Anfang Mai 1945 war Fulda schon seit Tagen von US-Truppen befreit. Als sich die Nachricht von Hitlers Tod verbreitete, ließ Erzbischof Adolf Bertram in allen Kirchen einen Gedenkgottesdienst für den "Führer" abhalten. Das ist eine der nicht ganz neuen Geschichten, die der amerikanische Sachbuchautor Daniel Jonah Goldhagen für sein neues Werk "Die Katholische Kirche und der Holocaust" aufwärmt. Goldhagen ist für sein Buch "Hitlers willige Vollstrecker" bekannt. Darin vertrat er die These, der Mord an den europäischen Juden sei das zentrale deutsche nationale Projekt gewesen, das die allermeisten "gewöhnlichen" Deutschen aus freiem Willen unterstützt hätten. Die alleinige Grundlage hierfür habe ein "eliminatorischer Antisemitismus" gebildet, der sich über Jahrhunderte in einer deutschen Sonderentwicklung herausgebildet habe.Auf seiner Lesetournee 1996 fügte Goldhagen hinzu, jene besondere Form des Antisemitismus sei durch Umerziehung seitens der Alliierten in der Nachkriegszeit verschwunden. Seine Thesen wurden von einem westdeutschen linksliberalen Publikum begeistert aufgenommen, Goldhagens Auftritte füllten Sporthallen: Endlich konnte man die Großeltern- und Elterngeneration insgesamt beschuldigen, ohne lange nachdenken zu müssen, und selber hatte man praktischerweise mit der Sache nichts zu tun.Trotzdem half jenes Buch, eine wichtige Diskussion mit anzustoßen: Über Biografien und Motive der Täter beim Mord an den Juden und anderer deutscher Verbrechen war, so seltsam es klingen mag, kaum Sicheres bekannt, Goldhagen benutzte neues, wenn auch problematisches Archivmaterial, und trotz aller Mängel und vernachlässigter Zusammenhänge betonte er zu Recht, dass Ideologie, Grausamkeit und Eigeninitiative der Täter vernachlässigt worden waren.Diesmal geht es Goldhagen um die katholische Kirche, und keineswegs nur um die deutsche. Seit dem Ende des Kalten Krieges gibt es eine Welle von kritischen Forschungsarbeiten über die Rolle der Päpste und der katholischen Kirche bei der Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden. Goldhagen wurde 2000 gebeten, eine Sammelbesprechung über einige dieser Werke zu schreiben. Er hat sie zu einem Buch aufgebläht, das keine neuen historischen Erkenntnisse bringt, auf kein einziges unveröffentlichtes Dokument Bezug nimmt und dem alle Konkretion fehlt, die sein erstes Buch so eingängig machte.Goldhagen geht mehrmals kurz auf die Entwicklung bis 1900 ein: Antisemitismus sei ein untrennbarer Bestandteil der katholischen Lehre gewesen, mit den Evangelien und der These vom "Christusmord" angefangen. Mit Recht betont er, dass die Übergänge zwischen kirchlichem und modernem, rassistischem Antisemitismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts fließend waren. Katholischer Antisemitismus, so das Ergebnis der neueren Forschung, war politischer und stärker aktionsorientiert als früher angenommen. Der Einfluss der Kirche war nicht gering (in der mit Deutschland verbündeten Slowakei war sogar ein Priester Staatschef), wurde noch seltener als im Fall der Protestanten zur Fürsprache für die Juden genutzt, immer wieder aber beschworen Bischöfe die so genannte jüdische Gefahr. Juden übten angeblich Verrat an der (jeweiligen) Nation, unterstützten Bolschewismus, Liberalismus und Säkularismus, beuteten die Christen aus und vergifteten Kultur und Erziehung mit ihren Ideen. Nach 1945 unterstützten höchste katholische Würdenträger noch die schlimmsten Massenmörder und verhalfen vielen zur Flucht, darunter Eichmann. All das ist nicht neu.Goldhagen bespricht die Rolle von Eugenio Pacelli, dem Papst Pius XII., während der Judenvernichtung und merkt zutreffend an, dass eine "Fixierung auf den Papst" wenig nützlich sei, der "freie