Wie unterhaltsam war das DDR-Fernsehen, worin unterschied es sich vom Westprogramm? Seit anderthalb Jahren untersuchen mehr als 30 Wissenschaftler von vier Universitäten das DDR-Fernsehen. Wolfgang Mühl-Benninghaus von der Humboldt-Universität Berlin widmet sich den Shows und Unterhaltungssendungen.Was ist das Besondere am DDR-Fernsehen?Wenn Sie den Fernseher angeschaltet haben, war sofort klar, das ist ein Ostprogramm und das eine Westsendung. Auch wenn es dasselbe Genre war. Haben Sie dafür eine Erklärung?Unterhaltung war im DDR-Fernsehen zunächst nicht vorgesehen - im Gegensatz zur Bundesrepublik. Zum Start hatte das DDR-Fernsehen nur zwei Abteilungen: aktuelle Berichterstattung und Kultur.Woran lag das? Weil die SED-Führung unter Ulbricht kein Interesse am neuen Medium Fernsehen hatte. In der Arbeiterbewegung hat die Unterhaltung als selbstständiger Wert auch gar keine Tradition. Unterhaltung wurde nur so weit akzeptiert, wie sie dazu diente, ideologische Werte zu transportieren. Wann änderte sich das?Die Genossen merkten schnell, dass man im Fernsehen auch eine Zuschauerbindung herstellen muss und dass die nicht über pure Agitation funktionierte. Also mussten unterhaltende Elemente her, die die Leute vor die Fernseher lockten. Natürlich musste immer etwas transportiert werden, politische Botschaften, Kultur, Bildung. Es gab da eine Kultursendung, die hieß "Das gute Buch". Die lief seit Januar 1953. In der Sendung wurden Bücher vorgestellt, und am 1. April machte die Redaktion einen Aprilscherz und stellte "Das schlechte Buch" vor. Darauf reagierten die Zuschauer sehr stark und sagten, dass sie so etwas öfter sehen wollen.Wie hieß die erste große Show?Ab Mitte der fünfziger Jahre lief "Da lacht der Bär". Dort traten auch internationale Gäste auf, Udo Jürgens zum Beispiel hatte im DDR-Fernsehen einen seiner ersten Auftritte. Damals noch unter seinem bürgerlichen Namen Bockelmann. Die Sendung lief bis in die sechziger Jahre und war äußerst erfolgreich.Veränderte sich das DDR-Fernsehen nach dem Bau der Mauer?Eindeutig. Die Themen und Inhalte wurden DDR-zentrierter. Lautete bis dahin die Parole "Deutsche an einen Tisch", was eine gewisse Offenheit impliziert, trat nun die Entwicklung der sozialistischen Menschengemeinschaft in den Vordergrund. Die Show der sechziger Jahre hieß "Mit dem Herzen dabei", in der wurden verdienstvolle DDR-Bürger präsentiert. Existieren noch Aufzeichnungen?Das ist ein Problem. Zwar wurden seit Ende der fünfzgier Jahre Programme aufgezeichnet, aber die sind nur noch unvollständig überliefert. In den Anfangsjahren wurde meist live gesendet, da kennen wir dann zwar die Sendetitel, wissen aber nicht, wie die Sendungen aussahen. Sie haben die Sendungen gar nicht gesehen?Doch, einige schon. Die ersten Sendungen, die noch erhalten sind, liefen Ende der fünfziger Jahre. "Schiff ahoi" war so eine Show. In der wurde der Bau des ersten Urlauberschiffes der DDR, die "Völkerfreundschaft", begleitet und mitfinanziert. Da traten Schlagersänger auf oder Betriebskollektive, die musizierten. Dazwischen wurde über die Arbeiten am Schiff berichtet, und die Zuschauer haben dann dafür gespendet. Haben die Leute freiwillig mitgemacht?Ja, da wurde keiner gezwungen. Und offensichtlich hat es den Zuschauern gefallen. Eine andere Mitmachsendung hieß "Ob das was wird?", die lief Ende der Fünfziger und half bei allen möglichen Problemen. Einmal hatten Pioniere aus Rostock nach Vietnam geschrieben, sie möchten für ihren Zoo einen kleinen Elefanten haben. Die Vietnamesen schickten aber keinen kleinen Elefanten, sondern einen