Die Leopoldina-Experten sprechen sich für eine Masken-Pflicht etwa in Bussen und Bahnen aus.
Foto: Sebastian Wells/OSTKREUZ

HalleAuf dieses Papier hat die Bundespolitik gewartet: Am Ostermontag hat die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina eine 18-seitige Stellungnahme zum Überwinden der Corona-Krise veröffentlicht. Darin empfehlen die Experten, unter bestimmten Voraussetzungen so bald wie möglich Grundschulen und die Sekundarstufe I – also weiterführende Schulen bis zu den Klassen 9 und 10 – wieder zu öffnen. Für Kindertagesstätten gilt das nicht. Zuerst sollten außerdem Einzelhandel und das Gastgewerbe wieder öffnen können. In „bestimmten Bereichen wie dem öffentlichen Personenverkehr“ solle das Tragen von Mundnasen-Schutzmasken Pflicht werden, schreibt die Akademie weiter.

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Die Einschätzung der Forscher hat in der Politik besonderes Gewicht, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte die Studie der Leopoldina als „sehr wichtig“ für das weitere Vorgehen bezeichnet. Die  Corona-Verordnungen der Bundesländer laufen mit dem 19. April aus. Die Länderchefs müssen in dieser Woche Anschlussregeln erlassen. Am Mittwochmittag  werden erste, konkrete Antworten erwartet, wenn Kanzlerin Merkel sich in einer Telefonkonferenz mit den Ministerpräsidenten bepricht.

Die Nationale Akademie der Wissenschaften  berät Politik sowie Öffentlichkeit und vertritt auch die deutsche Wissenschaft im Ausland. Die  nach eigener Aussage rund 1.600 Mitglieder starke Akademie zählte zu ihren Mitgliedern  Marie Curie, Albert Einstein, Johann Wolfgang von Goethe und Max Planck.

Die interdisziplinär arbeitenden Experten warnen in ihrem Papier vom Montag, dass die Pandemie das öffentliche Leben noch auf Monate bestimmen werde. Es gelte dennoch, Kriterien und Strategien zur „allmählichen Rückkehr in die Normalität“ zu entwickeln. Sie empfehlen  eine allmähliche Lockerung der Einschränkungen in der Corona-Krise nur unter bestimmten Voraussetzungen: Die Neuinfektionen müssten sich auf niedrigem Niveau stabilisieren, das Gesundheitssystem dürfe nicht überlastet werden, Infizierte müssten zunehmend identifiziert und die Schutzmaßnahmen diszipliniert eingehalten werden.

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Kleinere Gruppen statt Klassen, Unterricht und Pausen zeitversetzt

Weil die Corona-Krise im Bildungsbereich zu massivem Leistungsabfall geführt sowie soziale Ungleichheit verschärft habe, empfehlen die Leopoldina-Forscher als erste Schritte zurück in die Normalität die Wiedereröffnung der Bildungseinrichtungen. Da jüngere Schüler stärker auf Betreuung angewiesen seien, „sollten zuerst Grundschulen und die Sekundarstufe I wieder schrittweise geöffnet werden“. Ältere Schüler könnten digital wie analog eigenständiger lernen, eine „Rückkehr zum gewohnten Unterricht“ empfiehlt die Leopoldina bei ihnen deswegen erst später.

Da kleinere Kinder sich nicht an die Distanzregeln halten könnten, gleichzeitig aber die Infektion weitergeben, „sollte der Betrieb in Kindertagesstätten nur sehr eingeschränkt wiederaufgenommen werden“. Für alle Einrichtungen, die den Betrieb wieder aufnehmen, müssten strenge Regeln gelten: Klassen sollen in kleinere Gruppen von maximal 15 Schülern aufgeteilt, Unterricht und Pausen zeitversetzt stattfinden.

Einzelhandel, Gastgewerbe und Behörden sollen zuerst wieder öffnen

Weiter schreiben die Wissenschaftler, dass „zunächst zum Beispiel der Einzelhandel und das Gastgewerbe wieder öffnen“ sowie der Publikumsverkehr in den Behörden wiederaufgenommen werden könne.  Dienstlich wie privat könnte unter Beachtung der genannten Schutzmaßnahmen gereist werden.

