SYDNEY, 25. September. Ein kleiner, alter Mann schlurft jeden Tag durch die Hallen des Main Press Centres. Die Buchstaben "Gt" stehen in fetter, schwarzer Schrift auf seiner Akkreditierung. Zwei Zeichen, die ihm Zugang zu nahezu allen olympischen Anlagen verschaffen. "Gt" steht für "distinguished guest", Herb Weinberg ist Ehrengast und Beobachter der Spiele im Auftrag des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Der Amerikaner, inzwischen weit über 70 Jahre alt, stand einmal auf der anderen Seite. Als er noch für einen Radiosender tätig war, landete Herb Weinberg seinen vielleicht größten Scoop. Es war in einer Nacht im September 1988 in Seoul. Weinberg war dem kanadischen IOC-Mitglied Richard Pound bis aufs Zimmer des "Shilla-Hotels" gefolgt. Er wollte endlich Aufklärung haben über ein unerhörtes Gerücht, das unter Journalisten, Funktionären und Sportlern kursierte. IOC-Vorständler Pound, damals "Chef de Mission" des kanadischen Teams, mochte den erfahrenen Olympiaberichterstatter zwar, doch war die Sache sehr heikel, so dass selbst Pound, bekannt für seine Offenheit, nicht Klartext reden wollte. Nach vielen Stunden des Insistierens einigte sich Weinberg mit Pound auf eine raffinierte Sprachregelung, die kaum etwas offen ließ: "Mister Pound, können Sie bestätigen, dass Ben Johnson, der Sieger des 100-m-Laufs, nicht positiv auf Doping getestet worden ist", fragte Weinberg. Das könne er nicht bestätigen, antwortete Pound. Zwar gab es damals noch keinen Cyberspace, doch diese Nachricht gelangte auch aus der koreanischen Nacht in Windeseile auf herkömmlichen Wegen um die Welt. Ben Johnson gedopt - am nächsten Tag bestätigten dies dann offiziell Pounds Kollegen aus dem IOC. Johnson flüchtete mit dem nächsten Jumbo, der Seoul verließ. Die Olympischen Spiele hatten ihren größten Skandal. Zwölf Jahre später erinnert in Sydney einiges an Seoul. Etwa die fabulösen Zeiten im Schwimmbassin, die jene der 88er Spiele verblassen lassen. "Hier wird Geschichte gemacht", jubelte Kristin Otto am Mikrofon des ZDF, für das die sechsfache Olympiasiegerin von Seoul über einige der olympischen Schwimmwettbewerbe berichtete. Ottos ehemaliger Trainer ist wegen Dopings an Minderjährigen zu einer Geldbuße verurteilt worden. Die vormalige Schwimmerin tut dennoch so, als sei das Thema Doping nicht existent: Bei ihrer Reportage über die 200 Meter Lagen versäumte sie es, ihren Zuschauern mitzuteilen, dass die chinesische Weltrekordlerin Yan Yan Wu längst wegen Hormondopings aus dem Verkehr gezogen wurde. In der Nacht zum Montag wurde ein ähnlich spektakulärer Dopingfall bekannt wie einst in Seoul. Cottrell John Hunter heißt der überführte Sünder. Der US-Amerikaner darf sich Weltmeister im Kugelstoßen nennen, doch er wurde - was die Sache erst richtig aufregend macht - vor allem als Bodyguard berühmt. Der Drei-Zentner-Mann ist verheiratet mit "Superstar" Marion Jones, der Leichtathletin, die in Sydney bereits die 100 Meter gewann und vier weitere Goldmedaillen anstrebt. C. J. Hunter ist bei diesen Spielen als Trainer von Marion Jones akkreditiert. Das Geheimnis eines Paares?Schon seit dem vergangenen Freitag war unter Insidern über einen sehr prominenten Dopingfall in der Leichtathletik geredet worden. Das norwegische