Gesundheitspersonal in Indien führt einen Covid-19-Antigen-Test für Wanderarbeiter durch. Im Juni begann Indien damit, die billigeren, schnelleren, aber weniger genauen Tests zu verwenden, um die Testmöglichkeiten auf das Coronavirus zu erweitern.
Foto: Manish Swarup/AP/dpa

Neuartige Corona-Schnelltests könnten entscheidend dabei helfen, die nächste Phase der Pandemie zu bewältigen. Dieser Meinung sind zunehmend Forscher und Mediziner. So forderte vor wenigen Tagen Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, eine Generalüberholung der Corona-Teststrategie und den Einsatz von Corona-Schnelltests. Der Virologe Alexander Kekulé von der Universität Halle-Wittenberg schlug vor, solche Tests unter anderem in den Apotheken anzubieten, was bisher untersagt ist. Diese Tests könnten „alles verändern“, sagte auch die Chemikerin Mai Thi Nguyen-Kim, deren Science-Kanal maiLab auf YouTube eine Million Abonnenten hat. Worum geht es? Was könnten Schnelltests leisten?

Zur politischen Strategie gegen Corona gehört zurzeit die Ausweitung von Tests und die konsequente Kontaktverfolgung, um Infektionsketten möglichst schnell zu durchbrechen – auch mit Blick auf den Herbst, wenn sich wieder vieles in geschlossenen Räumen abspielt. Doch wie die vergangenen Wochen zeigten, sind die Labore bereits jetzt am Limit. Schon die obligatorische Testung von Reiserückkehrern aus Risikogebieten überfordert das System. Zugleich warnen Mediziner wie der Ärztekammerpräsident Klaus Reinhardt vor einer Überlastung des Gesundheitswesens durch eine Überlagerung mit der kommenden Grippewelle. Wenn massenhaft Corona-Test-Patienten und Patienten mit saisonaler Grippe aufeinanderträfen, sei das für die Arztpraxen nicht mehr zu schaffen, sagte Reinhardt. Mit den herkömmlichen Verfahren lässt sich eine Ausweitung des Tests kaum durchführen.

Der „Goldstandard“ bei der Testung ist der PCR-Test. Er beruht auf der sogenannten Polymerase-Kettenreaktion, einer besonderen Methode, bei der Erbmaterial (RNA) der Coronaviren isoliert und so weit vermehrt wird, dass sich auch kleinste Virusmengen nachweisen lassen. Die Tests können Sars-CoV-2 zu mehr als 99 Prozent zuverlässig nachweisen. Fehler wie falsch negative Ergebnisse entstehen meist, weil Proben falsch entnommen wurden. Aber es gibt auch Nachteile: Die Testverfahren sind recht teuer und zu langsam, zum reinen Testablauf kommen Transportzeiten, Wartezeiten im Labor und anderes. Zwar gibt es auch PCR-Schnelltests, sogenannte Kartuschentests, die außerhalb von Laboren durchgeführt werden können. Aber sie sind etwas weniger zuverlässig. Bei unklarem Ergebnis muss im Labor nachgetestet werden. Außerdem sind PCR-Schnelltests teurer und materialintensiver als Labortests.

Weiterhin gibt es die sogenannten Antikörpertests, die nicht das Virus selbst nachweisen, sondern die Reaktion des Immunsystems auf den Erreger. Sie eignen sich aber nicht für den Nachweis einer akuten Infektion, weil Antikörper erst einige Zeit nach Beginn der Infektion im Blut zu finden sind. Manchmal auch überhaupt nicht, obwohl ein Mensch infiziert ist.

Wenn man aber das Virus „im Keim ersticken“ will, wie Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) verkündete, muss man Ausbrüche sozusagen im Moment ihres Geschehens erfassen – am besten noch, bevor überhaupt etwas passiert. Hier kommen nun neuartige Schnelltests ins Spiel, die unter anderem das Erbmaterial des Erregers auf anderem Wege vervielfältigen als die PCR-Tests. Dazu gehört der in Wien entwickelte Schnelltest RT-LAMP. Eine ganz andere Methode wird bei Antigen-Schnelltests genutzt. Diese weisen nicht das Erbgut des Virus nach, sondern reagieren auf bestimmte Eiweißfragmente – Proteine – des Virus, sogenannte Antigene. Dazu werden Antikörper künstlich hergestellt, die das Antigen in der Probe erkennen.

Im Prinzip funktionieren die einfachsten Antigen-Tests wie Schwangerschaftstests und könnten auch genauso billig gekauft und so schnell gehandhabt werden. Man braucht nur den Test und eine Speichelprobe. Wenn virales Antigen vorhanden ist, erkennt man das an der Verfärbung des Teststreifens. Nach 15 Minuten ist das Ergebnis da.

Ein Antigen-Schnelltest, wie er bereits in Indien verwendet wird.
imago images/Parveen Kumar/Hindustan Times

Es gibt bereits eine Reihe solcher Antigen-Tests, entwickelt unter anderem in Südkorea, China und den USA. Auch in Deutschland könnten sie eingesetzt werden. Unter anderem hat das rheinland-pfälzische Unternehmen Weko Pharma verkündet, einen Antigen-Schnelltest des südkoreanischen Herstellers Biocredit auf den Markt gebracht zu haben. Eigenen Angaben zufolge soll der Test bei korrekter Durchführung unter 10.000 Anwendungen nur 1000 falsche Ergebnisse bringen. „Der Verkauf soll über Apotheken laufen, denen allerdings erst vor kurzem die Abgabe solcher Tests an den Endkunden verboten wurde“, schreibt das Unternehmen. Apotheken ist auch die Anwendung der Tests an Patienten untersagt. Bei Verstoß drohe eine Geldbuße bis zu 30.000 Euro oder eine Haftstrafe von bis zu einem Jahr, schrieb die Pharmazeutische Zeitung. Nur Ärzte könnten den Test einsetzen. Dies widerspricht aber dem Ziel, Praxen und Kliniken zu entlasten.