In den Empfehlungen heißt es unter dem Punkt „Wirtschafts- und Finanzpolitik zur Stabilisierung nutzen“, staatliche Beteiligungen sollten nur im äußersten Notfall zur Stabilisierung von Unternehmen eingesetzt werden. Mit dem Auslaufen der jetzigen gesundheitspolitischen Maßnahmen würden mittelfristig weitere expansive fiskalpolitische Impulse notwendig sein. Die Krise erfordere in höchstem Maße ein europäisch-solidarisches Handeln.

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Kritik: Datenerhebungen zu Corona-Infektionen in Deutschland liefern „verzerrte Wahrnehmung"

Die Forscher kritisieren außerdem, dass die Datenerhebung zu Corona-Infektionen und -Immunität in Deutschland „substanziell zu verbessern“ sei. Zurzeit werden in Deutschland vor allem Corona-Verdachtsfälle getestet, die auch Symptome aufweisen. Die Experten der Leopoldina weisen darauf hin, dass Covid-19-Fälle schon fünf bis sechs Tage vor Auftreten erster Symptome infektiös sind und ein substantieller Teil der infizierten Population kaum bis gar nicht erkrankt.  

Die „stark symptomgeleiteten Erhebungen“ führten zu einer „verzerrten Wahrnehmung des Infektionsgeschehens“, die Effizienz von Maßnahmen könne so nicht beurteilt werden. Die Akademie empfiehlt   „repräsentative und regionale Erhebungen“, die „in Echtzeit“ verarbeitet werden und so verlässlichere Kurzzeitprognosen ermöglichen sollen.

Berlins Regierender Müller: „Erste Schritte besonders in Bereichen Schule und Einzelhandel wichtig“

Am Wochenende preschte ein Bundesland in der Frage nach Lockerungen bereits vor: Armin Laschet (CDU), Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, forderte  einen  „Fahrplan, der uns den Weg in eine verantwortungsvolle Normalität zeigt“. Der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zufolge legte Laschet bereits am Samstag Bundeskanzlerin Angela Merkel und den Länderchefs eine entsprechende Ausarbeitung unterschiedlicher Autoren aus NRW vor, darunter Verfassungsrechtler, Wirtschaftswissenschaftler und Virologen.  

Der rot-rot-grüne Senat in Berlin hingegen wartet auf die Schalte mit der Kanzlerin am Mittwoch. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) teilte am Montag mit, man diskutiere im Senat, wann man das Leben in Berlin wieder hochfahren könne. „Ich halte erste Schritte besonders in den Bereichen Schule und Einzelhandel für wichtig.“ Sicher sei, dass es „keinen Tag X“ geben werde, an dem Berlin wieder „auf Normalbetrieb gestellt“ werde, so Müller. „Das ist noch ein langer Weg.“ Eventuelle Lockerungsmaßnahmen werde man mit Bund und Ländern besprechen.

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Die Mehrheit der Deutschen ist laut einer aktuellen Umfrage zurzeit gegen eine Lockerung des Kontaktverbots. In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur plädierten 44 Prozent für eine Verlängerung der Maßnahmen über den 19. April hinaus, 12 Prozent sind sogar für eine Verschärfung. Nur 32 Prozent sind für eine Lockerung und 8 Prozent für eine Abschaffung der von Bund und Ländern beschlossenen Einschränkungen.

Die Berliner Polizei löste am Sonnabend zwei Demonstrationen – eine in Mitte, eine im Wedding – auf. Mit Stand vom Montag stellt die Polizei bisher insgesamt 1.058 Straftaten und 1.514 Ordnungswidrigkeiten als Verstöße gegen das Infektionsschutzgesetz fest. Polizei-Sprecher Stefan Petersen sagte der Berliner Zeitung am Montag, dass sich die Berliner trotz Ostern und des schönen Wetters größtenteils an die Einschränkungen gehalten hätten. „Die Berliner sind weiterhin einsichtig.“

Berlins Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement, Sawsan Chebli, hingegen kritisierte am Montag, sie sehe wieder größere Menschenansammlungen und vollere Parks. Chebli warnte: „Eins müssen alle kapieren: Jede Lockerung setzt voraus, dass wir bleibende Einschränkungen absolut befolgen.“