Küss mich, Käthchen! Unter diesem verwegen-treudeutschen Titel vollzog sich am 19. November 1955 in Frankfurt am Main der endgültige Durchbruch einer US-amerikanischen Kunstform, deren Siegeszug in der Folge ganz im Sinne der Re-education verlief: Das Musical trat an die Stelle der muffig gewordenen Operette, traf aber nicht nur mit seinem Broadway-Idiom den Nerv der Zeit, sondern kam auch den gebildeten Ständen Westdeutschlands entgegen, weil es sich mit klassischen Bildungsstoffen zu schmücken wusste. Cole Porters "Kiss me, Kate" bezog sich auf Shakespeares "Der Widerspenstigen Zähmung", wie sich wenig später "My Fair Lady" auf Shaws "Pygmalion" beziehen sollte und "West Side Story" auf "Romeo und Julia".Die Handlung von "Kiss me, Kate" ist rasch erzählt. Eine Theatertruppe bringt Shakespeare als Musical heraus, wobei sich die Geschehnisse auf der Bühne mit denen dahinter natürlich aufs Abenteuerlichste verschränken: Die zu zähmende Kate ist die immer noch eifersüchtige Ex-Frau Lilli von Regisseur Fred, der ihren Gatten Petruchio spielt, aber mit einer Nebenactrice rummacht, worauf Lilli .nun, und so weiter eben. Die Kulturkritik rümpfte damals natürlich die Nase, wie stets verhallte dieses Rümpfen aber ungehört.Heute gehört das klassische Musical ebenso wie die klassische Operette längst zu den Kunstgattungen, die unter Artenschutz stehen sollten. Der Rang in der Publikumsgunst ist ihnen von weitgehend humorfreien, globalisierten Großproduktionen im Stil Andrew Lloyd Webbers abgelaufen worden. So ist nichts dagegen einzuwenden, dass sich die Komische Oper gelegentlich eines Musicals annimmt, wie jetzt eben "Kiss me, Kate" in der Inszenierung von Barrie Kosky. Die Frage ist eher, wer sich heute noch angesprochen fühlen soll, wenn gesungen wird: "Schlag nach bei Shakespeare, dann kriegst du jede Frau!" Wer die Shakespeare'schen Stücktitel gar nicht mehr kennt (wozu sich nach der Premiere am Sonnabend ein Premierengast der jüngeren Generation ohne jede Scham bekannte), dem muss nicht nur dieses Fazit unverständlich erscheinen, sondern auch so schöne Pointen wie: "Wenn die Süße nicht will und dir grollt / sag: Wir spielen heut nur ,Was ihr wollt'".Aber für tanzende Männer in schicken Paillettenfummeln, dafür gibt es in Berlin immer ein Publikum, und so lautete das Motto auch dieses Abends wieder mal: Glitter and be gay. Ein eigenes, hochprofessionelles Tanzensemble ist engagiert worden, pfauenbunt und paillettenübersät ging es zu, und wo nicht Puschelkostüme und Turmperücken dominierten, sah man so viele schöne nackte männliche Oberkörper und appetitliche halbnackte weibliche Hinterteile wie sonst selten auf der Opernbühne. Bevorzugtes Rollenmodell war der in allen Farben schillernde Las-Vegas-Cowboy, selbst die beiden herzig berlinernden Ganoven Christoph Späth und Peter Renz fanden sich zuletzt in grünglänzenden Cowboykostümen wieder. Cole Porter, der seine homosexuellen Neigungen noch hinter einer Ehefassade tarnen musste, sorgte so für Text und Subtext des Abends zugleich. Und das ist auch gut so: Denn ohne den eifrigen Kunst- und Theatersinn von Berlins Schwulen wäre das Kulturleben der Stadt - sei es auf Produzenten- oder auf Konsumentenseite - vermutlich längst zusammengebrochen. Schwul oder nicht, das Publikum