „rich kids“ auf den Weg, das Problem werde sich verschärfen. Zu befürchten sei auch, dass sich Clubs auf Investoren einlassen, dass in Zukunft „Berliner Clubkultur geshoppt“ werde. „Die Corona-Krise birgt kein utopisches, sondern eher dystopisches Potenzial.“

Doch noch lebt das Blank, gewohnt widerständig. Am 3. Oktober werden sie am vom Kultursenator ausgerufenen „Tag der Clubkultur“ mit einer „antinationalen Benefizgala“ Gegenprogramm zum Tag der deutschen Einheit bieten. Und ihr Fokus ist sogar schon auf den nächsten Kampf gerichtet, lange nach Corona: Der Club nämlich könnte von der geplanten Bundesautobahn 100 verdrängt werden, der Mietvertrag läuft noch bis 2025. Ein Zukunftsproblem, finden Sulu und Eli, in dem die großen Fragen für Berlin kulminieren: die Klimafrage, die Frage, wem die Stadt gehört. „Wir wollen nicht dafür sorgen, dass die Autobahn um uns herum gebaut wird – sondern dafür, dass sie gar nicht gebaut wird.“

Clubs in der Krise - Teil 7

Die Serie: 140 Clubs gibt es in Berlin, die Szene ist einer der wichtigsten Kultur- und Wirtschaftstreiber der Hauptstadt. Seit fünf Monaten sind alle Clubs per Corona-Infektionsschutzverordnung des Senats zwangsgeschlossen – auf noch unbestimmte Zeit. Was bedeutet das für die Betreiber, die Mitarbeiter, die Stadt? Wir stellen Köpfe der Szene, ihre drängendsten Probleme und Perspektiven für die Zukunft vor.

Vorherige Teile: Im ersten Teil der Serie haben wir das SchwuZ vorgestellt, den ältesten queeren Club Deutschlands. Im zweiten Teil haben wir mit dem Sprecher der Holzmarkt-Genossenschaft über Open Airs gesprochen. Die Genossenschaft betreibt den Technoclub Kater Blau. Dann folgte der Erotikclub Insomnia, der trotz schwieriger rechtlicher Lage früh wieder geöffnet hat – mit Sado Maso, ohne Orgien. Das Yaam, einziger großer Reggaeclub in Berlin, erklärt, warum es eine Erhöhung der Preise in der Krise kategorisch ablehnt. Warum manche Musikrichtungen - wie Punk und Hardcore - besonders unter den Abstandsregeln leiden, zeigte das SO36 im fünften Teil. Der sechste Teil zeigte die Probleme des Kreuzberger Clubs Ipse, der im Shutdown Opfer von Brandstiftung wurde.

Support für das About Blank: Unter dem Titel „Deutschland canceln - Shutdown Soundtracks“ feiert das About Blank am 3. Oktober zum „Tag der Clubkultur“ von 12 bis 21 Uhr eine „antinationale Matinée zur Vergänglichkeit von Clubkultur“ (Eintritt: 12 Euro). Bereits am 1. Oktober diskutieren eine Politologin, ein Galerist und eine Autorin 30 Jahre nach dem Ende der DDR über das Thema „Rebellion, Resignation oder Transformation?“ (2 Euro Eintritt).