ausgewachsenen. Darauf war der Rostocker Zoo nicht vorbereitet. In der Show wurde dazu aufgerufen, dem Elefanten ein Haus zu bauen. Eine andere Sendung hieß "Der große Sprung". In der gab es Talkshow-Runden, wie man heute sagen würde, mit Ministern, Funktionären und Betriebsdirektoren. Dazwischen traten die Hauptfiguren auf: Fräulein Güte und Herr Murks, die entweder lobten oder tadelten. Herr Murks führte dann auch die Produkte vor, die nichts taugten, einmal einen Handtuchhalter, bei dem nicht klar war, wo und wie man das Handtuch anhängen könnte. Waren solche Sendungen typisch für das DDR-Fernsehen?Ja, dieses Mitmach-Fernsehen gab es in der Bundesrepublik nicht. Da lehnte man sich zurück und ließ sich von Kulenkampff unterhalten. Das erklärt auch, warum in der DDR viel Westfernsehen gesehen wurde. Gab es weitere Unterschiede?Schon damals wurden viele westdeutsche Unterhaltungsformate aus den USA oder Großbritannien importiert. Diese Sendungen hatten nicht den aktuellen Zeitbezug wie in der DDR. Wenn heute eine Show mit Kulenkampff wiederholt wird, kann man sich das noch ansehen. Aber "Da lacht der Bär" versteht heute kein Mensch mehr. Betrifft dieser Zeitbezug auch andere Unterhaltungsformate? Familienserien wie "Geschichten übern Gartenzaun" oder "Rentner haben niemals Zeit" können heute noch gezeigt werden. Sie laufen ja manchmal im MDR oder ORB. Gab es Brüche im DDR-Fernsehen, als Honecker an die Macht kam?Unter Honecker war Kritik kaum noch möglich. Satire zum Beispiel wurde ganz abgeschafft. Das Argument lautete immer, dem Klassenfeind keine Angriffsfläche zu bieten. Plötzlich gab es Volksmusiksendungen wie "Im Krug zum grünen Kranze" oder neue Formate wie "Außenseiter, Spitzenreiter". Insgesamt wird die Unterhaltung entpolitisiert, es geht nicht mehr um unterhaltsam präsentierte Kritik an Missständen, sondern vorrangig um Belustigung in Form kauziger Nachbarn oder skurriler Ideen.Anfang der Siebziger beklagte Honecker eine "gewisse Langeweile" im DDR-Fernsehen. War das Programm doch langweiliger als gedacht?Honecker empfand viele Sendungen als zu kopflastig. Deshalb kam auch "Ein Kessel Buntes" ins Programm, das sehr populär wurde. Die Show war so erfolgreich, weil sie sich zunehmend am Westfernsehen orientierte und das DDR-Publikum internationale Stars im eigenen Programm zu sehen bekam. Konnten die bezahlt werden?Viele wurden nicht mit Devisen bezahlt, sondern mit Meißner Porzellan oder teuren Instrumenten. Hat sich das DDR-Fernsehen in den achtziger Jahren dem Westprogramm angeglichen?In hohem Maße. Bis auf die "Aktuelle Kamera" liefen politisch-publizistische Sendungen zunehmend am späten Abend, in der Hauptsendezeit gab es Filme, Sport oder eben Shows. Das war weitgehend entpolitisierte Unterhaltung.Das Gespräch führte Björn Wirth.Shows und mehr // Wolfgang Mühl-Benninghaus wurde 1953 in Heiligenstadt geboren und studierte Philosophie und Geschichte an der Humboldt-Universität.Im Forschungsvorhaben zur Programmgeschichte des DDR-Fernsehens leitet Wolfgang Mühl-Benninghaus seit 18 Monaten ein Projekt zum Thema Shows und Unterhaltungssendungen.Die anderen Projekte beschäftigen sich mit verschiedenen Literaturverfilmungen, Sportsendungen, Familienserien, Dokumentarfilmen, dem Kinderprogramm sowie Aufführungen aus dem Fernsehtheater Moritzburg. Zudem werden Programmentwicklung und Rezeptionsgeschichte untersucht.Weitere Informationen zum Forschungsprojekt unter www. ddr-fernsehen. de.HU BERLIN Wolfgang Mühl-Benninghaus KLAUS WINKLER April 1985: Nachrichtensprecherin Angelika Unterlauf und das Fernsehballett zu Gast im "Kessel Buntes".