Wille" der Kleriker berücksichtigt werden müsse und die antisemitischen Beiträge tausender Kleriker das umfassendere Problem darstellten. Doch springt die Darstellung zwischen beidem hin und her, konkrete Analysen fehlen, etwa zur Frage, wie Kirchen Juden behandelten, die während der Massenvernichtung zum katholischen Glauben überzutreten versuchten. Die Bedeutung von Strukturen, Hierarchien und Eigenverantwortung wird nicht abgeschätzt, kirchliche Befürwortung von Deportationen und Rettungstaten durch viele Ordensgeistliche werden nur gegenübergestellt. Die Anklage lautet im Ganzen: mit Bedacht unterlassene Hilfeleistung und damit Mittäterschaft.Der Autor bleibt diesmal nicht bei der Feststellung des Tatbestandes stehen. Sein Ziel schließt die moralische "Beurteilung der Schuld" und die Festlegung der "Wiedergutmachung des Schadens" ein (so heißen Abschnitt II und III, die zwei Drittel des Buches füllen).Am Ende fordert Goldhagen neben der Offenlegung der Kirchenakten in maßvollem Realismus die Auflösung des Vatikanstaates, die Änderung des Bibeltexts durch eine ökumenische Weltversammlung, die Demokratisierung der autoritären Strukturen der Kirche, die Aufgabe ihrer "imperialistischen Ambitionen" und des Unfehlbarkeitsdogmas, Anerkennung des Glaubenspluralismus, Denkmale für die jüdischen Opfer kirchlichen Antisemitismus, politische Unterstützung für den Staat Israel, eine päpstliche Enzyklika über das Ve rhältnis zum Judentum und eine Umerziehung der Gläubigen weg vom Antisemitismus - eine Kampagne, die die Kirche "ins Zentrum ihrer Mission rücken" und der sie "höchste Priorität einräumen" müsse.Goldhagens Argumentation ist willkürlich, voll unklarer Begriffe und Widersprüche. Mal wussten die katholischen Antisemiten, dass ihr Handeln falsch war, dann wieder hätten sie von der Kirche "aus ihrer moralischen Erstarrung aufgerüttelt werden müssen, um zu erkennen, dass der Massenmord böse war". Mal ist der Antisemitismus für die gesamte "narrative Struktur" und den Kern des Neuen Testaments "konstitutiv", dann wieder genügen einzelne Streichungen zu dessen "Säuberung". Goldhagen definiert seinen "eliminatorischen Antisemitismus" um und fasst ihn weiter, um schließlich den Weg zur "eliminatorischen Theologie" zu bahnen. Der "eliminatorische" Weg, so ergibt sich stillschweigend, ist also nicht mehr für Deutsche reserviert.Goldhagens Stil ist polemisch, er arbeitet mit rhetorischen Fragen, Spekulationen, Wiederholungen. Zentral ist die Beschwörung der "Wahrheit" und der (am besten "unbestreitbaren" oder "grundlegenden") "Tatsachen", die freilich oft bloße Annahmen oder Überzeugungen sind. Das Verständnis für die Subjektivität von Wissen, Einschätzungen und "Wahrheit" ist Goldhagen fremd. Folglich ist sein Hauptvorwurf, das Neue Testament enthalte "Lügen" über die Juden und keine "getreuliche Darstellung historischer Tatsachen". Im anschließenden Satz beruft er sich auf die "objektive Geschichtsforschung von heute". Dass die Forderung, die Bibel in einen historisch korrekten Text umzuwandeln, so wenig sinnvoll sein könnte wie die Vorstellung, man könne die katholische Kirche "zwingen", "endlich in die Moderne einzutreten", kommt Goldhagen offenbar nicht in den Sinn.Unser Autor ist Historiker. Von ihm erschien zuletzt: "Das letzte Kapitel. Der Mord an den ungarischen Juden" (DVA, 2002, verfasst mit Götz Aly.)Daniel J. Goldhagen: Die katholische Kirche und der Holocaust. Eine Untersuchung über Schuld und Sühne. Aus dem Engl. von Friedrich Griese. Siedler, Berlin 2002. 476 S., 24,90 Euro.Foto: BILDARCHIV PREUSSISCHER KULTURBESITZ August 1933, bei einem katholischen Jugendtreffen im Stadion Berlin-Neukölln

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