Zu den unvergesslichsten Szenen in Daniel Kehlmanns Roman "Die Vermessung der Welt" gehört sicher folgende: Alexander von Humboldt sitzt in einem Boot auf dem Rio Negro und soll seinen Begleitern eine Geschichte erzählen. Leider wisse er keine, erklärt er, deshalb wolle er lieber eine frei ins Spanische übersetzte Version des "schönsten deutschen Gedichts" vortragen: "Oberhalb der Bergspitzen sei es still, in den Bäumen kein Wind zu fühlen, auch die Vögel seien ruhig, und bald werde man tot sein."Natürlich hat Humboldt diese ergötzliche Paraphrase von "Wanderers Nachtlied" so nie zum Besten gegeben. Der Journalist Werner Biermann, der Humboldts fünfjährige Reise durch Süd- und Mittelamerika in einer historischen Reportage nachzeichnet, erwähnt jedenfalls nichts dergleichen. Überhaupt unterscheidet sich seine Darstellung erheblich von Kehlmanns Roman über den Naturforscher Alexander von Humboldt und den Astronomen und Mathematiker Carl Friedrich Gauß - und das nicht nur, weil er sich als Sachbuchautor den historischen Quellen stärker verpflichtet fühlt als der Romancier. So befreiend es ist, Humboldt in Kehlmanns humoristischer Fiktion als linkischen Goethe-Rezitator und durchgeknallten Vermessungscholeriker belächeln zu dürfen - dem historischen Humboldt wird Biermann besser gerecht, wenn er ihn ohne jede Klassiker-Idolatrie, aber doch respektvoll als einen der bedeutendsten Forschungsreisenden des 19. Jahrhunderts würdigt.Biermann zeigt ihn als ein von überstrengen Privatdozenten "gemisshandeltes Kind", den seine adelig-großbürgerliche Umgebung auf "Schloss Langweil" - so nannten er und sein Bruder Wilhelm Schloss Tegel bei Berlin - dermaßen anwidert, dass er schon als Teenager Fluchtpläne in die Südsee schmiedet. Doch erst 1799, mit knapp Dreißig, sticht er mit dem Botaniker Aimé Bonpland in See. Dank weit reichender Vollmachten des spanischen Königs darf er in den "überseeischen Besitzungen" nach Herzenslust Pflanzen sammeln, astronomische und barometrische Messungen vornehmen und die dabei erbeuteten, brandheißen Daten exklusiv in seine Notizbücher kritzeln.Trotz solcher Lust an der genauen Beobachtung hält Biermann es für ein Missverständnis, "wenn Humboldt, auch in Romanen, als gefühlskalter und letztlich tumber Verstandesmensch dargestellt wird." Er sieht in ihm einen leidenschaftlichen Universalgelehrten, dem es keineswegs um positivistische Faktenhuberei ging: "Alles, was angesichts der Natur zur Seele des Menschen spricht, entzieht sich völlig den Messungen," schrieb Humboldt. Dass dieser emphatische Naturfreund Goethe so verständnislos rezitieren würde wie Kehlmanns "Humboldt", ist unwahrscheinlich.Allerdings würde Kehlmann ja auch nie behaupten, dass Humboldt genau so war wie von ihm geschildert. "Der historische Roman ist erstens Roman und zweitens keine Historie," schrieb Alfred Döblin. Und auch Kehlmann weiß, dass sich das Verhältnis von literarischer und historischer Wahrheit aus Sicht des Romanciers anders gestalten kann als in den Geschichtsbüchern: "Erzählen, das bedeutet, einen Bogen spannen, wo zunächst keiner ist, den Entwicklungen Struktur und Folgerichtigkeit gerade dort verleihen, wo die Wirklichkeit nichts davon bietet."So steht es in Kehlmanns Essay "Wo ist Carlos Montúfar?", der kurz nach dem Erscheinen der "Vermessung der Welt" im Herbst 2005 in einem gleichnamigen Essayband veröffentlicht wurde. In einer von Gunther Nickel herausgegebenen Sammlung von Interviews und wissenschaftlichen Beiträgen zur "Vermessung der Welt" ist der Text nun wiederabgedruckt. (Rowohlt TB, 2008. 