In dünn besiedelten Gegenden Brandenburgs haben viele Berliner Wochenendhäuschen.
Foto: Imago Images

BerlinIn der vergangenen Woche wurde viel darüber geredet, wann denn nun endlich wieder die Normalität zurückkomme. Die größte Sorge mancher Menschen in dieser Krise schien dabei zu bestehen, ob und wann sie in ihr Sommerhaus in Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern fahren können.

Ich dachte an dieses Buch aus den späten 90er-Jahren von Judith Herrmann mit dem Namen „Sommerhaus, später“. In dem Buch ging um junge privilegierte Menschen, die dran litten, dass sich das ihnen doch zustehende Glück und Erfolg nicht einstellten. Es wurde damals als Porträt einer Generation gefeiert. Diese Generation ist jetzt Mitte, Ende vierzig.

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Sommerhaus, später? Sommerhaus, bitte sofort! „Hier wird massiv in die Grundrechte eingegriffen! Wieso darf ich nicht in mein Sommerhaus fahren, wo ich mich weniger anstecke als hier im Hinterhof in der Stadt“, schrieb eine Frau auf Twitter. „Bei aller Vorsicht sollte jeder überlegen, was er nachvollziehbar findet, sonst werden wir eine Diktatur“, schrieb ein Mann, der auch auf seine Datsche wollte. „Unsere Berliner Kollegin versteckt sich in ihrem Zweitwohnsitz in der Prignitz, wo sie sich nicht mehr aufhalten darf, weil Menschen aus der Großstadt jetzt als Virenträger gelten“, schrieb der Spiegel.

Diktatur, Willkürherrschaft, Polizeistaat

Diktatur, Willkürherrschaft, Polizeistaat, das waren die Wörter, die gebraucht wurden. Der Geschichtsunterricht in den Schulen in diesem Land scheint nicht gut zu sein. Der Landkreis Ostprignitz-Ruppin, der besonders den Zorn der Großstädter auf sich zog, hat nicht eine Diskriminierungsanordnung gegen Berliner erlassen, wie der frühere Richter Thomas Fischer in der NZZ erläuterte, sondern darauf hingewiesen, dass in dem von vielen alten Menschen bewohnten, mit wenigen Krankenhausbetten ausgestatteten Kreis viele wohlhabende Berliner Wochenendhäuser besitzen und angeordnet, diese vorübergehend nicht zu benutzen.

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Die Verordnung wurde inzwischen gekippt. Brandenburg hat darum gebeten, größere touristische Ausflüge zu vermeiden. Aber kleine Trips nach Brandenburg, wie Spaziergänge oder Radtouren, sind nicht verboten. Der Besuch der Datsche ist erlaubt. Viele Berliner scheinen Brandenburg als ihr Gut anzusehen, allein schon die Möglichkeit einer Besuchseinschränkung empfinden sie als Beleidigung. Um sich über ein Besuchsverbot des Landsitzes aufzuregen, muss man erst einmal einen haben. Doch was für ein Privileg es ist, zwischen Wohnsitzen entscheiden zu können, scheint vielen gar nicht bewusst zu sein. Es gehört eben zum Lebensstil dazu, ein Häuschen in Brandenburg.

Ostprignitz auf Englisch

Ich denke an meine Mutter in Brandenburg, die schwer krank ist und die uns gebeten hat,  Ostern nicht zu kommen. Ich denke an meine Schwiegermutter in Cornwall, Südengland. Lebensmittel und Medikamente bringen ihr Freiwillige von der Kirche vorbei.
Viele Häuser in ihrer Stadt und in der idyllischen Umgebung gehören dort reichen Londonern, die trotz Ausgangssperre aus der Corona-geplagten Stadt fliehen. Das mache viele Einheimische wütend, erzählt meine Schwiegermutter. In einigen Fällen hätten sie schon die Polizei gerufen. Schon zu Normalzeiten seien die Krankenhäuser überlastet. Ostprignitz-Ruppin auf Englisch. Sie habe auch Angst, sagte meine Schwiegermutter, sie ist 82 Jahre alt. An dem Tag, an dem wir telefonieren, sterben eintausend Menschen in den englischen Krankenhäusern. Ihr habt so ein Glück in Deutschland, flüstert meine Schwiegermutter.

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