Das Dashboard der Johns Hopkins University, Ansicht vom Freitag.
Foto: Screenshot/Johns Hopkins University

Berlin/HalleEs ist geradezu ein Symbol der Corona-Pandemie geworden: das Covid-19-Dashboard. Es handelt sich dabei um eine interaktive, grafisch aufbereitete Übersichtswebsite im Internet, eine Art lebendiger Weltkarte, die in Echtzeit mit Daten aus aller Welt gespeist wird. Das bekannteste ist das Covid-19-Dashboard der US-amerikanischen Johns Hopkins University (JHU). Auf ihm kann man an sich verändernden roten Kreisen ablesen, wie sich die Fallzahlen in den Ländern entwickeln. Millionen Menschen blicken täglich auf diese Seite, vergleichen die Länderzahlen, ziehen Schlüsse daraus, diskutieren darüber. Zwei Zahlen stechen hervor: die der weltweit mit Sars-CoV-2-Infizierten – am 4. September waren es 26,3 Millionen. Und die der weltweit Verstorbenen: mehr als 869.300.

So eindrucksvoll dies auf den ersten Blick ist – es gibt Kritik an solchen Darstellungen. Aus der Zahl der positiv Getesteten geht nämlich nicht hervor, wie viele ernsthaft erkrankten und wie viele überhaupt keine Symptome hatten. Die ansteigenden Kurven hängen auch von der steigenden Zahl der Tests ab. Außerdem vermittelt die Zahl von 26,3 Millionen ein Gefühl der Gleichzeitigkeit, die gar nicht existiert. Auch die reine Zahl der Todesfälle lässt viele Fragen ungeklärt.

Dashboards lieferten „vereinfachte Erklärungen für sehr komplexe Probleme“, kritisiert Jonathan Everts, Professor für Anthropogeographie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Sie seien „das auffälligste kulturelle Artefakt“ der gegenwärtigen Corona-Pandemie. Erstmals in der Geschichte könne eine Pandemie nahezu in Echtzeit „als sich entfaltendes Notfallereignis über Daten, Karten und Grafiken erfahren werden“, schreibt er. Dabei entstehe jedoch ein verzerrtes, angstbesetztes Bild von der Pandemie.

Der Blick auf das Wesentliche – die Risikogruppen und „die kleinräumigen Muster der Pandemie“ – werde verdeckt. Außerdem stützten solche Darstellungen eine Politik, „die sich eher auf territoriale Ansätze auf staatlicher Ebene“ konzentriere als auf „internationale Zusammenarbeit, demokratische Beratung und lokale Fürsorge“. So schreibt es Jonathan Everts in einem auf Englisch verfassten Kommentar für das Fachjournal „Dialogues in Human Geography“. Damit richtet er sich vor allem an Fachkollegen, will aber auch die Öffentlichkeit zur Debatte anregen.

„Dashboards haben in der aktuellen Pandemie eine besondere Bedeutung“, sagt Everts im Gespräch mit der Berliner Zeitung. „Sie erzeugen durch Zahlen und Farben Dringlichkeiten in der medialen und öffentlichen Wahrnehmung, die dann auch einen Einfluss auf die politischen Reaktionen haben. Dashboards sind damit nicht passiv, sondern ein maßgeblicher Akteur im Ringen um den Umgang mit der Pandemie.“ Jonathan Everts ist Humangeograph und damit Vertreter eines Fachs, das in der bisherigen Corona-Debatte kaum zu Wort kam. Es befasst sich mit den komplexen räumlichen Mustern der Ausbreitung von Viren sowie den sozialräumlichen Folgen der Krise.

Zu Beginn der Pandemie war viel von der sogenannten Herdenimmunität die Rede. Etwa 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung müssten sich mit Sars-CoV-2 infizieren (oder geimpft werden), bevor die Ausbreitung des Virus zum Stillstand komme, sagten Virologen – Politik und Medien griffen es auf. Es entstand der Eindruck, als ob dies ein Prozess wäre, der sich rasant schnell und in alle Richtungen entwickelte. Epidemiologen modellierten Szenarien, die unter anderem zeigten, dass es ohne einschneidende Maßnahmen zur Abflachung der Kurve („Flatten the Curve“) im Sommer gleichzeitig zehn Millionen Infizierte, ein zusammenbrechendes Gesundheitssystem und mindestens 56.000 Tote geben könnte. Und zwar aufgrund einer exponentiellen Ausbreitung des Virus. So als ob „innerhalb eines bestimmten territorial definierten Raums die Krankheitslast von allen gleichermaßen geteilt wird“, wie Everts es ausdrückt.

