Als Daniel Kehlmann vor einiger Zeit in Sankt Petersburg aus seinem ersten Roman las, meldete sich eine Frau zu Wort und beschuldigte ihn, an einer österreichischen Verschwörung zur Ermordung Puschkins beteiligt gewesen zu sein. Die Anekdote ist nach Kehlmanns Geschmack. Der 28-jährige, in München geborene Wiener mit deutschem Pass hat Sinn für den Wahnsinn, der im Alltag ausbricht. Davon erzählen seine Bücher; seine Figuren sind isoliert, stehen am Rand und oft neben sich.Puschkin starb vor mehr als 160 Jahren in einem Duell. Um ein Duell, ein Kräftemessen zwischen Ungleichen geht es auch in Daniel Kehlmanns Roman "Ich und Kaminski". Erneut erweist sich Kehlmann, dem schon anlässlich seines Debüts vor vier Jahren "frühe Meisterschaft" attestiert worden war, als origineller Erzähler, der souverän und reich an literarischen Bezügen mit seinem Stoff umgeht. Und Kehlmann beweist vermittels eines atemberaubend unsensiblen und unsympathischen Icherzählers großen Sinn fürs Komische: Dieser Icherzähler heißt Sebastian Zöllner und ist Journalist in Sachen Kunst. Mäßigen beruflichen und privaten Erfolg vereint er mühelos mit an Größenwahn grenzender Selbstüberschätzung, aggressiver Aufdringlichkeit und einem energischen Aufstiegswunsch. "Mein Temperament wirkte ansteckend": So deutet Zöllner anlässlich eines Abendessens, bei dem er - als ungeladener Gast - alle Anwesenden durch Geschmacklosigkeiten brüskiert, seine eigene Wirkung. Zöllner heftet sich an die Fersen des berühmten, zurückgezogen in einem Alpendorf lebenden Malers Manuel Kaminski. Der steht mit einem Fuß im Grab, Zöllner will rechtzeitig zum Ableben eine Biografie herausbringen.Kaminski ist für Zöllner das Eintrittsticket in die Welt der eigenen Berühmtheit: "Man würde mich ins Fernsehen einladen, ich würde über ihn sprechen, und am unteren Bildrand würde in weißen Buchstaben mein Name und Kaminskis Biograf eingeblendet sein. Das würde mir einen Posten bei einem der großen Kunstmagazine bringen. " Dass allerdings umgekehrt der alte, entmündigte Kaminski Zöllner für seine Zwecke ausnützt, ihn dazu bringt, zwei Autos zu entwenden, sein Konto heillos zu überziehen und mit Kaminski zwei Tage quer durchs Land zu gondeln, geht Zöllner erst auf, als es zu spät ist."Ich wollte über das beidseitig merkwürdig parasitäre Verhältnis zwischen einer lebenden Berühmtheit und ihrem Biografen schreiben", sagt Kehlmann. Der Reiz seines Buchs liegt in der raffinierten Ausleuchtung dieser zweischneidigen Beziehung. Kehlmann belässt es aber nicht bei der reinen Satire. Zwischen seinen beiden ungleichen Helden tauchen immer mehr Ähnlichkeiten auf. Die Frage, ob nicht nur der Biograf, sondern auch der Maler ein Blender ist, gibt der Geschichte zusätzlichen Zündstoff. Gelöst kann sie nicht werden, denn der Leser ist in die Perspektive eines in Kunstdingen ahnungslosen Ich-erzählers eingesperrt. Schließlich gestattet Kehlmann seinem Erzähler sogar einige Momente der Selbsterkenntnis und Einsicht in die eigene Misere. Für kurze Zeit entsteht Sympathie zwischen Zöllner und Kaminski: der undurchsichtige, alte Maler - halb Weiser, halb Verrückter - bekommt für Augenblicke die Rolle des Lehrers zugeteilt.Von einer Entwicklung zu sprechen, wäre zu viel, aber der Roman nimmt eine Wendung in Ton und Stimmung, führt zu einer Auseinandersetzung mit der (zumindest denkbaren) Wandlungsfähigkeit des Icherzählers. Das, sagt Kehlmann, sei ein Autor seinen Figuren schuldig. Er dürfe sie nicht nur ausnutzen, er müsse in ihnen zumindest die Möglichkeit einer Entwicklung andeuten. "Sonst", sagt Kehlmann, "hat man keine Geschichte erzählt".Daniel Kehlmann: Ich und Kaminski.Suhrkamp, Frankfurt/Main 2003. 174 S. , 18,90 Euro.