KOPENHAGEN, 23. Mai. Die Geschichte trug sich vor elf Jahren in Belgrad zu. Am 1. Mai 1991 trat Dänemark im Europameisterschafts-Qualifikationsspiel gegen Jugoslawien an. Sepp Piontek, der deutsche Trainer der Dänen, der in den achtziger Jahren das "danish dynamite" erfunden hatte, war fast am Ende seiner Laufbahn. Er war müde, wie auch viele der alten dänischen Stars. Zudem hatte Piontek seine Spieler nicht mehr im Griff. Sie wollten selbst Taktik und Aufstellung bestimmen. Sören Lerby etwa, damals beim FC Bayern München, wollte dabei sein - obwohl er wegen einer Verletzung nicht fit war. Piontek ließ ihn tatsächlich spielen. Dafür musste der damals 27-jährige Jan Heintze die Bank. Heintze ließ sich das nicht gefallen. Er verließ das Belgrader Hotel und machte sich auf die Rückreise nach Eindhoven, wo er seit vielen Jahren für den PSV spielte.Der verpasste AugenblickZwölf Monate wurde Heintze deshalb gesperrt. Als die Dänen ein Jahr später - unter ihrem neuen Trainer Richard Möller-Nielsen - für das international sanktionierte Jugoslawien zur EM-Endrunde nach Schweden durften, war Heintze nicht dabei. Er verpasste den größten Erfolg der dänischen Fußball-Nationalmannschaft, das sensationelle 2:0 im EM-Finale von Göteborg gegen den damaligen Weltmeister Deutschland. Erst vier Jahre später, gerade 33 geworden und damit in einem Alter, in dem man normalerweise ans Aufhören denkt, kehrte er in die Auswahl zurück. Es war eine triumphale Rückkehr für den Linksverteidiger: Heintze lieferte eine Weltklasse-Partie. Dänemark gewann im November 1996 in Kopenhagen 1:0 gegen Frankreich und beendete eine 30 Spiele währende Siegesserie der Equipe Tricolore.Seit jenem Erfolg über Frankreich spielte Jan Heintze, der Methusalem unter den Feldspielern der Weltmeisterschaft 2002, nacheinander 52-mal in Dänemarks Elf. Er bot stabilere Leistungen als etwa Torhüter Peter Schmeichel oder der mitunter brillante Michael Laudrup. Jan Heintze, der Mister Zuverlässig, erlebte seither alle großen Turniere. Die EM-Endrunden 1996 und 2000 sowie die WM-Finalrunde 1998. Wenn er in der kommenden Woche in der Vorrunde in Korea (Dänemark spielt gegen Frankreich, Senegal und Uruguay) wieder seinen Platz auf der linken Außenbahn einnimmt, geht eine große internationale Laufbahn zu Ende.Inzwischen ist er 38 Jahre und gilt als Fußball-Greis, als Spieler, der für einige Mitspieler der Vater sein könnte. Vorige Woche hat er schon Abschied genommen vom dänischen Publikum. 35 000 Zuschauer erhoben sich im Stadion "Parken", um dem kleinen grauhaarigen Mann zu applaudieren. Es war sein 82. Länderspiel. Wenn er damals in Jugoslawien nicht verschwunden wäre, hätten es sogar mehr als 130 Auswahleinsätze werden können.Heintze lebt seit zwanzig Jahren in Eindhoven. Abgesehen von fünf Jahren, die er in Deutschland unter Vertrag stand (bei Bayer Uerdingen und Bayer Leverkusen), hat er immer für den PSV gekickt. Und er hat sich in Eindhoven beizeiten ein zweites geschäftliches Standbein geschaffen. Schon mit 22 Jahren gründete er eine Druckerei. Inzwischen besitzt er ein regelrechtes Imperium, vier verschiedene Firmen, die vor allem damit beschäftigt sind, die Fan-Artikel des PSV Eindhoven zu produzieren. Der Profi, der mehr als 700 Spiele für PSV absolvierte, gehört als Geschäftsmann sogar zu den Sponsoren des Vereins. Das hat durchaus Vorteile: Wenn er pausieren muss, gibt es für ihn nicht nur einen Platz auf der harten Ersatzbank - er kann auch in den großen, bequemen Ledersesseln in der Sponsoren-Lounge der Philips-Arena Platz nehmen und sich Champagner kredenzen lassen.Dänemarks Nationaltrainer Morten Olsen, der selbst mit 40 noch aktiv war, hat ohne Zweifel ein Herz für erfahrene Spieler. Im Falle Jan Heintze aber rechtfertigte auch die Leistung eine WM-Nominierung: Er war eine der sichersten Personalien im WM-Kader. In Dänemark wurde bislang nie danach gefragt, wann er seine große Karriere beendet. Es gibt nicht wenige Dänen, die ihm eher raten, es weiter zu versuchen - in vier Jahren bei der WM im Nachbarland Deutschland.Abschiedsspiel (4) // Eine WM ist eine Zäsur. Große Spieler verlassen die Bühne, neue treten auf. Wer die Hauptdarsteller vom 31. Mai bis 30. Juni in Asien sein werden, lässt sich kaum prophezeien. Figo, Zidane, Beckham zählen zu den üblichen Verdächtigen, aber die drei sind verletzt oder ausgezehrt nach einer langen Saison.In elf Folgen stellen wir eine Auswahl seit langem bekannter Profis vor; Senioren, für die die WM die letzte Chance zum großen Auftritt birgt. Einer verabschiedete sich bereits vor dem Turnier: Irlands Kapitän Roy Keane (Folge 3) wurde aus disziplinarischen Gründen nach Hause geschickt.DPA/MICHELE LIMINA Zuverlässig: Jan Heintze, 82 Spiele für Dänemark, mehr als 700 für Eindhoven.