Der 10. Juli 1946 ist ein sehr warmer, sonniger Sommertag. Während in Deutschland der Alliierte Kontrollrat ein Gesetz über den Einsatz von Trümmerfrauen erlässt und die US-Besatzer die Reichspost in Deutsche Post umbenennen, streiten in Paris die Außenminister der Großmächte über den künftigen Umgang mit dem besiegten Kriegsgegner. Die einstige Antihitlerkoalition zeigt bereits deutliche Risse. Der Eiserne Vorhang, vier Monate zuvor erstmals von Winston Churchill als Begriff geprägt, senkt sich zwischen den Machtblöcken herab.So gesehen, kommt die amerikanische Militärmaschine, die an diesem Tag auf dem Eschborn Airfield im Taunus landet, zur rechten Zeit. Ihr entsteigen sieben ehemalige Wehrmachtsoffiziere, die in geheimen US-Unterlagen als "Bolero-Group" bezeichnet werden. An ihrer Spitze steht Generalmajor Reinhard Gehlen, in den letzten drei Kriegsjahren Hitlers Spionagechef für die Sowjetunion. Als ehemaliger Leiter der Abteilung Fremde Heere Ost (FHO) im Generalstab des Heeres soll der Wehrmachtsgeneral nun für die Amerikaner einen Nachrichtendienst aufbauen und den geheimen Krieg gegen Stalins Reich führen. Die Rückkehr Gehlens und seiner "Bolero"-Kameraden aus amerikanischer Gefangenschaft nach Deutschland an jenem 10. Juli vor 65 Jahren ist damit die Geburtsstunde des deutschen Nachkriegsgeheimdienstes, der seit April 1956 Bundesnachrichtendienst heißt.Den Boden dafür bereiteten Gehlen und zwei weitere hochrangige Nazi-Offiziere allerdings schon in den letzten Kriegsmonaten. Am 4.April 1945 treffen sich im sächsischen Bad Elster FHO-Chef Gehlen, sein Vize Oberstleutnant Gerhard Wessel und Oberstleutnant Hermann Baun, der die mit Gehlens Abteilung kooperierende Frontaufklärungsstelle Ost "Walli I" leitet. Die drei Gefolgsleute Hitlers haben längst alle Illusionen über den Kriegsausgang verloren. Gehlen plädiert in der Runde dafür, sich nach der Niederlage den Amerikanern anzudienen. Er vermutet damals zu Recht, dass sich nach Kriegsende eine neue Konfrontationslinie zwischen den USA und der Sowjetunion auftun werde. Für die Amerikaner, die erst 1942 mit dem Aufbau eines Geheimdienstes begonnen hatten, dürfte dabei das Know-how der Nazi-Offiziere aus dem Russland-Krieg unverzichtbar sein, so das Kalkül.Bei ihrem Treffen am 4. April 1945 schließen Gehlen, Wessel und Baun den sogenannten "Pakt von Bad Elster". Der Pakt sieht vor, dass die Chefs von FHO und "Walli I" in den folgenden Wochen so viele Unterlagen wie möglich an einem sicheren Ort verstecken und mit der Beute gleich nach Kriegsende zu den Amerikanern überlaufen. Bauns "Gastgeschenk" soll das sowjetische Agentennetz von "Walli I" sein; Gehlen und Wessel wollen den Amerikanern Lageberichte und Analysen ihres Militärgeheimdienstes über die Sowjetunion übergeben sowie den eigentlichen Schatz der FHO, eine Personenkartei der Roten Armee.Schon am Tag nach dem Treffen von Bad Elster lässt Gehlen die Kopien sämtlicher Unterlagen seiner Abteilung FHO in 50 Stahlkoffer verpacken. Am 19. April werden sie in die Alpen ausgelagert. Gehlen und Wessel sind dabei, als die Kisten an der Elendsalm nahe der österreichischen Grenze, zwischen Wildbad Kreuth und Bayrischzell, vergraben werden. In den Almhütten dort verstecken sich