Gentrifizierung (vom engl. gentry für niederen Adel bzw. bürgerliche Grundbesitzer) bezeichnet in der Stadtentwicklung den schleichenden Aufstieg eines Quartiers zu einer "besseren Gegend" - mit allen damit einhergehenden, nicht unbedingt nur positiven Folgen für die angestammte Wohnbevölkerung. Oft beginnt sie damit, dass Künstler und Studenten ein Viertel entdecken, bewohnbar und chic machen, um anschließend und sehr zu ihrer Verwunderung vom neuen Stadtadel verdrängt zu werden. "Heißt Gentrifizierung auch, dass ihr endlich aufhört, vor meinen Laden zu pissen?", fragte unlängst in seinem Schaufenster ein irritierter Galerist im von Gentrifizierung arg betroffenen Kreuzkölln, dem an Kreuzberg grenzenden Zipfel von Neukölln. Den Menschen können wir beruhigen. Bis dahin wird es wohl noch so zwei, drei Jahre dauern.Das voll entfaltete Spätstadium der Gentrifizierung ist dagegen in Prenzlauer Berg und Mitte zu besichtigen, inklusive aller unschönen Auswüchse und Dekadenzphänomene. Zu letzteren zählt eindeutig die "Currywurst Gold" mit "22 Karat Blattgold" wie sie an der Bude "Currywurst & Schampus" samstags auf dem Kollwitzmarkt und donnerstags am Hackeschen Markt angeboten wird. Gegenüber der Basisvariante "Original Berliner Currywurst" für 2,50 Euro schlägt sie, wie auch die "Trüffel-Pommes" mit Trüffelmayonnaisse und gehobeltem Trüffel, mit 5 Euro zu Buche. Zwar hätte man derlei sinnfreie Selbstironie-Exzesse eher den Ku'damm-Anrainern zugetraut (wo auch das "Berliner Yuppie-Menü" mit Gold-Currywurst, Trüffel-Pommes und Champagne Gosset Brut Excellence für 15 Euro insgesamt gut hinpasste). Aber das als Betreiber hinter der Bude stehende Restaurant Zander aus der Kollwitzstraße wird aus unmittelbarer Marktbeobachtung gefolgert haben, dass nun auch der bislang im Bio-Protestantismus gefangene Osten reif für ostentativ ausgestellten, uneigentlichen Statuskonsum ist.Immerhin kommt die Blattgold-Currywurst in einer Porzellanschale, die nur in der Formgebung den ordinären Pappschälchen nachempfunden ist. Man isst sie an Stehtischen, den spöttischen Blicken der anderen Gäste ausgesetzt, die allesamt die Basisvariante bevorzugen. Etwas trostlos schmiegen sich die mittels Pinzette aufgebrachten Blattgoldfetzen zwischen Ketchup und Currypulver. Selbstverständlich ist das Edelmetall geschmacksneutral und produziert auch sonst keinerlei sensorische Effekte - nicht mal die Plomben brummen, wie wenn man auf Alufolie beißt. Die Currywurst aber ist einwandfrei und spielt zweifellos im oberen Drittel der Berliner Wurstliga mit. Während ich sie esse, denke ich unwillkürlich und unaufhörlich diesen einen Satz: Sie stehen nicht in der Gentrifizierung, Sie sind die Gentrifizierung!