Doch so sei es keineswegs. Denn das Muster von Covid-19 ähnele dem anderer Epidemien. Städte und Regionen mit hoher Bevölkerungsdichte seien – von Ausnahmen abgesehen – im Allgemeinen früher betroffen als ländliche und abgelegene Orte. Die Virusausbreitung rolle auch weniger von einem Ort zum nächsten. Sondern sie hüpfe und springe, lasse dazwischen Gegenden aus, bilde anderswo Cluster. Die Dashboard-Ansicht, an der sich auch Politiker orientierten, suggeriere jedoch einen territorialen Ansatz zur Bekämpfung der Pandemie, während die tatsächlichen Krankheitsereignisse einen lokaleren Ansatz erforderten und die schwersten Ausbrüche sogar nur an einzelnen Orten aufträten: in Krankenhäusern, Alters- und Pflegeheimen. Dies sei zu spät erkannt und berücksichtigt worden. „Das Infektionsgeschehen muss im Zusammenhang mit der Verwundbarkeit von Risikogruppen bewertet werden“, sagt Everts. „Das Vorgehen sollte sich aus dieser Perspektive nicht so sehr flächig, sondern vor allem lokal und teilweise extrem kleinräumlich an den Lebensorten der vulnerablen Personen ausrichten.“

Das Virus breitet sich in bestimmten gesellschaftlichen Gruppen und an bestimmten Orten besonders schnell aus. Doch Dashboards ignorieren diese Informationen, die wichtig sind, um das Virus eindämmen zu können und seine Ausbreitung zu verstehen. Everts gibt einige Beispiele: Norditalien, mit besonders vielen Covid-19-Todesfällen, weise etwa im internationalen Vergleich eine ungünstige demografische Zusammensetzung auf, mit einem sehr hohen Anteil gebrechlicher älterer Menschen. Beim Blick auf die verschiedenen Länder zeige sich wiederum, dass besonders ärmere Menschen und Angehörige ethnischer Minderheiten von Krankheit und Tod betroffen sind. Untersuchungen zeigten, dass unter den fünf Bezirken New Yorks die höchste Rate an Covid-19-Krankenhausaufenthalten und Todesfällen in der Bronx zu finden sind, dem ärmsten Gebiet mit dem höchsten Anteil an ethnischen Minderheiten. Britische Daten deuteten laut Everts darauf hin, dass in Großbritannien unter anderem Schwarze und Asiaten überproportional häufig an Covid-19 sterben. „Obwohl die Gründe bislang kaum bekannt sind, tragen höchstwahrscheinlich sozioökonomische Nachteile dazu bei“, schreibt Everts. Ein anderer Faktor der ungleichmäßigen Verteilung scheinen lokale Umweltbedingungen zu sein, wobei die Luftverschmutzung eine mögliche Determinante für höhere Krankenhausaufenthalts- und Todesraten sei.

Foto: Maike Glöckner/MLU
Zur Person

Jonathan Everts wurde 1979 in Stuttgart geboren. Seit 2018 ist er Professor für Anthropogeographie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich der Praxistheorie, Risikoforschung und der Regionalstudien. Everts studierte Geographie und Geschichte an der Universität Freiburg, wo er auch promovierte. Nach Stationen an der University of Sheffield und der Universität Bayreuth wechselte der Forscher nach Bonn. In seiner Habilitation 2015 befasste er sich mit Pandemie-Ängsten und dem gesellschaftlichen Umgang mit der H1N1-Influenza-Pandemie von 2009, der sogenannten Schweinegrippe. Jonathan Everts ist unter anderem Herausgeber des Handbuchs Praktiken und Raum.

Statt solche regionalen und sozioökonomischen Unterschiede widerzuspiegeln, fördern Dashboard-Darstellungen die Vorstellungen von einer sich in alle Richtungen gleichförmig ausbreitenden Katastrophe und einer nationalen Notlage, die Pandemie-Angst erzeugt. „Neu auftretende Infektionskrankheiten werden heute routinemäßig im Rahmen der nationalen Sicherheit, des Risikomanagements und der Erklärung nationaler Ausnahmezustände behandelt“, schreibt Everts. Er spricht von der Rückkehr des Nationalstaats im Umgang mit globalen Gesundheitsrisiken. Bei der H1N1-Pandemie, der sogenannten Schweinegrippe von 2009, habe die Weltgesundheitsorganisation (WHO) noch eine ganz klare Führungsposition übernommen. Es sei die bislang mildeste bekannte Pandemie in der Geschichte gewesen, und die WHO „musste sich zurückziehen und die Schuld dafür tragen, dass der Alarm zu laut und zu früh ausgelöst wurde“.

In der aktuellen Covid-Pandemie dagegen hätten die nationalen Gesundheitsbehörden und -politiker das Sagen. „Beispielsweise wurden die ursprünglichen Einwände der WHO gegen die Schließung von Grenzen oder eine Maskenpflicht ignoriert“, sagt Everts. Aufgabe einer globalen Gesundheitspolitik sei es, Risiken abzuwägen und eine ausgewogene Antwort in der jeweiligen Krisensituation zu finden. Durch die vielen nationalen Sonderwege in allen Schattierungen sei man davon wieder weiter weggerückt, „mit zahlreichen problematischen Folgen für vulnerable Gruppen in Deutschland wie an allen anderen Orten dieser Welt“.

