BERLIN. Madeira ist eine kleine, von Felsen zerklüftete Atlantikinsel. Sie liegt einige Hundert Kilometer vor der Küste Portugals. Die Lage jedoch ist nicht der wahre Grund, weshalb die Insulaner vom Festland aus belächelt werden. Es ist wegen ihrer Sprache, einem sonderbaren Akzent. Cristiano Ronaldo (23) könnte das besser erklären, aber er spricht nicht gerne darüber. Vor dem EM-Viertelfinale gegen Deutschland schon gar nicht.Im Alter von 11 Jahren verließ Cristiano Ronaldo das Elternhaus auf Madeira, um einen Beruf zu ergreifen, der für ihn bestimmt war: Fußballspieler. "Fußball ist für mich ein Synonym für Glück", sagt Cristiano Ronaldo. Weil Madeira ihm jedoch nicht die Bühne bieten konnte, die seinem Glücksempfinden gerecht geworden wäre, zog Ronaldo 1996 nach Lissabon, wo ihm der Hauptstadtclub Sporting nach einem dreitägigen Probetraining in seinem berühmten Vereinsinternat Alcochete ein Zimmer freigeräumt hatte. Bis 2003 lebte Ronaldo dort, wo sich Sporting die modernste Talentschmiede Portugals eingerichtet hat. Hier wird neben der fußballerischen Ausbildung auch Wert auf Pädagogik und Schulnoten gelegt. Hier reifte Ronaldo zu dem, was er heute ist. Und hier musste er erfahren, dass ihn sein Talent nicht vor Gehässigkeiten schützen konnte. Einmal, so heißt es, habe er den Stuhl nach seiner Lehrerin geschleudert, als sie den kleinen Cristiano spöttisch nach dessen Herkunft fragte.Was Cristiano Ronaldo in dieser problematischen Zeit lernte, stärkte ihn in der Auffassung, der Alleingang sei die beste Waffe im Kampf um gesellschaftliche Anerkennung. So wie er heute seine Bewacher umkurvt, mit dieser absurd steifen Körperhaltung, diesen scherenartigen Schritten, diesem höllischen Tempo, so ist er damals auch mit den Gehässigkeiten umgegangen. Immer offensiv. Immer selbstbewusst. Es sollte jedoch einige Jahre dauern, bis Ronaldo sich das erarbeitet hatte, was unter Fußballern als größte Wertschätzung gilt: Respekt.2002 debütierte Ronaldo in der ersten portugiesischen Liga. Zuvor waren allenfalls Insider mit seinem Genie vertraut. Doch war klar, dass dies nicht lange so bleiben würde. Im Mai 2003 gastierte Manchester United in Lissabon. Auf dem Rückflug nach England haben Manchesters Spieler und Trainer Sir Alex Ferguson ausführlich über den Mann gesprochen, der sie beim 1:3 vorgeführt hatte. Nur eine Woche nach dem Testspiel verkündete United die Verpflichtung Ronaldos. Für 17 Millionen Euro sollte er nun andere Mannschaften vorführen.Manchester ist ein glänzend organisierter Verein, erfolgsorientiert ausgerichtet, getragen von einer Strategie, die begabte Fußballer in Weltstars verwandelt. Vielleicht gibt es keinen besseren Verein für einen Fußballer, der das Spiel so anders, so neu interpretiert. Und vielleicht gibt es auch keinen Besseren als Alex Ferguson, um die Klubphilosophie mit der Strenge eines Herbergsvaters umzusetzen. Auf Anhieb erkannte Ferguson, dass Ronaldos kunstvolle Finten und Schnörkel nur gebändigt werden müssen. Und Ferguson ahnte wohl auch, dass Ronaldo in die Lücke passte - die Lücke, die David Beckham nach seinem Wechsel zu Real Madrid hinterlassen hatte.Es ist freilich kein Zufall, dass der Trainer unbedingt darauf bestanden hatte, die nach Beckhams Abschied vakante Rückennummer 7 an Ronaldo zu vergeben. Die 7! - Georg Best, Éric Cantona, David Beckham und nun Cristiano Ronaldo. Der Portugiese passt wie maßgeschneidert in Manchesters Ahnengalerie: Ronaldo hat die Genialität eines George Best, aber nicht dessen verhängnisvolle Schwäche für Alkohol; er hat die Größe eines Éric Cantona, aber nicht dessen fatalen Hang zu Provokationen; und er hat den Glamour eines David Beckham, aber nicht dessen mitunter unappetitliches Streben nach Ruhm. Heute ist die 7 Ronaldos Markenzeichen. Ronaldo ist R7.Die Welt liegt ihm zu FüßenDas war nicht immer so. Ronaldo musste erst sein oftmals umständliches und als egoistisch verschmähtes Spiel ändern und andere Fußballer als potenzielle Mitspieler erkennen. Er hatte auch zu spät auf den Unmut des englischen Publikums reagiert, das zwar das Spektakel schätzt, aber nicht die Schauspielkunst. Schwalbenkönig und Heulsuse schimpften die Engländer lange - und bald auch die gesamte Fußballwelt im Gleichklang. Es schien, als hätte Cristiano Ronaldo aller Begabung zum Trotz auch alle Sympathien verspielt.Nach dem WM-Viertelfinale 2006, bei dem Ronaldo vehement die Rote Karte für Wayne Rooney gefordert hatte, sah es lange nicht danach aus, als würde Ronaldo jemals wieder auch nur einen Fuß auf englischen Boden setzen können. Die Engländer hatten ihren Sündenbock für das Ausscheiden ihres Nationalteams gefunden. Letztlich musste Ferguson seinen Lieblingsschüler in Schutz nehmen. Nach der WM drosselte Ronaldo sein Temperament und verzichtete auf gespielte Larmoyanz. Er hatte nun begriffen, dass ihn der Ruf eines Betrügers und Schauspielers nicht ans Ziel bringt. "Ich will der beste Fußballer der Welt sein", sagt Ronaldo. Viele sagen: er ist es schon.Wenn Ronaldo vor Selbstbewusstsein triefende Sätze sagt, dann spricht der aus der Peripherie stammenden Junge wieder aus ihm. Ein junger Mann, der sich zuerst behaupten musste, bevor ihm sein außergewöhnliches Talent den Weg ebnete. "He's got the world at his feet", schrieb man jüngst in England über Cristiano Ronaldo, der schon bald auf der größten Bühne der Fußballwelt in Madrid auftreten will. Und Real Madrid will R7.------------------------------Foto: Der Trickser: "Ich weiß nicht, wie ich meine Tricks erklären soll, die sind ein Teil von mir."