Ein bisschen sieht es so aus, als sei da einer wieder auferstanden. Viel Gel im Haar, runde Brille, Ende 30, CSU-Politiker – und jetzt ist auch noch der Doktortitel weg. Der neue Karl-Theodor zu Guttenberg der CSU heißt Andreas Scheuer und natürlich gibt es noch ein paar mehr Unterschiede als den Namen. Scheuer ist erst vor ein paar Wochen in die erste Reihe der CSU aufgestiegen, als neuer Generalsekretär, Star-Rang hat er noch nicht erreicht. Und der Doktortitel ist einerseits nicht richtig weg, die zuständige Universität hat nichts entzogen, Scheuer verzichtet nur darauf sich „Dr.“ zu nennen. Außerdem kann man darüber streiten, ob und in welcher Form der Titel überhaupt je da war.

Staatsanwaltschaft ermittelte

Denn es verhält sich so: Der 39-jährige Scheuer hat nach einem Politikstudium in seinem Heimatort Passau im Jahr 2004 seinen „Doktor filozofie“ in Tschechien gemacht, an der Universität Prag. In Deutschland ist dies nicht als Promotion anerkannt, es handelt sich um ein sogenanntes „kleines Doktorat“. PhDr. – das ist die tschechische Abkürzung dafür. In seinen Lebensläufen und im Bundestagshandbuch stand Scheuer bislang mit einem Dr. In Bayern und Berlin war das zulässig, ganz praktisch für einen Bundestagsabgeordneten aus Bayern.

Die Geschichte ist immer wieder hochgekommen. 2005 hat die Staatsanwaltschaft deswegen gegen Scheuer ermittelt, das Verfahren wurde eingestellt. Medien fanden eine Textstelle, in der über mehrere Zeilen fast wortwörtlich eine andere von der Universität Münster publizierte wissenschaftliche Arbeit übernommen worden war – ohne dies kenntlich zu machen. Besonders hübsch war die Passage deswegen, weil Scheuer, der seine Parteikarriere als Mitarbeiter Edmund Stoibers begann, offenbar auch Schreibfehler kopierte: Der verstorbene CSU-Chef Franz Josef Strauß erhielt einen Bindestrich im Vornamen.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat sich der Doktorarbeit nun erneut angenommen. Sie hat festgestellt, dass der Prager Doktorvater Scheuers, Rudolf Kucera, der CSU nahe steht. Ein von Kucera benannter zweiter Prüfer hat der FAZ erklärt, nichts mit Scheuer oder dessen Arbeit zu tun gehabt zu haben.

Die Grünen fordern den Rücktritt Scheuers und bemächtigen sich dabei der Parole, mit der die CSU zuletzt Stimmung gegen Zuwanderer gemacht hatte: „Wer betrügt, der fliegt.“ In der CSU versucht man sich in Gelassenheit. Die Geschichte sei schon lange abgeschlossen, heißt es. Von einem Plagiat könne nicht die Rede sein, weil nur eine Textstelle belegt sei. Vize-Parteichef Christian Schmidt sagte der Berliner Zeitung, Scheuer sei nicht beschädigt. „Das ist Quatsch.“ Scheuer sei als CSU-Generalsekretär genau der richtige Mann.

Scheuer machte immerhin einen halben Rückzieher: Er will den Doktortitel nun nicht mehr verwenden. Wegen der unterschiedlichen Rechtslage in Bayern, Berlin und dem Rest der Republik sei der „kleine Doktortitel“ nicht handhabbar. Außerdem überprüft Scheuer die Quellenlage für seinen Text.

CSU-Chef Horst Seehofer hatte seine Parteifreunde erst vor wenigen Tagen aufgefordert, möglichst wenig kontroverse Diskussionen zu führen. Nach der Landtags- und der Bundestagswahl stehen schließlich am 16. März die bayerische Kommunalwahl und im Mai die Europawahl an. Für die Wahlkampforganisation ist Scheuer zuständig. In der CSU gilt der Niederbayer als handfest und kommunikativ. Dennoch war er als Generalsekretär zumindest eine kleine Überraschung. Aus Proporzgründen hätte die Benennung einer Frau angestanden. Und im Streit um den Donauausbau hatte der Parteichef ausgerechnet den damaligen Verkehrs-Staatssekretär Scheuer als Praktikanten abgekanzelt.

Seine Arbeit in Prag hat Scheuer übrigens über das Thema „Die politische Kommunikation der CSU im System Bayerns“ geschrieben.