HAMBURG, im November. "Hast du ,Mulan schon gesehen?" fragt sie und läßt sich Feuer geben. Ähm. Nein, noch nicht. "Solltest du aber, wenn du dich mit mir zum Interview verabredest." Zum Glück lächelt sie, als sie sehr gekonnt den Rauch ausatmet. Das war zu befürchten. Eigentlich müßte man sich mit Cosma Shiva Hagen über Disney und chinesische Drachen unterhalten. Vor ein paar Tagen ist der neue Trickfilm "Mulan" angelaufen, in dessen deutscher Fassung sie die Titelfigur spricht. Auch Erwin Strittmatter und die Verfilmung seines Romans "Der Laden" wären ein Thema. Die Schauspielerin ist hier in ihrer ersten wichtigen Fernsehrolle zu sehen, und sie macht das ganz wunderbar. Doch am Ende läuft es auf eine Frage hinaus: Ist Cosma Shiva genauso verrückt wie ihre Mutter? Schließlich gibt es ErbanlagenIhre Mutter heißt Nina Hagen, wofür die 17jährige Tochter nichts kann. Und weil ihre Mutter zugleich die Mutter der Punkbewegung ist und vor Jahren sogar ein Weltstar war, bevor sie sich zur führenden UFO-login ernannte, muß sich Cosma Shiva immer wieder mit ihr vergleichen lassen. Das bürgerschreckliche Image, das sich Nina Hagen in jahrelanger Arbeit als Selbstdarstellerin erworben hat, wirft seinen Schatten auf die Tochter. Schließlich gibt es Erbanlagen. Der Kontakt zum kosmischen Kind läßt sich überraschend einfach herstellen. "Cosma Hagen hier", meldet sich am Telefon eine Stimme, die ein bißchen norddeutsch klingt: "Wir können uns morgen Mittag treffen, ich habe vorher einen Arzttermin, wie wäre es um 14 Uhr im Hotel ,Madison ." Am nächsten Tag gegen 13.55 Uhr informiert uns die Dame an der Rezeption, daß "eine Frau Hagen" angerufen habe. Sie bitte um Geduld. Gegen 14.30 Uhr, der Fotograf hatte soeben die Hotelbar nach seinen Vorstellungen umräumen lassen, meldet sich Cosma Hagen persönlich: "Sorry, können wir uns auch woanders treffen?" Ihr Vorschlag lautet "irgendwo auf dem Bahnhof Altona aber ich weiß gar nicht, wie ihr ausseht." Das könnte problematisch werden. Wir einigen uns darauf, sie von zu Hause abzuholen. Sie kommt die Treppe heruntergerannt und sieht aus, wie Mädchen ihres Alters aussehen. Das immer noch kindliche Gesicht sorgfältig geschminkt, Spangen im Haar. Alles an ihr ist schwarz. Sie trägt eine Hose mit Seitentaschen, wie es gerade modern ist, große Turnschuhe und ein Jäckchen um die nackten Schultern. Die ersten Schneeflokken fallen. Aber das macht nichts. Sie zieht den Kopf ein, guckt mit ihren schwarzen Augen nach oben und zittert. "Ich habe mir gestern die Haare gefärbt", sagt sie zur Begrüßung. Sie schimmern rötlich. Cosma Shiva Hagen besitzt diese seltsame Eigenschaft, mit einer einzigen Bemerkung mehr als nur anwesend zu sein. Wo sie auftaucht, zieht sie Blicke auf sich, wie ein Magnet Stecknadeln. Kammeramänner und Regisseure lieben das, Fotografen auch. Das Kuddelmuddel mit dem Treff im Hotel klärt sich auf. Dort wohne zur Zeit "eine Person", der sie aus dem Weg gehen will, sagt die Schauspielerin. So, wie sie das Wort "Person" betont, verbietet sich jede Nachfrage. Seit eine Zeitung ihre Beziehung zu einem Film-Kollegen veröffentlicht hat, schützt Cosma ihr Privatleben. "Was ich außerhalb der Arbeit mache, geht niemanden etwas an", sagt die 17jährige. Vielleicht ist Cosma Hagen ein bißchen schneller erwachsen geworden, als andere Mädchen. Sie hatte nicht viel Zeit dazu. Als sie am 17. Mai 1981 in Santa Monica, einem Vorort von Los Angeles, zur Welt kommt, beschäftigt sich die zuständige