IOC-Mitglied Gerhard Heiberg hatte dies am Sonnabend in einem Radiointerview bestätigt, jedoch ohne einen Namen zu nennen. Das holte nun der in Sydney erscheinende "Daily Telegraph" nach. Diesmal waren es australische Journalisten, die einen solchen Scoop verbuchen durften, wie er 1988 Herb Weinberg gelang. Natürlich wird jetzt die Frage diskutiert, ob und was Marion Jones von den Dopingpraktiken ihres Ehemannes gewusst haben kann. Ob sie selbst daran beteiligt ist? Ob es denkbar ist, dass Hunter und Jones zwar Konto, Management, Bett und Trainingsanlagen miteinander teilen, nicht aber ein solches Geheimnis? Es ist rechtens, daran zu erinnern, dass Jones zu jenen Spitzenathleten gehört, die viel zu selten in der Trainingsphase kontrolliert werden. Und es ist logisch, dass das Ehepaar Hunter-Jones nun auch mit einem anderen Ehepaar verglichen wird, das 1996 in Atlanta für Aufsehen gesorgt hat. Damals unterbot die irische Schwimmerin Michelle Smith ihre Bestzeiten mitunter um zwanzig Sekunden und holte sich drei Goldmedaillen ab. Die Konkurrenz war perplex, viele Reporter jubelten, und diejenigen, die böse Fragen stellten, wurden von den Jublern kritisiert. Inzwischen weiß man, wie Smith zu ihren Siegen kam. Ihr Trainer und Ehemann, der 1996 noch wegen Dopings gesperrte Diskuswerfer Erik de Bruin, hatte sie mit verbotenen Substanzen flott gemacht. 1998 flog der Schwindel auf, Smith wurde gesperrt, doch die Medaillen, um die sie andere Athletinnen betrogen hatte, durfte sie behalten. Die Dementis, die nun Hunters Enttarnung in Sydney folgten, waren frech und dreist. Giorgio Reinieri, der Sprecher des zuständigen Leichtathletik-Weltverbandes IAAF, wies das Faktum zunächst zurück. Der amerikanische Leichtathletikverband USATF ließ verlauten, von nichts zu wissen, und das amerikanische Olympiakomitee USOC sah sich nicht zuständig, weil Hunter angeblich nicht Mitglied der US-Delegation sei. Den Vogel schoss schließlich IOC-Generaldirektor François Carrard ab. Der routinierte Abwiegler erklärte: "Dieser Fall hat überhaupt nichts mit den Olympischen Spielen zu tun." Das sieht der Norweger Heiberg ganz anders: "Hunter ist in Sydney, er hat eine Olympia-Akkreditierung, damit gehört der Fall hierher. Es wäre doch absurd, wenn wieder versucht würde, das auf die Zeit nach den Olympischen Spielen zu verschieben."Es ist gute Praxis in Sportverbänden wie dem IOC, dem USOC oder der IAAF, positive Proben zu verschweigen und manchmal sogar verschwinden zu lassen. Das hat es alles schon gegeben, auch bei Olympischen Spielen. Gerhard Heiberg sieht sich als Mitglied "einer IOC-Gruppierung, die diese Praxis beenden will und die sich für größtmögliche Offenheit einsetzt", wie er es formuliert. Jene Olympier, zu denen auch der schwedische Mediziner Arne Ljungqvist zählt, waren es, die mit gezielten Informationen die Sache auffliegen ließen. Ljungqvist hatte noch Ende vergangener Woche davon gesprochen, die Amerikaner hätten allein in den vergangenen beiden Jahren zwölf bis fünfzehn positive Fälle vertuscht.Später Verzicht Man darf wohl davon ausgehen, dass Amerikaner und IAAF versucht haben, auch den Fall Hunter in aller Stille abzuhandeln. Bei einem Meeting der Extraklasse, der so genannten Golden League, war Hunter