auch die FHO-Offiziere und warten das Kriegsende ab. Am 20. Mai schließlich, zwölf Tage nach der Kapitulation Hitlerdeutschlands, wird Gehlen von einem US-Militärkommando festgenommen.Ein Offizier des Abwehrdienstes CIC der US-Armee zeigt sich im Verhör jedoch wenig beeindruckt, als sich Gehlen ihm als General vorstellt und sagt, er habe "Mitteilungen, die von höchster Wichtigkeit für Ihre Regierung sind". Bis Anfang Juli 1945 bleibt der Kriegsgefangene im Sonderlager Oberursel weitgehend unbeachtet. Dann wird Edwin Luther Sibert auf ihn aufmerksam, damals Leiter des US-Heeresnachrichtendienstes in Europa und damit oberster Nachrichtenchef in der amerikanischen Besatzungszone.Sibert hatte nach Gehlen forschen lassen, weil die Russen immer drängender nach dem verschwundenen FHO-Chef fragten, von dem sie sich Aufschluss über sowjetische Kollaborateure und Spione erhofften. Er lässt den Deutschen in das Vernehmungszentrum der 12. Armee nach Wiesbaden bringen. Dort befragt ihn tagelang Captain John Boker, ein geschickter Verhörbeamter mit deutschen Wurzeln. Gehlen beschwört in den Gesprächen mit Boker die sowjetische Gefahr: Moskau werde die osteuropäischen Staaten unterwerfen, Finnland besetzen und einen Krieg vom Zaun brechen, um Westdeutschland zu besetzen. Er habe genug Material, um seine Thesen zu belegen, beteuert Gehlen.Boker ist angetan von dem Geheimdienstler. Er lässt die von Gehlen vergrabenen Kisten bergen und in ein Speziallager schaffen, wo sie von dem deutschen General und sieben seiner Weggefährten, darunter FHO-Vize Wessel, aufbereitet werden. Im August 1945 legt Gehlen den Amerikanern das Ergebnis vor - eine umfängliche Analyse mit detaillierten Informationen über den Aufbau der Roten Armee und die sowjetische Rüstungsproduktion, mit Luftaufnahmen russischer Eisenbahn-Knotenpunkte und Berichten über die Stimmungslage in Armee und Bevölkerung, wie die Reporter Hermann Zolling und Heinz Höhne gut 25 Jahre später in ihrem Buch "Pullach intern" schreiben. Die Analyse wird Gehlens Eintrittskarte in das Lager der Sieger.Für Boker steht nun endgültig fest, dass der deutsche General "eine Goldmine (ist), die wir aufgetan haben", wie er in einem 1952 verfassten Report über den Aufbau der Organisation Gehlen schrieb. Und er kann auch seinen Chef Sibert davon überzeugen, der nun Gehlens wichtigster Förderer und Schutzengel wurde. Sibert kommt im Sommer 1945 mit US-Generalstabschef Walter Bedell Smith überein, dass der deutsche Nazi-General einen von den USA finanzierten Aufklärungsdienst gegen die Sowjetunion aufbauen solle. Allerdings wissen beide um die Vorbehalte in Washington, wo man die sowjetischen Alliierten nicht vor den Kopf stoßen will. Noch ist der Kalte Krieg nicht ausgebrochen.Also wird die neue Allianz mit dem alten Feind auch vor Washington geheim gehalten. Sibert lässt im August 1945 Gehlen und sechs seiner deutschen Spionagekollegen auswählen und der Gruppe den Decknamen "Bolero" verpassen. Die sieben Männer sollten den Kern des künftigen deutschen Geheimdienstes bilden. Zuvor aber müssen sie ausführlich befragt und auf ihren künftigen Auftraggeber eingeschworen werden.Am 21. August 1945 fliegt die "Bolero-Group" nach Washington - im Privatflugzeug von