Presse ausfühlich mit diesem Ereignis. Die "Bravo" interviewt ihre 26jährige Mutter und veröffentlicht das Gespräch unter der Überschrift "So süß ist das Baby von Horror-Nina". Nina Hagen, die nach eigenen Angaben einen Messias gebären wollte, erklärt, was es mit dem seltsamen Namen auf sich hat: "Also Shiva heißt im Indischen ,Die Umwandlung vom Menschen zum höheren Wesen . Und Cosma ist direkt aus dem Kosmos - was ist daran schlimm ... Die hat Haare an den Ohren, sieht aus wie von nem anderen Planeten." Eine Zeitlang dachte Cosma, sie sei der einzige Mensch, der diesen Namen trägt. Bis sie mit sieben Jahren auf einem Flughafen ein Mädchen traf, das auch so hieß. Cosma war enttäuscht. Eine Freundin hat sie damals getröstet. Es gäbe ja auch mehrere Mädchen, die Janette heißen. Das klang einleuchtend. Ihre Freundin hieß Janette.Auf David Bowies ArmNach dem Start in Los Angeles, wo auch mal David Bowie und Dolly Parton das Baby auf dem Arm wiegen durften, ging es im Dauerlauf um die Welt. "Ich glaube zuerst sind wir nach London", erzählt Cosma, "dann nach Paris, dann kam Amsterdam, dann Hamburg, dann ein bißchen Berlin und zwischendurch Ibiza. Die Reihenfolge kann aber auch anders gewesen sein." Nun sind das nur die relativ festen Bezugspunkte im Hagenschen Universum. Zwischendurch gab es ausgedehnte Tourneen. Cosma machte den Soundcheck und schmierte Stullen für die Musiker. Der Bandbus war ihr Zuhause, der Punk ihre Heimat. In neun Jahren hat Cosma 15 Schulen besucht. "Ich war immer die Neue, die Neue, die Neue, immer mußte ich wieder weg." Mit Zwölf ist sie aus dem Zirkuswagen ausgestiegen und in Hamburg seßhaft geworden. "Ich fand es toll, daß Freunde von mir eine richtige Wohnung hatten und jahrelang in derselben Straße lebten." Sie hat sich selbstständig einen Internatsplatz in der Nähe von Lüneburg gesucht und beim Direktor vorgesprochen. Erst als alles klar war, wurde ihre Mutter informiert. Schon 1987 konnte Nina Hagen in einem Interview mit der ZEIT berichten: "Ich habe eine Tochter, Cosma, die ist sechs, und die macht, was sie will." Nach dem Hauptschulabschluß war Cosmas Lernoffensive zu Ende: "Ich kann lesen und schreiben, und ich spreche vier Sprachen, das ist doch schon eine ganze Menge." Das Mädchen vom anderen Planeten ist in Hamburg auf die Erde gefallen. Abgefedert wurde Cosmas Landung im wirklichen Leben von ihrer Großmutter Eva-Maria Hagen. Bei ihr durfte sie wohnen. Sie hat ihr geholfen, den ersten Fernseh-Job zu bekommen, eine winzige Rolle in dem Jugendfilm "Crash Kids". Sie hatte nur einen Satz zu sagen: "Bist du auch so allein." Und so läßt sich die Flugbahn der Cosma Hagen aus den galaktischen Weiten über Los Angeles zurückverfolgen nach Hamburg und Ostberlin, wo ihre Mutter Nina Hagen im März 1955 geboren wurde. Als sie zwei Jahre alt war, trennten sich die Eltern, ihr Vater Hans Hagen war ein erfolgreicher Szenarist bei der DEFA, ihre Mutter Eva-Maria eine der populärsten Schauspielerinnen in der DDR. Nach der Scheidung lebte Eva-Maria fast zehn Jahre mit dem Liedermacher Wolf Biermann zusammen, dem sie ein Jahr nach dessen Ausbürgerung 1977 in den Westen folgte. Auch Nina reiste aus, und gründete die Nina Hagen Band, die vom Spiegel zu einer der "heißesten europäischen Gruppen nach den Sex Pistols" gekürt wurde.Im letzten Sommer hat Cosma jene Briefe gelesen, die sich Eva-Maria Hagen und Wolf Biermann im Jahrzehnt ihrer Liebe geschrieben haben. Festgehalten sind dort sieben Jahre