In der Altensiedlung „Højmarken“ im dänischen Städtchen Gram unweit der Nordseeküste ist Kaffeezeit, doch Birte Hansen bleibt lieber in ihren eigenen Wänden. In ihrer Wohnung ist es so warm, wie sie es mag, ihr Hörgerät funktioniert nicht richtig, und statt mit den anderen Bewohnern zu plaudern, will sie lieber fernsehen. Eine Pflegerin klopft an, steckt den Kopf herein: „Kommst du, Birte?“ „Nee“, sagt die 82-Jährige. Auch gut. Was sie mitmachen will vom Freizeitangebot, ist ihre Sache. Weil sie seit zehn Jahren an den Rollstuhl gebunden ist, lebt sie in einer Pflegewohnung. Doch über ihr Leben bestimmt sie immer noch selbst.

Dänemark hat die Seniorenbetreuung in den letzten 25 Jahren revolutioniert. Lebten damals noch acht von zehn Pflegebedürftigen in einem Zimmer mit gemeinsamer Küche und Bad in einem Altenheim, so ist jetzt nur noch jeder Achte an eine traditionelle Institution gebunden. Seit einem im Jahr 1987 verabschiedeten Reformgesetz ist Schluss mit den klassischen Heimen. Alle Neubauten seither sind Seniorenwohnungen mit Pflege- und Betreuungseinrichtungen und angeschlossenem Personal. Wie das „Højmarken“ in Gram: In jedem der vier Pavillons sind zehn Zwei-Zimmer-Wohnungen mit eigener Küchennische und geräumigem Bad um den gemeinsamen Speise- und Aufenthaltsraum angeordnet. Jede Wohnung hat einen kleinen Vorgarten. In der offenen Küche bereitet das Personal die Mahlzeiten zu, aber wer möchte, kann auch selbst kochen.

Möglichst lang im eigenen Zuhause leben, hieß die erste Devise der Pflegereform: lieber die Pflegebedürftigen durch Heimhelfer und Krankenpfleger daheim betreuen werden, als sie zu entwurzeln und in eine Institution umzupflanzen. Das ist menschenwürdiger – und billiger für die Gesellschaft. Die zweite Devise heißt: Jeder soll möglichst lange ein eigenes Leben führen. Auch die, die mehr Betreuung benötigen, als sie zuhause bekommen können, sollen Verantwortung und Selbstbestimmung behalten. Als Birte Hansen Witwe wurde und schon so gebrechlich war, dass sie nicht mehr in ihrem Haus bleiben konnte, kam sie zunächst in eine „geschützte Wohnung“: ein Reihenhäuschen nahe einem Pflegeheim. Dort hatte sie einen Klingelknopf, mit dem sie rasch Hilfe rufen konnte. Als ihre Beine immer schlechter wurden, kam sie nach Højmarken, wo sie nun mit dem Pflegepersonal unter einem Dach wohnt.

In ihren zwei Zimmern aber regiert sie selbst, soweit dies möglich ist. Birte Hansen braucht Hilfe, um sich anzukleiden und auf die Toilette zu kommen. Um die gewichtige Frau aus dem Bett zu hieven, ist ein Kran nötig. Doch die Möbel hat sie selbst mitgebracht in ihr neues Zuhause, die Bilder sowieso, und wenn sie mit ihrem Elektrofahrstuhl ins Dorf rollen will, braucht sie niemanden zu fragen. Würde ihr Mann noch leben, könnte er bei ihr wohnen, auch wenn er selbst kein Pflegefall wäre, und auch ein neuer Partner könnte bei ihr einziehen. Von ihrer Pension zahlt sie die Miete und die Verpflegung. Über das wenige Geld, das dann noch übrig ist, bestimmt sie selbst.

Als „Aufbegehren gegen die Institutionalisierung“ wurde die Reform bezeichnet, die mehr Lebensqualität durch Selbstversorgung bringen und die benötigte Pflege „bei gesichertem Serviceniveau“ reduzieren sollte. Doch die Krise hat auch vor dem dänischen Sozialbudget nicht Halt gemacht. Sparmaßnahmen haben vor allem dazu geführt, dass Personal abgebaut wurde. In der Nacht und an Wochenenden ist oft nur eine Betreuerin für die zehn Bewohner in Højmarken da. Da sind dann die Ziele, dass jeder Bewohner täglich an die frische Luft solle und dass es nach frischem Essen duften möge, um den Appetit anzuregen, nur leere Versprechen. „Dass ich läuten und läuten kann, weil ich Hilfe brauche und es kommt doch niemand,“ ist Birte Hansens lauteste Klage.