Dahme und Spree laufen über, damit die Kohleschiffe weiter täglich die Hauptstadt versorgen können: Das Opfer für die Rettung Berlins

TEUPITZ. Wenn Behörden die Sperrung einer kleinen Landstraße ankündigen, trifft die Warnung meist nur auf begrenztes regionales Interesse. Meist handelt es sich um eine lange geplante Baumaßnahme, meist gibt es eine nahe Umleitung. Ganz anders ist es im Fall der Landstraße L74, die nun zwischen Teupitz und Egsdorf dicht ist. Dort kann niemand sagen, ob die Straße defekt oder noch in Ordnung ist, denn die Fahrbahn ist verschwunden - sie ist überflutet.Die Sperrung ist Ausdruck eines akuten Problems rund um Berlin. Wegen der vielen Hochwasser der vergangenen Wochen sind viele Regionen entlang von Oder, Elbe, Havel und Schwarzer Elster überflutet. Auch zwischen Berlin und dem nördlichen Spreewald bei Lübben sind Dutzende Quadratkilometer überschwemmt, vor allem neben den Flüssen Dahme und Spree und den vielen Seen.Neues Jahrhunderthochwasser"Fachleute sagten uns, dass in der Region Teupitz seit 100 Jahren nicht so viel Wasser war", sagt der Landrat des Kreises Dahme-Spreewald, Stephan Loge. Das Ausmaß wird an der Sperrung deutlich: Die Verwaltung geht nicht davon aus, dass das aktuelle Hochwasser in der Region schnell zurückgeht, und hat die Straße bis 28. Februar gesperrt.Für die Anwohner ist das kleinere Problem, dass die Umleitung bis zu 50 Kilometer lang ist, schlimmer ist, dass ihre Keller geflutet sind. "Ich glaube nicht, dass die Betroffenen sich Hoffnung auf Entschädigungen machen können", sagt Landrat Loge. Denn Gebiete wie das Oderbruch sind seit dem Sommer überflutet, dort ist die Lage noch viel dramatischer. Loge weiß aber, dass ein Rechtsanwalt nun gegen das Wasser- und Schifffahrtsamt klagen will.Der Vorwurf vieler Anwohner lautet, dass ihre Felder, Gärten und Keller von der Bundesbehörde geopfert wurden, um den Schaden in Berlin möglichst klein zu halten. Dass dies nicht ganz falsch ist, sagt auch Michael Scholz, Chef des Wasser- und Schifffahrtsamtes Berlin. "Es gab eine Schadensabwägung und Einigkeit bei allen zuständigen Behörden in Berlin und Brandenburg." Wären die Wassermassen über Dahme und Spree ungebremst nach Berlin gelangt, hätte dies auch gravierende Auswirkungen auf die Wärmeversorgung der Hauptstadt gehabt. Die Schifffahrt wäre unmöglich geworden und damit die Kohleversorgung. "Der Höchstwasserstand an der Langen Brücke in Köpenick darf um keinen Zentimeter überschritten werden", sagt er. Sonst passten darunter die Schiffe nicht mehr durch: Der sogenannte Kohlependel käme zum Erliegen. Das sind jene Schiffe, die das größte Berliner Kohlekraftwerk Klingenberg in der Rummelsburger Bucht vom Hafen Königs Wusterhausen (Dahme-Spreewald) aus versorgen. Derzeit transportieren täglich acht große Schubverbände etwa 8000 Tonnen mit Lausitzer Braunkohle.Hauptursache für die Überschwemmungen sind massive Regenfälle und die nachfolgenden Hochwasser - allein fünf gab es im Vorjahr. Gleichzeitig ist der Mensch maßgeblich beteiligt, der die Flüsse über Jahrhunderte eingeengt hat und den Wasserstand nun mit Wehren steuert. Die Wassermassen der Spree kommen aus Sachsen, werden dann in der Talsperre Spremberg abgefangen und dort so kontrolliert abgelassen, dass die Großstadt Cottbus nicht überflutet wird.Dann verteilen sich die Wassermassen erst einmal im weit verzweigten Spreewald und vereinen sich vor Lübben wieder zur Spree. Mit dem Wehr in der Nähe des Örtchens Leipsch wurde nun ein Teil des Wassers von der Spree abgezweigt und über die Dahme in Richtung Berlin geleitet. Denn das Wasser sollte möglichst breitgefächert weitergeleiten werden. "Das sind dramatische Mengen, die da unterwegs waren", sagt Scholz.Doch dann kam es kurz vor Berlin am Wehr Neue Mühle zu Problemen. Denn einer der vier Durchlässe dort ist seit anderthalb Jahren defekt. Erst 2012 sollte er für 600000 Euro repariert werden. Der Grund: Seit 70 Jahren gab es dort keine Hochwasserprobleme. Diesmal aber doch. "Aber auch mit allen Durchlässen hätten wir die Überflutungen nicht verhindern können", sagt Scholz. "Der höchste dort jemals gemessene Wasserstand wurde vier Zentimeter überboten."Landrat Loge ist überzeugt, dass viel Pech zusammenkam: vor allem der viele Regen, das hohe Grundwasser, aber auch der Defekt am Wehr. "Doch nach dem Hochwasser an der Spree im Sommer hätte diesmal viel zeitiger viel mehr Wasser kontrolliert nach Norden geleitet werden müssen." Nun will er im Februar einen Runden Tisch organisieren, damit ein abgestimmtes Hochwassermanagement für die gesamte Region geschaffen wird.------------------------------Vorerst kein Ende in SichtDas Hochwasser an der Dahme sinkt nur langsam. Denn derzeit führen alle größeren Flüsse viel Wasser und können das Wasser ihrer Nebenflüsse nicht aufnehmen.Die Dahme fließt in Berlin nur sehr langsam in die Spree, da diese ebenfalls viel Wasser mit sich führt.Die Spree selbst fließt nur langsam, weil sie nicht in die Havel kann, denn auch dort ist Hochwasseralarm. Und die Havel kann nur wenig Wasser in die Elbe abgeben, weil die ebenfalls unter Hochwasser leidet.An der Oder begann das aktuelle Hochwasser am 14. Dezember. Große Teile des benachbarten Oderbruchs sind seit August überschwemmt. Das Jahr 2010 war das hochwasserreichste in Brandenburg. Es gab fünf Hochwasser - so viele wie seit Beginn der Messungen vor 160 Jahren nicht. Schuld sind massive Regenfälle in den Quellgebieten von Oder und Elbe in den Gebirgen Polens und Tschechiens. Experten werten die Zunahme der Wetterextreme als Folge der Klimaerwärmung. Die Wolkenmassen saugen sich über dem Mittelmeer voll Wasser und ziehen nach Norden. Da das Meer im Vorjahr 3,5 Grad wärmer als üblich war, verdunstete viel mehr Wasser.------------------------------Foto: Seen statt Felder: Seit vergangenem Spätsommer sind weite Teile des 12000 Hektar großen Oderbruchs von einem sogenannten Binnenhochwasser überflutet. Ähnliche Bilder sind entlang der Hochwasserflüsse Elbe und Schwarze Elster zu sehen. Nun auch entlang von Dahme und Spree vor den Toren Berlins.