WITTEN/BOCHUM, 27. Juli. "Ruhe sanft, Freund!" Mit dieser irritierenden Widmung eines Mörders an sein Opfer beginnt ein bizarres Buch. Ein Buch, das ein Verurteilter geschrieben hat, der sich für unschuldig hält und der es nötig findet, dies der Welt drei Jahre nach der Tat und zwei Jahre nach seinem rechtskräftigen Urteil mitzuteilen. Ein Mörder, dem es gelungen ist, aus der Psychiatrie heraus für seine seltsame Rechtfertigungsschrift einen Verlag zu finden. Ein Mörder, den auch sein Anwalt nach wie vor für einen Mörder hält. 66 MessersticheEs war im Juli 2001, als der "Satansmord von Witten" die Republik schockierte. Zwei junge Eheleute, Daniel und Manuela Ruda, hatten ihren Bekannten Frank H. in Manuela Rudas Wittener Wohnung gelockt und mit 66 Messerstichen und Hammerschlägen getötet - angeblich auf "Befehl des Satans". Nach der Tat bedrohten sie weitere ihnen "missliebige" Leute schriftlich mit dem Tod, flüchteten Richtung Osten, wurden nahe Jena von der Polizei gefasst. Ein halbes Jahr später wurden sie in Bochum wegen gemeinschaftlichen Mordes zu 15 und 13 Jahren Haft verurteilt und in die Psychiatrie eingewiesen. Daniel Ruda erhielt damals die höhere Strafe, weil er nach Auffassung des Gerichts "die treibende Kraft" war. Seine Frau hatte ausgesagt, er habe das Opfer mit einem Hammer niedergeschlagen und sie dann aufgefordert, einen "Herzstich" zu setzen; im Prozess stritt er das nicht ab. Doch in seinem Buch behauptet der 29-Jährige nun, mit dem Mord habe er gar nichts zu tun gehabt. Die drei Jahre jüngere Manuela - er nennt sie mit ihrem Szenenamen Allegra - habe ihn ins Schlafzimmer geschickt, bis sie ihn nach zwanzig Minuten wieder hereinrief. Dort sah er "Blut, viel Blut, ein Meer von Blut." Er habe dem Toten die Messer aus der Brust gezogen und vergeblich versucht, ihn wiederzubeleben. Die folgende Szene schildert er im Buch so: "'Du hörst mir jetzt zu' zischte sie, und winzige Speicheltropfen flogen ihm entgegen. 'Was hier geschehen ist - Nebensache! Fakt ist: hier liegt ein Toter, du bist hier, ich bin hier. Wolltest du nicht immer ein Outlaw sein?! Antworte!' 'Ja, verdammt!' spie Dani ihr entgegen, 'aber nicht auf Kosten anderer Menschen, schon gar nicht auf Frankies!' Allegra grinste. 'Dani - du bist im Arsch! Außerdem, Frankie war doch nur ein Mensch!'"Es ist dieser letzte Satz, den Daniel Ruda nun seiner Frau zuschreibt, mit dem in Wahrheit er selbst damals über die Tat redete. Sein Buch hat er im Stil eines Reißers verfasst, zur Hälfte in der dritten Person, kalt, als ginge es nicht um ihn, selbstverliebt. Er erzählt, wie er Manuela per Kontaktanzeige kennen lernte, wie sie ihn dann hörig gemacht habe - das Protokoll einer Besessenheit. "Nie zuvor habe ich einen Menschen derart geliebt, derart vergöttert. Die Liebe zu ihr machte mich blind, und das uneingeschränkte Vertrauen, das ich in sie setzte, brachte mir wie auch Frankie die völlige Verdammnis."Weil er ihr hörig war, habe er sie schützen wollen und die Schuld auf sich genommen, behauptet Daniel Ruda nun. Um im Verhör glaubhaft zu wirken, habe er sich eine schwere Jugend und satanische Erscheinungen ausgedacht. Damit habe er sogar die Gerichtspsychiater getäuscht. Inzwischen aber sei ihm klar geworden: "Manuela hat mich nur benutzt." Deshalb die Scheidung kurz nach dem Prozess und deshalb auch dieses Buch, das er "Fehlercode 211" nennt, nach dem Mordparagraphen im Strafgesetzbuch. Er schreibt: "Man hat mich für einen Mord verurteilt, den ich nicht begangen habe." Im Bochumer Prozess untersuchte der psychiatrische Gutachter Norbert Leygraf den Angeklagten Daniel Ruda. Zu Rudas Äußerungen im Buch sagt er heute: "Das ist lächerlich. Wir haben ihm all diese Geschichten aus seiner Jugend ohnehin nicht geglaubt, weil sie uns wie auswendig gelernt vorkamen." Daniel und Manuela Ruda litten beide an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung, einer krankhaften Übersteigerung des Selbstgefühls, sagt Leygraf. "Und dieses Buch ist der beste Beweis dafür. Er hat einen Menschen umgebracht und nutzt seine Bekanntheit, um für sich zu werben. Egozentrischer kann man nicht sein." Ähnlich sieht dies Hans Reinhardt, der Anwalt Rudas. "Ich habe versucht, ihm das Buch auszureden, aber vergeblich", sagt er. Große Häuser hatten das Manuskript abgelehnt, Ruda fand dann aber mit dem Klein-Verlag Haag + Herchen doch noch eine Möglichkeit zur Veröffentlichung. Der Anwalt sagt: "Daniel hat seine Tat verdrängt. Viele Gewaltverbrecher reden sich ein, nicht schuldig zu sein." Eine Wiederaufnahme des Verfahrens, die Ruda wolle, sei aber nur möglich, wenn neue Beweise auftauchten. "Etwa für seine Vermutung, dass Dritte an der Tat beteiligt waren. Aber die liefert er nicht." Zurück im GefängnisDaniel Rudas Anwalt berichtet, dass sein Mandant in der psychiatrischen Anstalt jede Kooperation verweigert habe, weil er sich dort als Gesunder unter Kranken fühlte und es nur Gruppentherapie gebe. Als das Buch jetzt erschien, kam er zurück ins Gefängnis, denn er sei ja gesund. Das passte dem Häftling, der inzwischen lange Haare trägt und früh ergraut ist, auch wieder nicht. Anwalt Reinhardt hat daher in der vergangenen Woche den Antrag gestellt, Daniel Ruda wieder in die Psychiatrie zu verlegen und ihm eine Einzeltherapie zu gewähren. "Im Gefängnis kam bei ihm alles wieder hoch. Der Mord. Er will sich nun doch behandeln lassen." So hätte dieses Buch immerhin indirekt die Selbsterkenntnis eines Mörders befördert.------------------------------Foto: Daniel Ruda im Prozess in Bochum. Er wurde wegen Mordes zu fünfzehn Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.