Generalstabschef Smith. Ein Gefangenentransporter bringt sie vom Flughafen nach Fort Hunt, das zwanzig Kilometer südlich von Washington gelegene geheime Vernehmungszentrum der US-Armee. Elf Monate später, am 10. Juli 1946, fliegen Gehlen und seine Leute wieder heim ins einstige Reich. Dort gibt es auch ein Wiedersehen mit Hermann Baun, dem dritten Verschwörer aus dem "Pakt von Bad Elster".Baun hatte im Allgäu das Kriegsende abgewartet und sich am 29. Juli 1945 den Amerikanern gestellt. Anders als die "Bolero Group" wurde er jedoch nicht in die USA ausgeflogen, sondern bastelte in der Taunus-Villa "Blue House" in Oberursel am Konzept eines neuen Geheimdienstes. Auftraggeber war auch hier General Sibert. Der Chef des US-Heeresnachrichtendienstes wollte offenbar nicht allein auf Gehlen setzen, wenn es um die künftige deutsche Geheimdiensthilfe ging. Im März 1946, so steht es in einem Tagebuch Bauns, segnete Sibert dessen Konzept einer Spionage- und Gegenspionageorganisation ab.Als die "Bolero Group" am 10. Juli 1946 im "Blue House" eintrifft, unterliegt Baun daher noch der irrigen Annahme, er sei der Chef des neuen Dienstes und Gehlen werde mit seinen Leuten unter ihm die Auswertungsabteilung übernehmen. Aber die Amerikaner entscheiden sich im August 1946 für Gehlen. Baun übernimmt unter ihm die Beschaffungsabteilung, Wessel die Auswertung. Gehlen ist nun am Ziel und alleiniger Chef der von den USA geführten Organisation, die noch zehn Jahre lang seinen Namen tragen wird, bevor sie am 1. April 1956 in BND umbenannt und dem Kanzleramt unterstellt wird.Gehlen holt sich fortan ehemalige Weggefährten aus Wehrmacht und Abwehr sowie "Kolonnen ehemaliger SS-, SD- und Gestapo-Angehöriger" ins Boot, wie BND-Experte Erich Schmidt-Eenboom sagt. "In Scharen kam die alte Elite, um ihren Platz in der neuen Elite einzunehmen."Bei den Amerikanern wird diese Personalpolitik mit Argwohn betrachtet. Versuche, die Anwerbungspraxis des neuen Dienstes zu unterbinden, scheitern aber am Widerstand mächtiger Gehlen-Förderer im US-Militär. Und auch als die 1949 gegründete CIA die Organisation Gehlen übernimmt, schüttelt es zwar einige Mitarbeiter dort bei dem Gedanken, mit SS-Leuten zusammenzuarbeiten. Aber der neue Feind ist jetzt die Sowjetunion. Und Gehlen - so erinnert sich der CIA-Pensionär Steve Tanner - hatte die Amerikaner davon überzeugen können, mit seinen Operationen direkt in das Herz der Sowjetmacht zu zielen. "Und da wir uns selber dabei so schwertaten, schien es blödsinnig, nicht den Versuch zu machen", wird Tanner in Tim Weiners Buch "CIA - Die ganze Geschichte" zitiert.Den Triumph von kühlem Pragmatismus über Moral und Recht hat nie jemand drastischer auf den Punkt gebracht als US-Präsident Harry S. Truman. Einem Kongressabgeordneten, der ihm die von Washington geduldeten Nazis in der Organisation Gehlen vorhielt, entgegnete er: "Dieser Bursche Gehlen, mich interessiert nicht, ob er mit Ziegen fickt. Wenn er uns hilft, benutzen wir ihn."------------------------------Foto: Vater des Bundesnachrichtendienstes: Reinhard Gehlen, Leiter des BND-Vorläufers Organisation Gehlen und später erster BND-Chef.Foto: Gerhard Wessel, Mitgründer des Bundesnachrichtendienstes und dessen Leiter von 1968 bis 1978