amüsierte sich in jedem Fall wie Bolle. Der Abend war ein geradezu rauschender Erfolg; eine konstant hohe Auslastung ist ohne großes Risiko vorherzusagen.Und hier liegt der Hase im Pfeffer: Denn betreibt die Komische Oper hiermit nicht - trotz des eingangs erwähnten, löblichen Kunstartenschutzes - letztlich Unterhaltungstheater reinsten Wassers und somit eine Sparte, die in Deutschland, wo die Kunst keinen Spaß machen darf, nicht öffentlich gefördert wird? An der Grenze dazu, den privaten Musicalbetreibern Konkurrenz zu machen, bewegt sich der Abend tatsächlich, vor allem in seiner zweiten Hälfte. Es sind aber seine schwächeren Momente - zumindest für Besucher, die virtuosen Steptanznummern und akrobatischen Einlagen bestenfalls höflich-kalte Bewunderung der darin sich zeigenden "Körperbeherrschung" entgegenbringen können.Die stärkeren, ach was, die großartigsten Momente des Abends, und das sind doch eine ganze Menge, ereignen sich immer dann, wenn Dagmar Manzel auf der Bühne steht. Dagmar Manzel! Zu Beginn des Abends kommt sie ganz allein heraus und fängt leise an zu singen: "Der erste Abend / der neuen Show .", mit perfekt synkopiertem "A-bend" und jenem typisch amerikanischen, langsam sich einschwingenden Ausdrucksgurren auf dem langgedehnten Vokal von "Show". Nach diesen ersten zwei Zeilen weiß man schon: Mit Dagmar Manzel wird dieser Abend was, sie beherrscht die völlig unpeinliche Showbusiness-Attitüde schlafwandlerisch, selbst im alsbald einsetzenden Tänzergetümmel bewahrt sie stets die Oberhand. Und genauso gut kann sie im Handumdrehen ins schnödeste Berliner Nebenbei-Gemaule verfallen, das, Dank sei dem Microport, klar bis in die letzten Reihen dringt. Diesen stets mit untrüglichem Timing gesetzten Stilbruch, den Knacks zwischen himmelwärts jubilierender Kantilene und gossennah geerdetem Proletariat beherrscht Dagmar Manzel zum Entzücken. Selbst wenn es "viel zu heiß" (too darn hot) ist, kühlt sie uns mit einer kleinen Seitenbemerkung über die wohltätigen Wirkungen des Whiskykonsums auf schmerzende Pobacken wieder ab - ob da doch der gute alte Brecht'sche Verfremdungseffekt noch leise nachklingt?Dagmar Manzel und sie allein - trotz wackerer Mitsänger wie dem leider im Dialog schwachen Roger Smeets und dem kurz, aber kräftig tenoral strahlenden F. Dion Davis - bewahrt diesen Abend vor der bloß abschnurrenden Nummer. Sie tanzt keinen Steptanz und macht keinen Handstand - aber sie ist bis in die albernste Grimasse hinein die von Barrie Kosky liebevoll inszenierte Ironiekönigin, die es uns erlaubt, diese "Kiss me, Kate" doch noch mit Erleichterung der Kunstseite zuzuschlagen. Geschafft!------------------------------Kiss me, KateMusical von Cole PorterMusikalische Leitung: Koen SchootsRegie: Barrie KoskyMitwirkende: Dagmar Manzel (Lilli Vanessi/Katharina), Roger Smeets (Fred Graham), Danny Costello (Bill Calhoun/ Lucentio), Sigalit Feig (Lois Lane/Bianca) u.a.; Chor und Orchester der Komischen Oper Berlin, TanzensembleNächste Vorstellungen: 7., 14., 20., 25. Juni, 2., 10., 11., 26. Juli.Fernsehübertragung: Am 7. Juni ist "Kiss me, Kate" um 20.15 Uhr auf 3sat zu sehen.------------------------------Foto: Schon nach den ersten zwei Zeilen weiß man: Mit Dagmar Manzel (Mitte, als Katharina) wird dieser Abend was.