Datenanalysen und Forschungsergebnisse aus Laboren waren selten so relevant wie in der Corona-Krise
Foto: dpa/Peter Steffen

BerlinSelten war der Rat der Wissenschaften in Landes- wie Bundespolitik so hochgeschätzt wie in der Coronakrise – und auch in der Öffentlichkeit war ihre Meinung noch nie so gefragt. Das Robert Koch-Institut streamt seine Pressekonferenzen zum jüngsten Stand der Corona-Krise live, Tausende Nutzer kommentieren, teilen und liken die Videos in den sozialen Medien. Charité-Virologe Christian Drosten wird für seinen Podcast zum Coronavirus in manchen Kreisen wie ein Popstar verehrt.

Auch am Mittwoch wird der Rat von Wissenschaftlern zentral sein und vermutlich ausschlaggebend für die Frage, ab wann und vor allem wie genau die Politik das öffentliche Leben in Deutschland und Berlin wieder hochfahren wird. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die 16 Ministerpräsidenten beraten dann in einer Telefonkonferenz, wie die rigiden Beschränkungen für die Bevölkerung Schritt für Schritt gelockert werden können.

Empfehlungen von allen Seiten

Dabei werden die Politiker begleitet, unterstützt und beeinflusst – und zwar von einer Vielzahl an wissenschaftlichen Stellungnahmen, Empfehlungen und Studien von Gelehrtennetzwerken, Verbänden, Instituten, Universitäten und eigenen wissenschaftlichen Mitarbeitern im Bundestag und Ministerien.

Auch einzelne Bundesländer haben Arbeitsgruppen von Wissenschaftlern mit der Suche nach dem richtigen Rezept für den Exit aus dem Shutdown beauftragt – in Nordrhein-Westfalen beispielsweise ließ Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) ein eigenes Papier anfertigen, das er der Kanzlerin und den Landeschefs weiterreichte.

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In dieser Vielzahl von Stimmen gibt es einige, die die Politik stärker beeinflussen, die größeres Vertrauen genießen als andere. Kanzlerin Merkel beispielsweise betonte selbst, dass sie großen Wert auf die Einschätzung der Leopoldina-Akademie legte. Wir stellen drei wichtige Akteure vor und ihre Analysen zur Corona-Krise und zu möglichen Lockerungen. Eines betonen im Übrigen zurzeit alle Wissenschaftler: Wir empfehlen – die Politik entscheidet. Am Ende wird selten der reine Expertenweg eingeschlagen.

Das sagen die Wirtschaftsanalysten

Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (Ifo) plädiert nicht für eine schnelle Lockerung der Maßnahmen.
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Die Institution: Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (Ifo) nennt als Forschungsleitthema: „Die Analyse der Rolle staatlichen Handelns für die nachhaltige Wahrung und Steigerung wirtschaftlichen Wohlstands und gesellschaftlichen Zusammenhalts.“ Gegründet wurde das Ifo 1949. Es ermittelt unter anderem monatlich den Ifo-Geschäftsklimaindex, einen Frühindikator für die Konjunkturentwicklung in Deutschland.

Weitere Handlungsfelder: Forschung, Service, Information, Nachwuchsförderung, Beteiligung an öffentlichen Debatten. Das Ifo ist der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München angegliedert. Präsident Clemens Fuest ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der LMU und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirates beim Bundesfinanzministerium. Er gilt als einer der einflussreichsten Ökonomen Deutschlands.

Die Empfehlungen: Anders als man es angesichts der Folgen der Coronakrise für die Wirtschaft erwarten könnte, plädiert das Ifo nicht für eine schnelle Lockerung der Einschränkungen. „Eine Weiterentwicklung der jetzigen Maßnahmen kann nicht darin bestehen, sie mehr oder weniger schnell aufzuheben“, schreiben die Forscher in ihrer Strategieempfehlung. Sonst „könnte sich das Virus in der weitgehend nicht immunen Bevölkerung erneut sehr rasch ausbreiten und eine große Zahl schwerer Erkrankungen verursachen“.

Zu den Empfehlungen des Helmholtz Zentrums für Infektionsforschung, das auf das Ifo verweist, bestehe kein Widerspruch, sagt Andreas Peichl, einer der Autoren des Ifo-Strategiepapiers, der Berliner Zeitung. „Beschränkungen können nur gelockert werden, wenn die medizinischen Voraussetzungen gegeben sind.“ Der Volkswirt rechnet damit, dass die geltenden Maßnahmen noch um eine oder zwei Wochen verlängert werden, bevor man sie schrittweise lockern oder aufheben kann.