217 S., 8,95 Euro.) All jenen, die historischen Romanen im Allgemeinen und der "Vermessung der Welt" im Besonderen so gern historische Ungenauigkeit vorwerfen, sei er ans Herz gelegt.Wer sich trotzdem lieber an quellentreue Darstellungen hält, sollte Hubert Manias Gauß-Biografie lesen. Mania schafft, woran schon mancher Mathelehrer scheiterte: Gauß' bahnbrechende Entdeckungen so anschaulich zu erklären, dass sie selbst der letzte Schöngeist kapiert. Sogar den Fundamentalsatz der Algebra! Dennoch fällt es schwer, den historischen Sternwart von Göttingen ähnlich fest ins Herz zu schließen wie Humboldt. Das liegt nicht nur daran, dass der Werdegang dieses genialen Rechners, der Göttingen jahrzehntelang nicht verließ, naturgemäß nicht ganz so aufregend war wie das Leben eines Weltreisenden, der die Wirkung des Pfeilgifts Curare im Selbstversuch testete und gern mal in einen grünlich vor sich hin brutzelnden Vulkankrater hineinkletterte. Nein, bei Gauß vermisst man das persönliche Format, eine seiner intellektuellen Leistung gleichwertige menschliche Größe. Denn nicht nur bei Kehlmann, auch bei Mania zeigt er sich oft erschreckend hartherzig: Als seine Frau Johanna an der Geburt ihres dritten Kindes stirbt, ersetzt er sie einfach durch ihre beste Freundin. Seinen Sohn Eugen schiebt er erst ins Internat ab, später verstößt er ihn ganz - bloß weil er sich mit ein paar Kommilitonen anlegt. Und als sein anderer Sohn Wilhelm, der in Amerika Sklaven für sich arbeiten lässt, ihm einmal schreibt, dass viele seiner schwarzen Untergebenen "nur ein Übergang vom Thiere zum Menschen" seien, hat Gauß offenbar kein Problem mit dieser Einstellung. Humboldt hätte anders reagiert: "Die Sklaverei ist das größte aller Übel, welche die Menschheit bisher gepeinigt haben," schrieb er.Biermann hin, Mania her: Was ist davon zu halten, dass derzeit - pünktlich zum Erscheinen der Taschenbuchausgabe der "Vermessung der Welt" (Rowohlt TB 2008. 9,95 Euro.) - so viele neue Bücher zu Humboldt, Gauß & Co. erscheinen? Im Januar war Daniel Kehlmann ein Heft der Zeitschrift Text & Kritik gewidmet (Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): edition text + kritik, Heft 177, 91 S. 16 Euro.), und für den Unterrichtsgebrauch erschien eine Interpretationshilfe von Wolfgang Pütz (Oldenbourg Schulbuchverlag 2008, 144 S., 12,25 Euro.).Nun spielen bei der Entscheidung für solche Titel in den Verlagen gewiss auch ökonomische Interessen eine Rolle. Schließlich zählt "Die Vermessung der Welt" mit rund 1,2 Millionen verkauften Exemplaren im Hardcover zu den erfolgreichsten Werken deutscher Literatur nach 1945. Nach einer in der New York Times veröffentlichten Liste erreichte das Buch weltweit sogar mehr Leser als Dan Browns "Da Vinci Code".. Wenn davon nur jeder hundertste die weiterführenden Titel kauft, müssten die doch auch Bestseller werden, mag sich da mancher Programmplaner ausrechnen. Und auf die Idee kommen, seine Bücher nach dem ipod-Prinzip zu verkaufen - indem er ein Produkt auf den Markt bringt (Die Vermessung der Welt), für das anschließend noch massenhaft Zubehör (die Gauß-Biografie, der Materialienband, das Humboldt-Buch ...) angeschafft werden muss.Mit der nahe liegenden Kritik, hier könne eine gierige Kehlmann-Industrie den Hals wohl nicht voll genug kriegen, wird man Nickels Sammlung und den Werken Manias und Biermanns trotzdem nicht gerecht. Selbst wenn die "Vermessung der Welt" nie geschrieben worden wäre, würde es sich lohnen, sie zu lesen. Und was ist schlimm daran, mit guten Büchern Geld zu verdienen?------------------------------Werner Biermann:Der Traum meines ganzen Lebens.Humboldts amerikanische Reise.Rowohlt, Berlin 2008. 352 S., 19,90 Euro.Hubert Mania:Gauß. Eine Biografie.Rowohlt, Reinbek 2008. 368 S., 19,90 Euro.------------------------------Foto: Aufbruch aus "Schloss Langweil": das Segelschiff "Alexander von Humboldt" bei der Windjammer-Parade in Kiel.