bereits Ende Juli der Einnahme der verbotenen Substanzen Testosteron und Nandrolon überführt worden. Die Urinproben wurden in dem vom IOC akkreditierten Labor in Oslo untersucht. Laut IOC-Medizinchef Alexandre de Merode (Belgien) haben die Amerikaner und die IAAF das Ergebnis der A-Probe etwa eine Woche vor Beginn der Spiele erhalten, also am Wochenende 9./10. September. Zwei Tage später erklärte Hunter wegen einer angeblichen Knieverletzung seinen Olympiaverzicht. Dass er über die positive Probe informiert worden ist, darf vorausgesetzt werden - wenngleich Craig Masback, Präsident des amerikanischen Verbandes USATF, behauptet, die Informationen über die Probe lägen noch nicht auf seinem Tisch. Möglicher Weise wusste Hunter sogar schon Ende August Bescheid, denn auch seinen Start beim Istaf-Meeting in Berlin hatte er abgesagt.IAAF-Generalsekretär Istvan Gyulai (Ungarn), der vor der Leichtathletik-Weltmeisterschaft 1999 in Sevilla versucht hatte, den Dopingfall der Jamaikanerin Merlene Ottey zu verheimlichen, musste das gegen Hunter vorliegende Belastungsmaterial am Montagnachmittag eingestehen. "Ich bedauere, dass diese Nachricht aufkommt, während Marion Jones noch läuft. Es ist fürchterlich, egal, ob es wahr ist oder nicht. Es hat nichts mit Olympia zu tun." Zwischen der IAAF und dem amerikanischen Verband USATF wird es sehr wahrscheinlich zu juristischen Auseinandersetzungen kommen, denn die Amerikaner vertreten den Standpunkt, dass ein Athlet so lange geschützt werden müsse, bis auch die Überprüfung seiner B-Probe erfolgt sei. Für die IAAF aber ist ein Sportler bereits nach der positiven A-Probe zu suspendieren.Der sonst gar nicht so wortkarge C. J. Hunter hat am Montag nur wenige Sätze von sich gegeben. "Ich weiß gar nicht, was los ist", erklärte er exklusiv dem Sender NBC, der für die olympischen Übertragungsrechte insgesamt 715 Millionen Dollar bezahlt hat und gar kein Interesse an schmutzigen Geschichten hat. Hunter kündigte noch an, dass er sich energisch gegen die Anschuldigungen verteidigen werde. Vorerst übernahm das der Reporter von NBC. Er bot gleich eine ganze Reihe von Erklärungen an, wie der verbotene Stoff unabsichtlich in Hunters Urin gelangt sein könnte. Der Gegenwind, den die Amerikaner in Sydney verspüren, nimmt stündlich zu. Zahlreiche Sportler, die seit Jahren wissen, dass in den USA viel lascher kontrolliert wird, beschweren sich. IOC-Athletenvertreter Johann-Olav Koss (Norwegen) monierte, dass für US-Sportler andere Gesetze gelten. Es rächen sich nun auch Funktionäre, die in der Vergangenheit oft und zu Recht kritisiert worden sind, wie etwa der olympische Obermediziner Alexandre de Merode. Der erklärte, schon 1988 seien fünf US-Athleten trotz positiver Proben in Seoul gestartet. Namen nannte de Merode zwar nicht. Doch auf die Frage, ob er dies als Vertuschung bezeichnen würde, antwortete der Belgier: "Ja, sicherlich." Womit einmal mehr bewiesen wäre, dass Herb Weinberg mit der Enttarnung von Johnson in Seoul ein grandioser Scoop gelang - die ganze Wahrheit aber wohl noch viel erschreckender ist.SPORTIMAGE/NEWSPORT/DAN HELMS C. J. Hunter war 1999 Weltmeister im Kugelstoßen. Seine Teilnahme für Sydney hat er erst vor zwei Wochen abgesagt, als Grund nannte er eine Verletzung.