Zu einer echten Pandemievorsorge gehöre, soziale und räumliche Ungleichheiten zu beseitigen, so Everts. Doch diese mühsame Arbeit sei vermieden worden. „Stattdessen wurde die öffentliche Gesundheit mit einer Faszination für Notfallszenarien erfüllt, die sich im militärischen Stil der Vorbereitung auf Pandemien zeigt.“ Bei der Bekämpfung der Pandemie gehe es den „Pandemie-Regierungen“ nicht darum, „in einer globalisierten und komplexen Welt Gesundheitsgerechtigkeit herzustellen“. Stattdessen sollen nationale oder regionale Territorien geschützt und die öffentliche Ordnung aufrechterhalten werden.

Kontrolle an der deutsch-polnischen Grenze in Görlitz in der Anfangsphase der Pandemie, März 2020. Der Forscher Jonathan Everts spricht von einer „Faszination für Notfallszenarien“.
Foto: imago images/Florian Gaertner/photothek.net

„Diese ausschließliche räumliche Strategie, mit dem Virus umzugehen, durch Lockdown, Schließung von Ländergrenzen, Einstellung von Flügen und Einschränkung von Mobilität, hätte zumindest besser diskutiert werden müssen“, sagt Jonathan Everts, auch was Deutschland betrifft. Man hätte sich genauer über die Folgen, die man damit in Kauf nimmt, bewusst werden müssen. „Die WHO musste Flugzeuge chartern, um wichtige Medizin in Gebiete zu bringen, die bisher über normale Flugverbindungen zu erreichen waren, zum Beispiel in Afrika“, sagt Everts. Durch die Einstellung des internationalen Flugverkehrs würden in großem Stil auch Leben gefährdet. „Das sind Entscheidungen, die wir über diesen nationalstaatlichen Zugang mitgetragen haben.“ Dies müsse man einfach sehen.

Durch ihre Konzentration auf nationalstaatliche Grenzen lassen Dashboards nicht einmal wirkliche Vergleiche der Covid-19-Sterblichkeit zu. Denn auch diese müssten regional und im Rahmen bestimmter vergleichbarer Gruppen (zum Beispiel pro 100.000 Menschen in der gesamten Bevölkerung) geschehen – und unter Berücksichtigung der verschiedensten Bedingungen. Stattdessen gibt es so etwas wie ein nationales Zahlen-Rennen.

Durch den Fokus auf einzelne Kennwerte wie sinkende Fallzahlen könnten Dashboards auch schnell den falschen Eindruck vermitteln, „die Krise sei zügig ausgestanden“, schreibt Jonathan Everts. Dabei gerieten jedoch die möglichen langfristigen Folgen der Pandemie und ihrer Bekämpfung aus dem Blick. Eine große Sorge gelte den Ländern, die durch die Pandemie Zukunftsprobleme bekommen hätten, schreibt Everts. „Dazu gehören beispielsweise Länder in Afrika, in denen aufgrund der Ausgangssperren und Kontaktverbote über lange Zeiträume Impfkampagnen unterbrochen wurden. Daraus resultieren gravierende Probleme für die kommenden Jahre.“

Everts kritisiert, dass die verallgemeinerten Dashboard-Ansichten zum Abflachen der Kurve nie offiziell überarbeitet worden seien. Dies habe dazu geführt, dass Krankenhäuser in einigen Regionen völlig überfordert waren, in anderen Regionen aber in finanzielle Nöte gerieten, weil Operationen und Behandlungen verschoben wurden und Betten leer blieben. Aus Angst vor einer Infektion – oder auch weil es nicht erlaubt war – hätten Menschen Routineuntersuchungen nicht wahrgenommen oder sich auch im Notfall nicht in die Klinik einliefern lassen. Bei der Konzentration auf die Sicht, die die Dashboards vermittelten, blieben solche Schäden verborgen, ebenso wie „gesellschaftliche Ungleichheiten, die durch die Pandemie noch weiter verstärkt oder ganz neu erschaffen werden könnten“.

Vielfach sei gesagt worden, dass in der ersten Phase der Ungewissheit der Lockdown geholfen habe, sagt Everts. Die gesellschaftlichen und gesundheitlichen Kosten der verlängerten Maßnahmen – zum Beispiel durch verschobene Operationen, nicht behandelte Herzleiden, psychologische Folgen – werde man erst über die Zeit abschätzen können. Zur Gegenwart sagt er: „Die aktuellen lokalräumlichen Ansätze, die sich stärker am tatsächlichen Infektionsgeschehen orientieren, scheinen angemessener zu sein, wenn es darum geht, Risikogruppen zu schützen und gleichzeitig nicht neue Ungleichheiten entstehen zu lassen beziehungsweise zu vertiefen.“

Was bedeutet die Kritik für die Zukunft der Dashboards? „In einer komplexen Situation ist es wichtig, Komplexität anzuerkennen“, sagt Jonathan Everts. „Dashboards müssten für den öffentlichen Gebrauch unbequemer und komplexer gestaltet sein, damit sie nicht zu einer einseitigen und verkürzten Interpretation der Lage führen.“