Leben, die mehr über die DDR erzählen, als manches Geschichtsbuch. "Was meine Oma alles schon erlebt hat, sie war ja wohl die Marilyn des Ostens", sagt Cosma, für die sich ein Bild der DDR ganz allmählich aus Erzählungen wie dieser von Eva und dem Wolf zusammenfügt. Auch bei Wolf Biermann hatte sie nach ihrer Ankunft in Hamburg eine Weile gewohnt.Wenn Cosma bei Dreharbeiten Handwerker der DEFA trifft, die ihr sagen, daß sie schon mit ihrer Oma gearbeitet haben, ist sie "stolz, vom Hagen-Clan dabeizusein". Obwohl sie nie so etwas machen wollte. "Dieses Leben war normal für mich, Künstler sein und Promis um sich herumhaben. Ich dachte, so was brauchst du nun auf gar keinen Fall." Es kam anders. Der Hagen-Clan bringt aber auch Probleme. Probleme, von denen andere junge Schauspielerinnen träumen. Die Angebote stapeln sich, doch immer bohrt die Frage: Wollen die wirklich mich? Sie kann es nicht mehr hören, wenn Produzenten stammeln: "Paß mal auf Nina, äh Cosma, das muß jetzt ganz schnell gehen " Dann blockt sie ab. Jo Baier, der Regisseur vom "Laden" hat nach den Probeaufnahmen gesagt: Probieren wir es miteinander, Frau Shiva. "Der wußte nicht, wer ich bin", sagt Cosma, "und er hat mich genommen." Sie möchte glauben, daß es so war. Gesucht hatte Baier nach einem Mädchen mit der Ausstrahlung einer Nastassia Kinski aus der "Reifeprüfung". Die Rolle ist mit Cosma Hagen charmant besetzt. Im zweiten Teil des Films spielt sie das jüdische Mädchen Ilonka Spadi, das der Hauptfigur Esau Matt den Kopf verdreht. Gleich am ersten Drehtag hatte sie eine "Nacktszene", in der sie Esau lockt und dann doch nicht nimmt. Das hat ihr gefallen. "Diese Szene mußte wirklich sein, weil Mädchen genau so sind, erst mal gucken, ob man begehrt wird, und dann, nichts wie weg." Zwei Filme mit Ulrich MüheAm Anfang hatte sie Schwierigkeiten zurechtzukommen. Alle haben geguckt, was "die kleine Hagen" macht. So ist es ihr jedenfalls vorgekommen. "Einmal bin ich rausgerannt und habe geschrien: So kann ich nicht arbeiten." Heute ist ihr das peinlich. "Nach einer Woche bin ich immer netter geworden und habe mich auch bei allen entschuldigt."Es sieht so aus, als ob ihr dieses Roulette aus Serienrollen und immer wieder Serienrollen mit der einen vagen Hoffnung, entdeckt zu werden, erspart bliebe. Im vergangenen Jahr hat Cosma Hagen vier Filme gedreht, die 1999 ins Programm kommen, zwei mit Ulrich Mühe, einen mit dem Regisseur Peter Patzak, gute Partner für eine Anfängerin. "Mit Ulrich, das war eine sehr, sehr schöne Zusammenarbeit", sagt sie und klingt dabei, als würde sie ihre Memoiren vorstellen."Das hier ist übrigens mein Vadder, die andere ist Romy Schneider. Die kannte ich beide nicht." Cosma Hagen hat ungefragt ihren Terminkalender aufgeschlagen und zeigt auf die Fotografien. "Ich finde, daß ich ihm unheimlich ähnlich sehe, der ganze Mund und so." Auf dem Paßbild ist ein hübscher Mann mit lustigen Augen und Stirnlocken zu sehen. Ferdinand Karmelk, Holländer und zeitweise Gitarrist in Nina Hagens Band, ist an Heroin regelrecht verreckt, als Cosma acht Jahre alt war. Und warum Romy Schneider? "Das Bild ist auch schwarz-weiß. Es paßt dazu." Vor drei Jahren ist Cosma nach Holland gefahren, um die Familie ihres Vaters zu besuchen. Am Anfang sei sein Tod kein Problem für sie gewesen, sagt die Tochter, "weil er mir sowieso immer fern war." Erst mit der Zeit habe sie sich gefragt, was für ein Mensch er wohl gewesen sei. "Ich will jetzt wissen, woher ich komme."