Differenzierung nach Region notwendig

Bei der Öffnung von Betrieben haben für das Ifo Produktionsstätten von Schutzkleidung, Desinfektionsmitteln und Medikamenten Vorrang. Folgen könnten andere Unternehmen, wenn sich dort die Abstands- und Hygieneregeln umsetzen lassen.

Die Ifo-Forscher sprechen sich außerdem für eine verhältnismäßig schnelle Öffnung von Grundschulen und Kindertagesstätten aus. Die Schließung von Bildungseinrichtungen habe mehrere Nachteile, sagt Peichl. So könnten Eltern, die ihre Kinder daheim betreuen, nur eingeschränkt arbeiten. Auch ergebe sich eine Schieflage in der Bildungsgerechtigkeit. Denn „zu Hause sind Kinder den Bildungsungleichheiten des Elternhauses ausgeliefert“. Ältere Schüler und Studenten könnten eher auf digitale Bildungsangebote zurückgreifen.

Das Ifo empfiehlt zudem eine Differenzierung nach Regionen. „In München, wo es relativ viele Coronafälle gibt, werden die Einschränkungen wohl länger gelten und strenger sein als in ländlichen Gegenden, wo nur wenige Fälle aufgetreten sind“, sagt Peichl. Nötig seien möglichst flächendeckende Antikörpertests, „damit klar wird, wie viele Menschen immunisiert sind, weil sie schon mit dem Virus infiziert waren – viele möglicherweise ohne es zu merken.“

Das sagen die Naturwissenschaftler

Die Helmholtz-Gemeinschaft richtet sich nach der zeitabhängigen Reproduktionszahl.
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Die Institution: Die Helmholtz-Gemeinschaft ist ein Zusammenschluss aus 19 naturwissenschaftlich-technischen und medizinisch-biologischen Forschungszentren in Deutschland. Gemessen an der Mitarbeiterzahl (40.000) und dem Jahresbudget (4,8 Milliarden Euro) ist sie die größte Wissenschaftsorganisation Deutschlands.

Als Ziel hat sich die Gemeinschaft gesetzt, „langfristige Forschungsziele des Staates und der Gesellschaft zu verfolgen und die Lebensgrundlagen des Menschen zu erhalten und zu verbessern“. Zu etwa 70 Prozent wird die Forschungsgemeinschaft von Bund und Ländern finanziert, den Rest werben die Zentren über Drittmittel ein.

Die Empfehlungen: Im Falle des Coronavirus hat die Helmholtz-Gemeinschaft unter der Federführung des Helmholtz Zentrums für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig eine Stellungnahme entwickelt. Dabei sei „das übergeordnete Ziel, den sukzessiven Ausstieg aus den Kontaktbeschränkungen zu erreichen, ohne die erreichten Zwischenziele zu gefährden und ohne die Kontrolle über das Virus zu verlieren“.

In ihrer Analyse richten sich die Forscher um den Physiker Michael Meyer-Hermann, Leiter der Abteilung Systemimmunologie am HZI, nach dem Verlauf der zeitabhängigen Reproduktionszahl (Rt). Die Größe gibt an, wie viele Menschen durch eine erkrankte Person durchschnittlich infiziert werden. Der aktuelle Rt-Wert in Deutschland liegt bei 1. Zu Beginn der Pandemie habe er, so schreiben die Forscher, zwischen 3 und 5 gelegen. Daher könne der jetzige Stand bereits als Erfolg der Maßnahmen der vergangenen drei Wochen gewertet werden.

Trotzdem warnen die Forscher davor, die Beschränkungen jetzt schon zu lockern. Bei einem Rt-Wert von 1, so rechnen sie vor, wären bundesweit ein Jahr lang dauerhaft 10.000 Intensivbetten mit Covid-19-Patienten belegt. Das könne das deutsche Gesundheitssystem gerade so verkraften.

Reproduktionszahl: Ein klarer Zielwert

Allerdings wäre so nach einem Jahr nur etwa ein Prozent der Bevölkerung mit dem Virus infiziert. „Eine Immunisierung der gesamten Bevölkerung ist unter Einhaltung der Kapazitäten des Gesundheitssystems nicht zu erreichen“ schreiben die Wissenschaftler. Stiege der Wert aber wieder an, läge die Zahl der Intensivpatienten innerhalb weniger Monate in den Hunderttausenden. Das wiederum würde das Gesundheitssystem überfordern.