Das Argument gegen solche Schnelltests lautet, dass sie generell eine hohe Fehlerquote aufweisen. Und nichts sei schlimmer, als falsche Testergebnisse, aus denen falsche Rückschlüsse gezogen würden, sagte jüngst Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI). Zwar betraf die Warnung vor allem die Antikörpertests. Aber auch gegen Antigen-Schnelltests gibt es Vorbehalte. Nach Aussagen des Münchner Virologen Oliver Keppler seien Antigen-Tests 1000- bis 10.000-fach weniger empfindlich als herkömmliche PCR-Tests im Labor – an denen Laborärzte und Hersteller gewiss auch kräftig verdienen.

Eine ähnliche Genauigkeit wie der PCR-Test werden Schnelltests wohl nie erreichen. Sie könnten dennoch eine ganz wichtige Funktion erfüllen, wenn man klarstellt, worin ihr Nutzen besteht und wo ihre Grenzen liegen. Eine Infektion mit Sars-CoV-2 lässt sich mit ihnen sicher nur bedingt nachweisen oder ausschließen. Aber sie könnten dennoch einen entscheidenden Beitrag leisten, und zwar als eine Art Türwächter gegen Corona. Es hat sich nämlich ergeben, dass sie genau da recht zuverlässig sind, wo die Situation am heikelsten ist. Zwar sei die Nachweisempfindlichkeit von Antigen-Tests bei Patienten, die weniger infektiös sind, „grottenschlecht“, sagte der Berliner Virologe Christian Drosten vor einiger Zeit in seinem NDR-Podcast. Er wies aber darauf hin, „dass bei den hochinfektiösen Patienten fast 75 Prozent positiv nachweisbar sind“. Und das seien die, „die schon richtig viel Virus im Hals haben“. Genau hier sehen Forscher die große Chance für ein Testverfahren, das eine ganz entscheidende Rolle in der Corona-Strategie für den Herbst und Winter spielen kann.

Ein Infizierter sei umso ansteckender, je höher die Viruslast sei, sagt die Chemikerin und YouTuberin Mai Thi Nguyen-Kim. Die wenig sensitiven, aber schnellen, günstigen Tests könnten also dazu beitragen, Menschen mit hoher Viruslast – also die ansteckendsten – verlässlich zu erkennen. „Die Personen, die der Test nicht erkennt, sind möglicherweise infiziert, aber haben eine geringe Viruslast und sind damit auch weniger ansteckend.“ Drosten sprach von einem Testformat für eine erste Entscheidungsfindung. „Das ist ein Test typischerweise für die Arztpraxis oder für den Nachtdienst im Krankenhaus, wo man ganz schnell eine Entscheidung kriegt, ist der Patient jetzt gefährlich?“ In dem Sinne: Kann der Patient in den normalen Warteraum oder muss er als infektiöser Patient isoliert werden?

Mai Thi Nguyen-Kim nennt ein anderes Beispiel: Falls es einen Corona-Fall an einer Schule gibt, könnte man an dieser Schule problemlos über einen gewissen Zeitraum alle testen, und zwar täglich, um hochinfektiöse Personen sofort herauszuziehen. Man müsste nichts weiter tun, als beim Eintritt in die Schule auf einen Test zu spucken. Vielleicht könnten solche Tests dazu beitragen, künftig sogenannte Superspreading-Ereignisse zu verhindern. Denn im Mai hatten Forscher geschrieben, dass 80 Prozent der Übertragungen durch nur etwa 10 Prozent der Infizierten ausgelöst werden.

Schnelltests können die herkömmlichen PCR-Tests zwar nicht ersetzen. Diese sind nach wie vor unverzichtbar, um Infektionen zuverlässig nachzuweisen. Aber sie könnten die PCR-Tests ergänzen, „um Leute an ihren ansteckendsten Tagen zu erwischen“, wie Mai Thi Nguyen-Kim sagt. Denn am ansteckendsten sei man, kurz bevor man Symptome bekomme. Man müsste präventiv und großflächiger testen. Auch Ärztekammerpräsident Klaus Reinhardt sagte: Durch Corona-Schnelltests ließen sich viel mehr Menschen in kurzer Zeit unkompliziert testen und Infektionsketten schneller unterbrechen. Wenn die Fallzahlen wirklich wieder deutlich nach oben gehen, kommt es darauf an, die Corona-Strategie mit massenhaften Tests dieser Art zu erweitern – natürlich mit klaren Hinweisen, was sie leisten können und was nicht.

Foto: Getty Images/koto_feja
Corona-Check:
Wir beantworten Ihre Fragen

Die Corona-Pandemie tritt derzeit in eine neue Phase. Das neuartige Virus prägt längst den Alltag jedes Einzelnen und wirft laufend Fragen auf – vom Schutz vor dem Virus bis zu den Spätfolgen der Infektion. Zusammen mit dem Online-Magazin Medwatch wollen wir Ihre Fragen beantworten.

Schreiben Sie an: coronacheck@berlinerverlag.com

Die Antworten auf ausgewählte Fragen – ohne dass wir die Namen der Fragesteller nennen – finden Sie fortan regelmäßig auf der Webseite der Berliner Zeitung in der Rubrik Gesundheit & Ökologie. Unterstützt wird diese Aktion durch die Robert-Bosch-Stiftung.