BERLIN, im Februar. "Ich bin nicht erwünscht. Zumindest nicht von meiner Mutter." Kein schlechter Anfang für eine Autobiografie. Gleich entsteht Mitgefühl. Auf dem Umschlag sieht Daniel Küblböck seinem Leser nachdenklich und traurig in die Augen - ein kindlicher junger Mann, dem Lichtgestalter oder Bildbearbeiter einen engelsgleichen Teint geschenkt haben. Das Buch, "Ich lebe meine Töne", das eine Journalistin professionell durchformuliert hat, reicht die Vorgeschichte von Daniel Küblböck nach. Die Vorgeschichte eines Achtzehnjährigen. Innerhalb weniger Monate war er für 85 Prozent der Deutschen zu einem bekannten Namen geworden. Wer ist Daniel Küblböck? Wahrscheinlich wird ein beliebiger erwachsener Gesprächspartner auf diese Frage mit Grimassen und Bocksprüngen reagieren, um ihn zu imitieren. Sehr junge Mädchen werden sprudelnd Bewunderung für ihn ausdrücken, mit dem Wort "supergeil" ist dabei zu rechnen. Allgemein gilt die Feststellung, dass er polarisiert. Was auch ein anderer Ausdruck für Geschäftshoffnungen ist. Das Buch kommt im September 2003 heraus. Es reagiert auf Alarmzeichen. Küblböck ist bei Konzerten ausgepfiffen worden, gebuchte Konzerthäuser verkaufen zu wenig Karten. Die Redakteurin einer Jugendzeitung schreibt: "Der Daniel ist durch." Der Daniel braucht schnell ein neues, weniger kreischendes Image. Random House gründet einen Unterverlag, "Random House Entertainement", da erscheint das Buch und verkauft sich nach Verlagsangaben 65 000 Mal, was nicht schlecht ist, aber auch nicht spektakulär. Vielleicht gefällt den Fans besser, was sie selber sehen, als das, was sie nachträglich erklärt bekommen. Fans sind nach eigenem, oft unergründlichem Entschluss die Interpreten ihrer Idole. Diese Autobiografie sollte eine sanfte Korrektur einleiten und menschlich rührendes Verständnis wecken. Nur die letzten Seiten handeln von der Medienkarriere des jungen Mannes seit "Deutschland sucht den Superstar". Der Rest ist eine verstörende Kindheit mit vielen Orts- und Schulwechseln, mit geschiedenen Eltern, einer Riege von dannen ziehender Ersatzväter und einem bösen Omen. Als Daniel zehn Jahre alt ist, sagt die Mutter zu ihrem Sohn: "Du bist nichts! Und du wirst nichts werden!"Wenn das wirklich so war, dann kann das uns sichtbare öffentliche Leben dieses Jungen als eine einzige Anstrengung gedeutet werden, der Prophezeiung zu entgehen. Daniel Küblböck aus Eggenfelden in Niederbayern, der nach schlechten Zeugnissen eine Ausbildung als Kinderpfleger begonnen hat, bewirbt sich bei "Deutschland sucht den Superstar". Es kommt eine Einladung zum Casting nach München. Die Vorjury winkt ihn durch, er darf vor die richtigen Entscheider. Küblböck singt, die Jury lacht, Dieter Bohlen sagt: "Du hast ne Schraube locker. Aber das meine ich positiv. Von mir aus bist du weiter."Das ist die Chance, die erste. Daniel ist da siebzehn. Er soll eine Schraube locker haben. Er besitzt die Frechheit, den Mut, die Kraft, die Überschätzung und die Naivität, aus seinem Typ eine Marke zu machen. Er ist leicht zu erkennen. Er singt schief, er bewegt sich ungelenk, er ist nicht attraktiv. Aber von allen Bewerbern ist er den Leuten im Publikum am ähnlichsten, den vielen, vielen Unbevorzugten. Sie