Das Ziel müsse sein, die Reproduktionszahl auf Werte deutlich unter 1 zu senken. Damit wäre die Ausbreitung des Virus nach Ansicht der Braunschweiger Forscher innerhalb von ein bis zwei Monaten gestoppt. Die Wissenschaftler stellen daher eine kurzfristige Verschärfung der geltenden Einschränkungen zur Diskussion. Je strikter die Maßnahmen seien, desto schneller werde der Zielwert erreicht.

Als Zeitrahmen empfehlen die Forscher, die Kontaktbeschränkungen drei weitere Wochen fortzuführen und dann schrittweise aufzuheben. Dringend nötig sei außerdem eine deutlich ausgeweitete Test-Strategie, um neue Corona-Fälle früh entdecken und im Zweifelsfall gegensteuern zu können.

Das sagt die Gelehrtengesellschaft

Die Leopoldina legen sich nicht auf ein Datum fest.
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Die Institution: Die Leopoldina ist eine der ältesten Wissenschaftsakademien der Welt. 1652 wurde sie von vier Ärzten gegründet. 2008 wurde sie zur Nationalen Akademie der Wissenschaften Deutschlands ernannt. Ihr Sitz liegt in Halle. Prominente Mitglieder der Leopoldina waren Marie Curie, Charles Darwin, Albert Einstein und insgesamt 170 Nobelpreisträger.

Seit 2008 ist ihre Aufgabe auch, Bundespolitik und Öffentlichkeit zu gesellschaftlich relevanten Zukunftsthemen zu beraten. Sie soll informieren und die deutsche Wissenschaft im Ausland vertreten. Schirmherr ist der Bundespräsident.

Dem Bundesforschungsministerium sowie der Leopoldina zufolge wird die Gelehrtengesellschaft vom Bund und dem Land Sachsen-Anhalt im Verhältnis 80:20 finanziert. Die Akademie arbeitet nach eigener Aussage unabhängig sowie dem Gemeinwohl verpflichtet und hat 1600 Mitglieder aus rund 30 Ländern und „nahezu allen Wissenschaftsbereichen“. Die meisten tragen Professorentitel.

Die Leopoldina lässt zu relevanten Themen von interdisziplinären Experten-Arbeitsgruppen sogenannte Stellungnahmen für die Öffentlichkeit erarbeiten. Zum Thema Corona äußerte sich die Akademie am Montag zum dritten Mal in dieser Form. Die Papiere seien „Ergebnis eines komplexen Diskussionsprozesses“, so die Leopoldina. Beim Corona-Papier vom Montag arbeiteten 26 Professoren zusammen, wovon nur zwei Frauen sind. Unter den Autoren: Heyo Kroemer, Chef der Berliner Charité – und Clemens Fuest, Präsident des Ifo-Instituts (siehe „Die Wirtschaftsanalysten“).

Die Empfehlungen: Die Leopoldina-Forscher legen sich nicht auf ein Datum fest. Sie betonen, dass die Voraussetzungen für Lockerungen der Corona-Beschränkungen stimmen müssen: So müsse sich zum Beispiel die Zahl der Neuinfektionen auf niedrigem Niveau stabilisieren, es müssten neue Schutzmaßnahmen erlassen, die Datenbasis verbessert und die schon bestehenden Abstandsregeln von der Bevölkerung weiterhin strikt eingehalten werden – dann erst könne das öffentliche Leben wieder hochgefahren werden.

Zu den neuen Schutzmaßnahmen, die die Leopoldina empfiehlt, zählt eine Maskenpflicht in „bestimmten Bereichen des öffentlichen Raums“, in denen der Mindestabstand von 1,5 Metern kaum eingehalten werden kann. Mund-Nasen-Schutzmasken sollten laut Leopoldina demnach zum Beispiel im Öffentlichen Nahverkehr und den Schulen verpflichtend werden.

Strenge Regeln in Schulen

Als erstes sollen nach Empfehlung der Leopoldina Schulen bis zu den Klassen 9 und 10 wieder öffnen. Das aber nur mit strengen Regeln: Klassen sollen in kleinere Gruppen von maximal 15 Schülern aufgeteilt, die Abstandsregeln in den Räumen ständig gewahrt werden, Unterricht und Pausen zeitversetzt stattfinden. Logistisch unmöglich, kritisierten in Berlin Politiker wie Eltern.

Der Betrieb in Kitas hingegen soll „nur sehr eingeschränkt“ wiederaufgenommen werden – die Kinder seien zu klein, um sich an die Distanzregeln zu halten, sie gäben aber das Virus weiter. Weiterhin sollen zuerst der Einzelhandel, das Gastgewerbe und die Behörden wieder öffnen.

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