applaudieren ihrem Stellvertreter und stimmen am Telefon für ihn. Kostet immerhin Geld. Manche machen sich auch einen Spaß daraus - eine subversive Volte gegen den Mainstream. Daniel kommt stets eine Runde weiter. In den Einspielfilmen vor seinen Auftritten sehen die Zuschauer, dass er sich schindet bei Gesangs- und Tanzlehrern. Das imponiert, so wie die große Klappe des Underdogs, der die Kritik der Jury nicht bescheiden vernimmt, sondern zurückweist. "Es wäre still im Wald, wenn nur die begabtesten Vögel singen dürften", sagt er. Mit breitem Lächeln im breitesten Bayerisch. Nicht schlecht. Bei RTL haben sie längst bemerkt, dass die meisten Zuschauerbriefe an Daniel Küblböck gehen. Er ist der Quotenbringer. Er bringt in den Wettbewerb die Unberechenbarkeit. Der Sender und bald auch die werbetreibende Industrie steigen voll auf ihn ein und verschaffen ihm größtmögliche Beachtung. Er gilt als authentisch. Wenn er karierte Kniestrümpfe trägt, wird das Mode. Als er unter die letzten drei Kandidaten kommt, gibt es schon zwanzig Daniel-Fanclubs in Deutschland. Keinem der besser singenden Konkurrenten schwappt so unbändige Zuneigung entgegen. Und so abgrundtiefer Hass. Es gibt Morddrohungen. Wenn es stimmt, dass Menschen ihre Persönlichkeit entwickeln, indem sie sich in anderen Menschen spiegeln, indem sie in fremden Augen den Widerschein ihres Tuns erkennen - dann muss dieser kindliche Clown aus allen seinen Sicherheiten gefallen sein. Die Überforderung wird immer deutlicher. Man liest von Nervenzusammenbrüchen hinter der Bühne. Küblböck gerät vor aller Augen völlig außer Fassung, als seine liebste Mitbewerberin Gracia ausscheiden muss. Natürlich schluchzt er auch, als er selber gehen muss, als Vorvorletzter. Zu viele Zuschauer hatten dann doch die Faxen dicke, seine Capricen, seine falschen Töne, das Kokettieren mit sexuellem Umherschweifen, der Größenwahn. Superstar wurde Alexander Klaws.Aber der kam nicht unter die wichtigsten Deutschen in der ZDF-Show "Unsere Besten". Küblböck kam auf Platz sechzehn. Vor Mozart und Albert Schweitzer. Alexander fuhr auch nicht wie Daniel als Pappfigur beim Karnevalszug mit, am Rosenmontag in Düsseldorf. Einen Tag später, Fastnacht, verursacht Daniel Küblböck, der keinen Führerschein besitzt, einen schweren Autounfall. Er nahm einem mit Gurkengläsern beladenen Laster die Vorfahrt und liegt seitdem auf der Intensivstation des Passauer Krankenhauses. Zum ersten Mal ist Daniel Küblböck ganz allein verantwortlich für sein Verhalten. Nicht für die mittlerweile übliche Ausbeutung. Zu seinem Befinden rufen die Ärzte Pressekonferenzen ein, es gibt medizinische Verlautbarungen - wie damals bei Breschnew oder heute beim Papst. RTL ändert das Programm, auch die Tagesschau berichtet.Er wird seine Strafe bekommen. Außerdem wünscht man dem Jungen eine lange Pause. Auch größere Nachdenker wären von den begleitenden Ereignissen um den "heimlichen Superstar" überfordert gewesen. Die Strategen haben ja immer weiter am großen Rad gedreht und ein Phantom mit vielen Gesichtern erfunden: Einen verdienstvollen Ehrenbürger von Eggenfelden, der sich in das Goldene Buch der Stadt eintrug, neben Schröder und Stoiber und Späth, und sein altes Wohnheim haben sie in "Daniel-Haus" umbenannt. Sie erfanden einen Mann, der verfügbar und es wert zu sein schien - so dass eine 29jährige Berliner Altenpflegerin die ganze Wohnung mit Daniel-Postern zuklebte und ihren protestierenden Ehemann verließ. So dass ein Zwanzigjähriger in Lindau seine fünfzehnjährige Freundin wegen ihrer Daniel-Anhimmelei aus Eifersucht erschoss. Und dann sich selbst. In welche Projektionsfläche sieht sich Daniel Kübelböck verwandelt? Mit welchen Realitätsverlusten? "Ich will Sex mit dir, Mariella." Da saß er auf der Pritsche im Dschungelcamp, reingeschickt als Auffangjäger seiner frühen Popularität, gestählt durch allerlei Mutproben, die sich wirkungsgeile Fernsehleute ausgedacht hatten. Daniel Küblböck wurde wieder Dritter und wieder der Meistbesprochene. Er hat inzwischen auch Titel eingesammelt: Er wurde "Brillenträger des Jahres" (Kuratorium Gutes Sehen e.V.), "Peinlichster Deutscher" (vor Bohlen), "Zweitnervigster Popsänger" (nach DJ Ötzi). Er ist immer noch erst achtzehn. Wer sich durch die Archive liest, findet Daniels wechselnde Lebenspläne. Er will "um die Welt reisen und was erforschen. Aber ich werde weiter für Deutschland da sein." Er will ein Guru in Indien werden. Oder Weltraumpilot. Oder bei der Fußball-Nationalmannschaft aushelfen. Viele Achtzehnjährige haben solche Wünsche, aber sie bleiben privat. Sie kommen nicht auf den Markt, weil es keinen Markt für fixe Ideen von unbekannten Halbwüchsigen gibt. Daniel schläft schlecht. "Ich glaube, das kommt daher, dass sehr viel wirr in meinen Gedanken ist." Das Anklicken der Homepage von seinem Heimatort Eggerfelden führt zur Weiterleitung auf Daniel-Fan-Seiten. Dort steht auch dieser Satz von ihm, der mit den wirren Gedanken. Die Stadt ist Daniels Eckermann. Sie notiert alles, was er irgendwo gesagt hat, und merkt wohl nicht, dass Hilferufe dabei sind. Sie melken die Kuh. Alle machen mit. Der Vater, der Daniel managt. Die Mutter, die sich öffentlichkeitswirksam von Daniel und seinem Buch distanziert, aber ihn vor Kameras gerührt umarmt. Ein Halbbruder, der ein Gegenbuch ankündigt. Die Werbevertragspartner. Fernsehzuschauer, Zeitungskäufer. Und wir, die Journalisten. Niemand will auf den Quoten- und Auflagengaranten verzichten. Wer hilft Daniel Küblböck bei dem Entzug, der seiner Sucht nach Wahrnehmung nun folgen müsste? Von Journalisten befragte Psychologen sprechen bei ihm von einer labilen Persönlichkeit, von hysterischen Tendenzen oder der Gefahr einer Borderline-Persönlichkeit - was bedeutet, dass jemand von der Angst, verlassen zu werden, gesteuert wird. Daniel hat um Liebe gebettelt. Er riss den Mund beim Lachen zu weit auf, er redete und hampelte zu viel, kostümierte sich zu viel. Alles für euch, Männchen machen mit Hingabe. Alles immer viel zu viel. Da sollte doch mal jemand kommen und ihn rausholen, aus jeder Art von Dschungel. Aber es geht immer weiter. Wir gucken zu. "So eine Frohnatur wie Daniel - und jetzt das", sagte Dieter Bohlen nach dem Autounfall. Einer, der ihm vielleicht helfen könnte, hat kein gutes Auge."Es wäre still im Wald, wenn nur die begabtesten Vögel singen dürften. " Daniel Küblböck.Foto: "Der Daniel ist durch. " Küblböck in einem Jet auf dem Flugplatz seiner Heimatstadt Eggenfelden.